Literaturbeilage Germaine die GroßeSeite 2/2
Gleichsam als Ethnologin erschien Germaine de Staël in Frankfurt, Berlin, vor allem in Weimar, um im Eiltempo das deutsche Wesen zu erkunden und ihm durch ihr Buch De l’Allemagne Weltgeltung zu verschaffen. Ihrem Sprachfluss hielt Schiller nicht stand, und Goethe schätzte und fürchtete diese Propagandistin des Geniekults gleichermaßen. Prophetisch diagnostizierte die erregt Reisende das Himmelstürmende deutschen Geists sowie die politische Ohnmacht der intellektuellen Elite. Ebenso unverblümt gab die Pariserin andere Eindrücke wider: »Frivolität ohne französische Grazie ist etwas ganz Unerträgliches, und da die Deutschen ihrer Natur nach nicht frivol sind, wirkt ihre Heiterkeit so trist, daß man fortwährend versucht ist zu fragen: ›Warum tun sie denn so?‹« Insgesamt wurde das tabakrauchgeschwängerte, geheimnisträchtige Land für Germaine de Staël, wie Sabine Appel summiert, zum Gegenbild einer zweckhörigen und despotischen Gegenwart.
Unablässig neugierig auf Fremdes, durchquert sie halb Europa
Eine beglückende Regsamkeit vermittelt Sabine Appel, wenn sie vom freigeistig erotischen, internationalen Musenhof der Madame de Staël in Coppet berichtet, einem Arkadien, wie es nicht wiederkehrte. Langjährige Liebhaber und Getreue wie die Dichter Benjamin Constant, Adelbert von Chamisso, ein feuriger Husarenoffizier vermischten sich in dieser geselligen Betriebsamkeit mit der Mystikerin Juliane von Krüdener, der graziösen Juliette Récamier, einem Prinzen von Preußen, um allesamt des Nachts die Schlossherrin in eigenen Dramen beim Theaterspielen zu bewundern.
Unablässig neugierig auf Fremdes, durchquerte Germaine de Staël, stets von Spionen diverser Mächte verfolgt, halb Europa, auch um Kräfte gegen den Zwingherrn Bonaparte zu mobilisieren. Als eine der letzten Ausländerinnen bestaunte sie 1812, während die Grande Armée vorrückte, das noch nicht niedergebrannte Moskau. Als der Imperator drei Jahre später besiegt war, damit jedoch auch Frankreich am Boden lag, erklärte die Patriotin: »Wozu beglückwünschen Sie mich – dazu, daß ich verzweifelt bin?« Die neue Lebensbeschreibung rückt eine temperamentvolle schöpferische Frau ins Licht, welcher August Wilhelm von Schlegel schwor: »Ich bin stolz darauf, Ihr Eigentum zu sein.«
Madame de StaëlBiografie einer großen EuropäerinSabine AppelPolitisches BuchBuchArtemis & Winkler2006Düsseldorf24,90361- Datum 16.03.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 16.03.2006 Nr.12
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