Pharma Beute gefunden

Merck will Schering kaufen. Die beiden kleinen Konzerne der Pharmabranche kopieren die großen

Im Grunde hat Schering nie nach Berlin gepasst. Mit seiner mattsilbernen Aluminiumfassade wirkte der Pillenkonzern immer schon wie ein Fremdkörper im Hinterhofgewimmel des Weddinger Kiez. Der leuchtende Schriftzug auf dem Dach kontrastiert mit den verblichenen Lettern von Schille’s Sporteck und Rudis Reste-Rampe 15 Stockwerke weiter unten. Wirtschaft – das bedeutet in diesem Teil der Hauptstadt vor allem Hochprozentiges und Niedrigpreisiges. Die Logik der Börse ist den Berlinern eher fremd.

Was in diesen Tagen an der Müllerstraße passiert, ist nicht gerade geeignet, sie einander näher zu bringen: Schering ist Berlins einziges Dax-Unternehmen, und dem droht nun die Übernahme. 77 Euro pro Aktie hat der Konkurrent Merck aus Darmstadt geboten. Das finden nicht nur Schering-Chef Hubertus Erlen und seine Aufsichtsräte ziemlich wenig, sondern auch Bankanalysten und andere Kenner der Branche. Deshalb könnte es sein, dass sich weitere Wettbewerber zu Wort melden, um Merck zu überbieten. In jedem Fall wäre Scherings Selbstständigkeit verloren.

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In der Stahlbranche sind solche Bieterschlachten inzwischen an der Tagesordnung. Und auch wenn BASF in Ludwigshafen feindliche Übernahmen androht, wie gerade beim US-Unternehmen Engelhard geschehen, wundert das kaum jemanden. Schließlich ist BASF der größte Chemiekonzern der Welt. Unter den Pharmariesen sind Zusammenschlüsse ebenfalls seit Jahren üblich. Die beiden Schweizer Konzerne Ciba Geigy und Sandoz verschmolzen zu Novartis. Der US-Konzern Pfizer gelangte durch die Übernahme von Warner-Lambert und Pharmacia an die Spitze der Weltrangliste. Glaxo Wellcome und Smithkline Beecham taten sich zu GlaxoSmithkline zusammen, die Nummer zwei. Aus der Frankfurter Hoechst AG und dem französischen Wettbewerber Rhône-Poulenc wurde Aventis und nach der Übernahme durch Sanofi schließlich Sanofi-Aventis – die Nummer drei.

Nun also geht die Konsolidierung weiter: im Berliner Proletarierkiez und der westdeutschen Provinz. Nach den Großfusionen sind die Unternehmen dran, die durch Fusionen erst groß werden wollen – oder durch Übernahmen vom Markt verschwinden werden. Neben Schering und Merck spielen in dieser Klasse auch noch Altana aus Bad Homburg, die Monheimer Schwarz Pharma und der Generika-Hersteller Stada aus Bad Vilbel.

In Südhessen herrscht derzeit Euphorie: Ein historischer Tag für Merck titelt das Darmstädter Echo in seiner Internet-Ausgabe. Seit der Maikäferplage im Jahr 2002 hat die Gegend keine solchen Schlagzeilen mehr geliefert. Ach ja, dann war da noch 2003 die Übernahme des örtlichen Shampoo-Herstellers Wella durch Procter & Gamble aus Amerika. Doch diesmal ist es anders. Diesmal sind die Darmstädter am Drücker.

Mit der Übernahme will sich Merck die Tür zu den Neurologen öffnen

Schon einmal hat das Unternehmen Merck der Stadt zu Ruhm und Reichtum verholfen. Das ist lange her. Im Jahre 1668 erwarb Friedrich Jacob Merck die Engel-Apotheke zu Darmstadt. Die Pharmazeutenfamilie unterhielt in der Folgezeit aber nicht nur freundschaftliche Beziehungen zum Dichter Goethe in Frankfurt. Sie dehnte zudem auch ihre Geschäfte bis weit über die Stadtgrenzen hinweg aus.

Die internationale Expansion erlitt einen Rückschlag, als nach dem Ersten Weltkrieg die Amerika-Tochter enteignet wurde. Sie heißt heute Merck & Co, ist ein unabhängiges US-Unternehmen und inzwischen größer als die einstige Muttergesellschaft Merck KGaA in Deutschland. Das ärgert die Darmstädter, hat aber auch damit zu tun, dass in den Laboren dort lange keine neuen Pillen mehr erfunden wurden. Als mit dem Diabetesmittel Glucophage vor einigen Jahren ihr letztes Medikament den Patentschutz verlor, wurde Merck zum Generika-Hersteller wider Willen.

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