Literaturbeilage Die Bekämpfung der Arbeitslosen
Barbara Ehrenreich beschreibt ihre amerikanische »Irrfahrt durch die Bewerbungswüste«
Es gibt ein altes deutsches Sprichwort, das den obersten Glaubensgrundsatz des Kapitalismus illustriert und das gegenwärtig, je mehr es sich als Irrtum erweist, desto fanatischer propagiert wird. Es lautet: Jeder ist seines Glückes Schmied. Soll heißen: Wer sich anstrengt, wird nicht scheitern, und wer scheitert, ist selbst schuld. Seit sich in Deutschland die Krise des Sozialstaats zuspitzt, wird immer hysterischer über die vermeintliche Arbeitsscheu der Arbeitslosen spekuliert, fällt immer öfter das Wort Eigenverantwortung, loben gewisse Politiker immer eindringlicher das »amerikanische Modell« eines durch Sozialmaßnahmen kaum gebremsten Wettbewerbs. Barbara Ehrenreich allerdings gehört zu jenen Amerikanern, die dem Aberglauben an die alles überwindende Kraft des Einzelnen nicht anhängen. Unter dem Titel Qualifiziert und arbeitslos hat die Journalistin jetzt ein erschütterndes Buch zur Arbeitslosigkeit in den USA geschrieben, das auch von den demoralisierenden Folgen der Leistungsethik handelt.
Ein ganzes Jahr lang versetzte Barbara Ehrenreich sich in die Rolle einer erwerbslosen Akademikerin. Zur Tarnung nahm sie ihren Mädchennamen an, fügte ihren tatsächlichen Qualifikationen noch ein paar erfundene hinzu und stürzte sich mit dem Selbstbewusstsein einer Erfolgsautorin, die in Wahrheit für das New York Times Magazine und das Wall Street Journal arbeitet, ins Bewerbungsgetümmel. Sie konsultierte Vermittlungsagenturen, Karrierecoachs und Networking-Experten. Sie optimierte ihre Garderobe, trainierte ihr Lächeln, flog in hässliche Städte und gab 6000 Dollar für Bücher, Reisen und die Platzierung auf »Elite«-Job-Boards aus. Am Ende bekam sie jedoch keine Anstellung und wurde auch zu keinem einzigen seriösen Vorstellungsgespräch geladen.
Stattdessen erlebte sie eine »Irrfahrt durch die Bewerbungswüste« und gelangte zu deprimierenden Einsichten in die kollektive Psyche ihres Landes. Diese serviert sie uns nun – leicht lesbar, dennoch schwer verdaulich – in einem essayistisch durchgestalteten Erfahrungsbericht. Den »ökonomischen Gewinnern«, schreibt Ehrenreich, »also denjenigen, die einflussreiche und gut bezahlte Positionen besetzen«, komme die Ansicht, jeder sei seines Glückes Schmied, außerordentlich gelegen. Denn: »Sie erklärt den Erfolg der Gewinner auf höchst schmeichelhafte Weise und entkräftet die Klagen der Verlierer.« So rechtfertigt sie die bestehenden Verhältnisse und erspart den Gewinnern ein schlechtes Gewissen. Wer Millionär ist, hat es sich verdient, und wer arm ist, dem geschieht es recht.
Diese Lektion bekommt die Autorin in einem Bootcamp, einer Art Trainingslager für Führungskräfte, eingebläut. Es ist die achte Woche ihres Selbstversuchs, und man muss sich den fensterlosen Konferenzraum eines dürftig ausgestatteten Mittelklassehotels vorstellen. Kein Mineralwasser. Keine Schnittchen. Um den hufeisenförmigen Tisch gruppiert sich ein Dutzend müder Bürotypen, die dafür bezahlen, dass ein kleiner Mann mit Bierbauch und Halbglatze sie kujoniert. Der Mann heißt Patrick und nimmt sich das Recht, den anderen Leuten im Raum ihre privaten Ängste, Wünsche, Lebensgeschichten abzupressen. Er stößt seine Klienten mit boshaften Fragen vor den Kopf und verblüfft sie mit perfiden Maximen, gemischt aus Küchenpsychologie, New Age und Übermenschengefasel.
»Wer ist der Mensch, der Kevin im Wege steht?«, fragt Patrick und gibt auch gleich die Antwort: »Kevin.« Patrick besitzt, trotz seiner offenkundigen Beschränktheit, ein Talent, die verletzlichen Stellen der Seminarteilnehmer zu erspüren und mit dem stumpfen Messer seiner »Ratschläge« darin herumzustochern – bis der Proband in Tränen ausbricht. Ehrenreich schildert diesen Mister Allwissend wie einen billigen, doch gefährlichen Doppelgänger des Hypnotiseurs Cipolla aus Thomas Manns Novelle Mario und der Zauberer. Seine Kunst besteht darin, die Wirklichkeit zu vernebeln und die Zuhörer zu demütigen. So lenkt er von ihren handfesten Sorgen ab und erspart sich das peinliche Eingeständnis seiner eigenen Ohnmacht. Natürlich hat auch Patrick kein Rezept gegen den Kapitalismus.
Patricks Auftritt ist eine Schlüsselszene des 250 Seiten langen Selbstverbesserungsmarathons, den Ehrenreich in der Erwartung startet, praktische Hilfe bei der Stellensuche zu bekommen. Dabei gerät sie in Bibelclubs für Führungskräfte. Erlebt beim Visagisten ihre eigene Produktwerdung – die Arbeitslose als überschüssige Ware, die sich in neuer Verpackung selbst verkaufen soll. Und schließlich fällt sie in die Hände von Jobberatern, die ihr allen Ernstes vorschlagen, sie solle, anstatt sich bei einer Firma zu bewerben, lieber deren Aktien kaufen, um bei der Jahreshauptversammlung mit den Bossen anzubändeln. Am absurdesten erscheint das Vertrauen der Personalchefs in hanebüchene Persönlichkeitstests: Bei einem stellt sich heraus, dass sie, die Starautorin Ehrenreich, kein Talent zum Schreiben habe. Es zeigt sich, dass all die Zeremonienmeister der Bootcamps, Networking-Events und Forty-Plus-Clubs gar nicht erst versuchen, das Problem der Arbeitslosigkeit zu lösen. Stattdessen bearbeiten sie den Arbeitslosen so lange, bis er sich selbst als das Problem erkennt.
- Datum 16.03.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 16.03.2006 Nr.12
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Danke, allein dieser Artikel hat mir wieder einmal ein bisschen die Augen geöffnet.
Diese Vermutung, dass die wenigsten Leute wirklich für ihr Schicksal verantwortlich sind, schlummerte schon lange in mir.
Aber nun sind mir auch die Gründe klar, warum das geschieht, es verschont die Gesellschaft mit der wahren Problemsuche.
Um mal ein Beispiel zu liefern: Ich bin Akademiker Anfang 40 und arbeite für ein internationales Unternehmen (leider und niemals wieder). Und jetzt kommt der Clou, ich bekomme Gehalt, habe aber schon seit Monaten keinen Finger krumm gemacht und arbeite im "Home Office" - tue also nicht.
Wie ist das möglich? Ganz einfach, mein direkter Vorgesetzter wechselt regelmäßig und arbeitet ca. 2000-6000km entfernt. Ich tauche also nur unregelmäßig auf dem Radar auf. Meine Projekte sind entweder weggebrochen oder noch nicht gestartet.
Ich könnte morgen (wie einem Kollegen geschehen) mit Abfindung gefeuert werden oder noch Monate so herumsitzen.
Es ist absolute Willkür.
Und das beste: Ich liebe es!
Wenn man einmal erkannt hat, dass es mittlerweile nicht mehr von dir selbst abhängig ist, ob Du Erfolg hat oder nicht, lebt es sich wirklich entspannt.
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