Literaturbeilage
Kirke, Kalypso, Kittler
Kleines Protokoll einer Ratlosigkeit angesichts der Studie »Musik und Mathematik« von Friedrich A. Kittler
Friedrich Kittler ist ein grandioser Synthetiker und ein, bisweilen, gemeiner Autor. Er vermag es ohne weiteres, Hesiod, Pink Floyd, Pynchon, Plutarch, Spengler und Lacan im Original in einer der zahllosen Nischen seines geheimnisvollen Baukastens zu einem Bündel zu schnüren und den geneigten Leser in ungelichteter Düsternis zurückzulassen.
Nicht gering war die Freude freilich über das Versprechen, in Kittlers neuem Werk zu Musik und Mathematik unsere Herkunft neu zu erlesen, radikal im Sinne der radix, der Wurzel: ein Abenteuer, zu den Wurzeln also!, zu den wahren Worten!, endlich ist Teil 1 Aphrodite von Band 1 Hellas da. Kittler, der stürmisch drängende Bastler, hat sich auf die Spuren des Odysseus begeben, der bekanntlich eine längere Reise tat. Über die Nymphengöttinnen, die in Menschenlauten sprechen, über Kirke und Kalypso, die Sirenen, kurzum die Musen gewinnt er seine These: Musik und Mathematik, »das Schönste nach der Liebe, das Schwerste nach der Treue«, haben dieselbe Wurzel.
Wieso schwer? Wieso hörsam? Wieso achtsam?
Kittler setzt Ursprungsversessenheit gegen die Ursprungsvergessenheit der späten Moderne und betreibt das Geschäft einer radikalen Revision der Zivilisationsmythologie. Herkunftskunde tut gut, dafür muss es mal heideggern, denn »denkend kehrt der Dank zurück«, der Dank an unser aller Muttersprache, das Musigriechische. Jedenfalls ist’s eine Frau, die Kirke, mit der die Musik beginnt, weiblich ist schließlich die Muttersprache. »In Wahrheit kommt Gesang als Gabe von den Musen.« Und plötzlich leuchtet es ein, und in unsere unverstopften Ohren dringt das große Singen. Aus der Weberei (Frauenwissen!) entsteht die Arithmetik, und wenn wir Kittler, den Fährmann ungelichteter Geschichte, recht verstehen, verheißt Logos im Sinne des Urworts kaum anderes denn »Klangzauber«, wonach alles Denken nichts denn singend Sagen wäre. Und dann? Wenn die Sage nun vom Singen kommt, Kittler, großer, was willst uns seinsvergessenen Dummbatzen du im Eigentlichen sagend singen?
Er ist, obwohl Mann, selbst ein Weber, ein Textweber. Von vielen Hilfsarbeitern lässt er Fäden spinnen und auslegen, die er zum Stoff flicht. Die Geburt Europas aus dem Geiste der Musik heißt das Ergebnis. Der Gesang der Musen ist das Zentrum unseres Seins. Hier wird Fundamentaletymologie zur Fundamentalontologie – alles, was ist, ist hellenisch. Hier endlich hören wir Nietzsche singen: Nur als ästhetisches Phänomen sind das Dasein und die Welt gerechtfertigt, und zwar auf ewig.
Dem Baukasten des postpostpostmodernen Textwebers stehen zur Verfügung: altgriechischer Gesang, Borges-Poesie, Geschichtsreferat, Kunstkritik, Quellenkunde, Reisebeschreibung, Tontafeln, Landkarten, Inschriften, Zeichnungen, Gleichungen und, last, not least, Verweis, Andeutung, Anspielung, kurzum: das formale Rüstzeug der Ironie. Dieserart: »Der Gesang abgestorben. Griechenland in der EU.«
Wahrnehmbare Auf- und Ableitungen sind Kittlers Sache nicht. Wo es aus unserer Tiefe »Klarheit!« schreit, segelt er fort, und wir Ratlosen müssen weiter ahnen. Es geht ums Regelwerk der Verse, darin verfugt die Göttersagen, der Hexameter als erste allgemeine Mathesis der Muttersprache. »So schwer, so hör- und achtsam fing Europa an.« Wieso schwer? Wieso hörsam? Wieso achtsam?
Aus dem zweiten Kapitel des ersten Teils des ersten Bands nun spricht Pythagoras, seit dessen Leben die Lehre Mathema heißt – nicht rechnen, nicht berechnen, vielmehr meint mathein das dunkle Wissen in den Herzen der fahrenden Helden. Also Erfahrung; bis Aristoteles kam und die Welt zu zählen begann. Wir hören als Kittlers Zeugen die Akusmathiker und die Mathematiker, Empedokles, Herakleitos, Hippasos und vor allem Archytas von Taras. Für die pythagoreische Musikmathematik hat der Textweber, der den Lehrstuhl für Ästhetik und Geschichte der Medien an der Humboldt-Universität zu Berlin innehat, Konvolute von Lektüren hinter sich, sein Quellen- und Literaturapparat ist 64 Seiten stark, und wenn wir seine Sorge recht verstehen, will Kittler ein alter Grieche sein und, zum Zwecke der Seinsentbergung, den Logos mit dem Mythos vermählen, damit die Welt zurück in die Fugen gerate.
Aber ach, Seit um Seit rinnen durch die Finger auf der Suche nach Kurzweil. Kirke, Kalypso, Kittler: Uns dröhnen die Sirenen. Schließlich verstauen wir die Leier und strecken die Waffen der Kritik. Der Bricoleur schrieb’s ja selbst: »Jedes Lesen, das nicht sklavisch treu bleibt, soll also stracks zur Hölle fahren.« Chapeau dem Marathonleser. Wir allerdings befinden uns auf direktem Seeweg in die Unterwelt, vor uns des ersten Bandes zweiter Teil Eros und die Hoffnung, dass die Bände Roma aeterna (2), Hesperien (3) und Turingzeit (4) in Kürze Muße, Trost und Rat spenden.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT 16.03.2006 Nr.12
- Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren