Literaturbeilage Kirke, Kalypso, KittlerSeite 2/2
Wahrnehmbare Auf- und Ableitungen sind Kittlers Sache nicht. Wo es aus unserer Tiefe »Klarheit!« schreit, segelt er fort, und wir Ratlosen müssen weiter ahnen. Es geht ums Regelwerk der Verse, darin verfugt die Göttersagen, der Hexameter als erste allgemeine Mathesis der Muttersprache. »So schwer, so hör- und achtsam fing Europa an.« Wieso schwer? Wieso hörsam? Wieso achtsam?
Aus dem zweiten Kapitel des ersten Teils des ersten Bands nun spricht Pythagoras, seit dessen Leben die Lehre Mathema heißt – nicht rechnen, nicht berechnen, vielmehr meint mathein das dunkle Wissen in den Herzen der fahrenden Helden. Also Erfahrung; bis Aristoteles kam und die Welt zu zählen begann. Wir hören als Kittlers Zeugen die Akusmathiker und die Mathematiker, Empedokles, Herakleitos, Hippasos und vor allem Archytas von Taras. Für die pythagoreische Musikmathematik hat der Textweber, der den Lehrstuhl für Ästhetik und Geschichte der Medien an der Humboldt-Universität zu Berlin innehat, Konvolute von Lektüren hinter sich, sein Quellen- und Literaturapparat ist 64 Seiten stark, und wenn wir seine Sorge recht verstehen, will Kittler ein alter Grieche sein und, zum Zwecke der Seinsentbergung, den Logos mit dem Mythos vermählen, damit die Welt zurück in die Fugen gerate.
Aber ach, Seit um Seit rinnen durch die Finger auf der Suche nach Kurzweil. Kirke, Kalypso, Kittler: Uns dröhnen die Sirenen. Schließlich verstauen wir die Leier und strecken die Waffen der Kritik. Der Bricoleur schrieb’s ja selbst: »Jedes Lesen, das nicht sklavisch treu bleibt, soll also stracks zur Hölle fahren.« Chapeau dem Marathonleser. Wir allerdings befinden uns auf direktem Seeweg in die Unterwelt, vor uns des ersten Bandes zweiter Teil Eros und die Hoffnung, dass die Bände Roma aeterna (2), Hesperien (3) und Turingzeit (4) in Kürze Muße, Trost und Rat spenden.
Musik und MathematikSachbuchBand 1: Hellas, Teil 1: AphroditeFriedrich KittlerBuchWilhelm Fink Verlag2006München39,90409- Datum 16.03.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 16.03.2006 Nr.12
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