Literaturbeilage Zum universellen Privatgebrauch

Die Philosophen Richard Rorty, Gianni Vattimo und Michel Onfray über Gott, die Gottlosen und die Welt

Als Richard Rorty sich vor einigen Jahren auf einem Heidelberger Symposion der Frage nach der Zukunft des biblischen Wahrheitsanspruchs ausgesetzt sah, gab er lakonisch zu Protokoll: »It’s over.« Der Philosoph meinte damals nicht, dass es mit dem Glauben an die utopischen Verheißungen der Bibel vorbei sei, sondern mit ihrer »Metaphysik«, ihrem Anspruch, eine, wenn nicht höhere, so doch andere Wahrheit als die Wissenschaft öffentlich stark machen zu können.

In öffentlichen Angelegenheiten ist die Wissenschaft unverzichtbar. Das Spiel des Gebens und Nehmens von Gründen gehört ebenso zu den öffentlichen Angelegenheiten wie die Parteipolitik, die Wahlkampfspende, die Biopolitik, der Flugzeugbau, die Sozialversicherung, der juristische Diskurs oder der Schulunterricht. Doch auf Religion können und sollten wir im öffentlichen Streit um die Verbesserung jener Angelegenheiten verzichten. Die Religion wird zwar nicht verschwinden, und Rorty will ihre öffentliche Artikulation auch keineswegs verbieten, aber wir sollten uns darüber klar werden, dass die Religion genauso wie die Philosophie oder die Kunst oder der Glaube an die einzig wahre Wissenschaft unsere Privatangelegenheit seien.

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Nun hat sich Richard Rorty zusammen mit seinem italienischen Kollegen Gianni Vattimo in einem neuen Buch die Frage nach der Zukunft der Religion gestellt. Rorty glaubt zwar nicht an einen Gott, möchte sich aber auch nicht mehr als Atheist verstanden wissen, weil ihm das als Wahrheits- und Wissenschaftsfundamentalismus ausgelegt werden könnte. Er bezeichnet sich deshalb heute als antiklerikalen Laizisten, der nicht fanatisch für die Abschaffung des Glaubens, sondern reformistisch für die Abschaffung der Kirchen und religiösen Organisationen plädiert – sofern diese eine öffentliche Macht darstellen.

Denkt man an Rortys Präsidenten und daran, dass die politische Macht der Sekten, die der Republikanischen Partei nahe stehen, heute immerhin so groß ist, dass sie die Schulgesetzgebung mancher US-Staaten mit antidarwinistischen Ideologien verseuchen kann, ist Rortys Antiklerikalismus keineswegs unplausibel. Wenn die rechtlich scharf gezogene Linie, die Kirchen und Sekten von der politischen Macht und der Rechtsprechung trennt, Laizismus ist, dann entfallen die hierzulande immer etwas selbstgerecht klingenden Einwände gegen den Laizismus.

An irgendetwas muss man glauben, um sich selbst erschaffen zu können

Im Privatleben, im Bildungsprozess der individuellen Person hingegen spielen Religion, Philosophie, Kunst, Liebe oder x-beliebige Wissens-, Heils- und Glückslehren eine große und legitime Rolle. An irgendetwas dieser Art müssen wir glauben, um uns als unverwechselbare Person selbst erschaffen zu können. Am besten gefällt Rorty deshalb die amerikanische Religion Harold Blooms, nach der jeder einzelne Amerikaner eine je eigene Religion haben sollte – als Medium fortschreitender Individualisierung.

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