Noch hat niemand zum Boykott von Labskaus, Aalsuppe und anderen hamburgischen Weltexportartikeln aufgerufen. Und doch wird es für die Stadt nun unbehaglich: Direkt zwischen Binnen- und Außenalster soll ein Kunstwerk entstehen, das aussieht wie die Kaaba, wie die zentrale Kultstätte des Islams in Mekka.

Weithin sichtbar, wird sich der enorme Kubus, zwölf Meter hoch, neben der Kunsthalle erheben – ein mutiges Vorhaben, meinen manche. Schon zweimal ist der Künstler Gregor Schneider mit seinem schwarzen Riesenwürfel abgewiesen worden, zunächst von Venedig, dann von Berlin. Zensur! Zensur!, hieß es da gleich. Ein Kunstwerk werde verhindert aus falscher politischer Rücksichtnahme, aus Angst vor Islamistenterror.

Gregor Schneider spielt mit dieser Angst, mit der Nähe von Kunst und Kult. Und darf sich dabei auf die Kunstfreiheit berufen, zumal der Islam die Ab- oder Nachbildung der Kaaba nicht untersagt. Allerdings bezweifelten Venedig und Berlin offenbar, dass Schneiders Cube tatsächlich den »Dialog der Kulturen« befördert, wie der Künstler meint.

Die Hamburger Kunsthalle will daran glauben. Ihr neuer Chef, Hubertus Gaßner, hat die Kunstkaaba in Auftrag gegeben. Er spricht von einem »Mahnmal der Toleranz«. Und will dieses Mahnmal bald bauen lassen, rechtzeitig zur Eröffnung einer großen Ausstellung über das Schwarze Quadrat von Konstantin Malewitsch. Der Schneider-Kubus wird also kunsthistorisch abgefedert und damit, so könnte man meinen, politisch entschärft. Das Gegenteil ist der Fall.

Denn man kann Malewitsch vieles nachsagen, nur bestimmt keine übertriebene Toleranz. Er war im Jahr 1915, als das Quadrat entstand, ein Extremist der Moderne, ein radikaler Prophet des Neuen. »Gebt die Liebe auf, gebt den Ästhetizismus auf«, schrieb er. »Lasst die Koffer voller Weisheit stehen, denn in der neuen Kultur ist eure Weisheit lächerlich.« Für diese neue Kultur sollte das Schwarze Quadrat so etwas wie ein Kultbild werden.

Ohne diesen Hintergrund mag Schneiders Kubus wie ein reines Kunstwerk wirken, nur lose an die Kaaba erinnernd. Im Rahmen der Malewitsch-Ausstellung aber wird der Cube historisch aufgeladen und zu einer Anmaßung: Er überhöht noch einmal das Kultbild des Suprematismus und setzt damit Kunstglauben und Gottesglauben gleich – was vielen als Verhöhnung der Religion erscheinen könnte. Auch das darf Kunst natürlich. Nur sähe ein »Mahnmal der Toleranz« vielleicht doch anders aus. Toleranz heißt nicht, alles gleichzumachen, nicht alles als gleich gültig zu betrachten.

Genau darauf aber zielt Schneider: Er will die postmoderne Vergleichgültigung, er nimmt der Form die Bedeutung, rückt sie ins Beliebige. Und diese Beliebigkeit darf man durchaus verachten, in Orient wie Okzident.