Bremen Stadt der Beleidigten

Bremerhaven gehört zum Bundesland Bremen. Das ist ein Problem

Gerade hat der Magistrat der Stadt Bremerhaven wieder einmal sein Missfallen angesichts der politischen Verhältnisse im Bundesland Bremen im Allgemeinen und des hiesigen Umgangs mit Bremerhavener Angelegenheiten im Besonderen zum Ausdruck gebracht. Diesmal geht es um eine Änderung des bremischen Wahlgesetzes. Bremerhaven soll, weil die Einwohnerzahl der Stadt überproportional schrumpft, einen seiner Sitze in der Bremischen Bürgerschaft an die Bremer abtreten. 15 Fischköppe werden dann 68 Pfeffersäcken gegenüberstehen, aus Bremerhavener Perspektive ein Affront. Den Bremern, erklärte Bremerhavens CDU-Bürgermeister Michael Teiser, könne es nur gelegen kommen, dass sie künftig einen mehr unterbringen können.

Gemessen an den üblichen Umgangsformen zwischen Bremerhaven und Bremen, war das zurückhaltend formuliert. Denn Bremerhaven ist notorisch beleidigt, so sehr, dass die Nordsee-Zeitung dem Thema Benachteiligung Bremerhavens durch Bremen gleich eine ganze Artikelserie widmete. Anlässe finden sich immer.

Mal beschränkt der neu gewählte Bundespräsident Horst Köhler seinen Antrittsbesuch auf Bremen, ohne Bremerhaven die gebührende Ehrerbietung zu erweisen. Mal machen Bremer Politiker sich unangebrachte Gedanken zu der Frage, wie viele Mitglieder der Landesregierung aus Bremerhaven kommen müssten. Und als vor Jahren in einem Fernsehkrimi einer der Akteure fragte: Waren Sie schon mal in Bremerhaven, ich meine jobmäßig? Das ist das absolute Abstellgleis - da beschwerte sich Bremerhavens Oberbürgermeister Jörg Schulz, ein schmaler, blasser Sozialdemokrat, bei der ARD.

Das Verhältnis der beiden Kommunen im einzigen Zwei-Städte-Staat der Republik ist also vertrackt. Die Bremerhavener gelten vielen Bremern als chronische Jammerlappen und Heulbojen. Gern verspotten Bremer Bremerhaven als einzige ostdeutsche Stadt im Westen: Keine Jobs, die Amerikaner sind wieder weg, dafür sitzen Rechtsradikale seit Jahren in der Stadtverordnetenversammlung.

Umgekehrt werfen viele Bremerhavener den Bremern Arroganz und das Auftreten von Kolonialherren vor. Die Schwesterstädte trennen rund 60 Kilometer. Aber es heißt, die Distanz zwischen Bremerhaven und Bremen sei kleiner als die zwischen Bremen und Bremerhaven. Selbst dem ehemaligen Landesvater Henning Scherf unterliefen Ausrutscher wie: Man kann in Bremen Karriere machen, auch wenn man vorher mal in Bremerhaven war - wobei die Kritiker nicht den Sachverhalt selbst, sondern allein dessen öffentliche Feststellung beklagen.

Nun wird die deutlich kleinere Stadt vom Land großzügig bedacht. Ein Viertel der Investitionen im Landeshaushalt sind für Bremerhaven reserviert. Und immer wieder half das Land der Stadt mit Sonderzuweisungen aus der Bredouille - insgesamt mit mehr als 700 Millionen Euro. Doch es verbittert die Bremerhavener nicht wenig, dass das Land sich überhaupt in die finanziellen Angelegenheiten der Kommune einmischt, zum Beispiel in den Streit um den Neubau eines Eisstadions. Die Bremerhavener können die Kosten nicht allein tragen, und das Land - chronisch klamm - will und muss sparen.

Niemand redet davon, wie großzügig das Land zur Stadt Bremen ist, klagt Oberbürgermeister Schulz. Wenn Bremer Projekte mit der gleichen Skepsis betrachtet würden wie unsere, hätte man manche Bauchlandung bei den Investitionen verhindern können. Trotz oder wegen solcher Klagen haben die Bremerhavener gerade ein Mammutprojekt durchgesetzt. Rund 400 Millionen Euro werden in eine Wissenschaftsschau, ein Kongresshotel, ein mediterran inspiriertes Einkaufszentrum und ein Auswanderermuseum investiert, mehr als zwei Drittel stammen von Stadt und Land.

Hat Bremen noch nicht genug Geld mit Großprojekten in den Sand gesetzt? Nun, Bremerhaven fordert Gleichbehandlung. Und kein Bremer Politiker wagt es, die Stadt offen zu kritisieren. Wir können den Bremerhavenern nichts abschlagen, sagt ein SPD-Spitzenpolitiker, der nur unter der Bedingung spricht, anonym zu bleiben. Wir haben ständig ein schlechtes Gewissen. Das kompensieren wir mit käuflicher Liebe.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 16.03.2006 Nr. 12
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