Ich habe einen Traum Natalie Portman
»Als Schauspieler weiß man, dass es sich bei den Künsten um Illusionen handelt, also im erweiterten Sinn um Lügen. Aber sie zeigen dir eine Wahrheit. Im politischen Alltag ist es häufig umgekehrt. Man sagt zum Schein die Wahrheit, um diese möglichst geschickt zu vertuschen«
Mit Träumen habe ich mich während meines Studiums viel beschäftigt. Seither versuche ich nicht mehr, in ihnen unbedingt eine Bedeutung zu finden. Die Forschung beschreibt Träume als einen Vorgang, mit dem das Gehirn all die nutzlosen Informationen loswerden will, die es im Lauf des Tages aufgenommen hat. Das Bewusstsein versucht dabei, aus allem eine schlüssige Geschichte zu machen. Auch im zusammenhanglosen Informationsabfall will es einen Sinn finden.
Menschen neigen dazu, aus allem eine Geschichte zu machen. Manche Leute träumen sogar etwas und halten es dann für eine reale Erfahrung. Seit Urzeiten haben die Menschen versucht, ihre Träume zu erforschen – und erstaunlicherweise wissen wir noch immer nicht genau, warum es Träume eigentlich gibt. Allerdings liebe ich es so sehr, zu schlafen, zu träumen und mich Fantasien hinzugeben, dass ich glaube: Träume haben ihren Wert in sich selbst.
Und dann gibt es noch die Träume, für die sich das Aufwachen lohnt. Es gibt einige Dinge in unserer Welt, die ruhig mal neu geordnet werden könnten. Man muss ja nicht gleich alles umkrempeln. Aber es wäre langsam Zeit, ein paar Dinge zu überarbeiten, zum Beispiel das Wahlsystem in den USA. Ich fände es gut, eine Wahlpflicht für alle Bürger einzuführen, so, wie es sie in Australien gibt. Das allein würde schon viel verändern, einfach weil das Ergebnis repräsentativer wäre. Ich würde mir auch mehr Parteien wünschen und eine Volksvertretung, die auch die Minderheit berücksichtigt. In den USA bekommt die Mehrheit nahezu alle Macht.
Man kann nicht nur dann in einer Demokratie leben wollen, wenn die eigene Meinung gewinnt. Bei der vorigen Wahl habe ich John Kerry unterstützt. Es gewinnt nun mal derjenige, der die meisten Stimmen bekommt. Trotzdem muss man nicht jeder Regierung bedingungslos folgen. Man muss dem Gesetz folgen, wenn es ein vernünftiges, für menschliche Wesen gemachtes Gesetz ist.
Nicht jeder freut sich darüber, wenn Schauspieler sich politisch äußern. Aber ich bin ein Bürger wie jeder andere. Niemand wird gezwungen, mir zuzuhören. Jeder darf mir widersprechen. Ich habe wie jeder Amerikaner das Recht, meine Meinung zu sagen. Ich bin bestimmt nicht der politischste Mensch auf der Welt. Es gibt Phasen, in denen ich mich engagiere, und dann wieder Zeiten, wo ich mich zurückziehen muss, wo mir Politik bedeutungslos und oberflächlich erscheint. Dann möchte ich mich auf Dinge konzentrieren, die wirklich wichtig sind: Liebe, Familie, Beziehungen, Kunst. Politik kann einen oft desillusionieren. Aber es ist wichtig, weiterzumachen.
Als Schauspieler weiß man, dass es sich bei den Künsten um Illusionen handelt, also im erweiterten Sinn um Lügen. Aber obwohl du weißt, dass es Lügen sind, zeigen sie dir eine bestimmte Wahrheit: Sich vorzustellen, wie das Leben anderer Menschen ist, sich in sie hineinzuversetzen, ihre Geschichte und ihre Gefühle zu verstehen – das ist eine Übung in Mitgefühl für Schauspieler und Publikum.
Im politischen Alltag ist es häufig umgekehrt. Man sagt zum Schein die Wahrheit, um diese möglichst geschickt zu vertuschen. In den USA konkurrieren nur zwei Parteien, die viel Energie darauf verwenden, sich voneinander abzuheben. Sie sind sich so ähnlich und zugleich bittere Rivalen.
Die derzeitige Regierung redet hauptsächlich von ihrer militärischen Macht und davon, wie sehr sie den Soldaten ihren Dienst fürs Vaterland dankt. Aber das ist anscheinend nur Publicity. Die gesundheitliche Versorgung und soziale Absicherung von verwundeten Soldaten ist äußerst dürftig. Der gegenwärtige Präsident ist noch bei keinem einzigen Militärbegräbnis gewesen. Es ist unglaublich, wie Menschen behandelt werden, die für ihr Land ihr Leben riskiert haben.
Ich wünsche mir, dass der nächste amerikanische Präsident jemand ist, der außerhalb der Parteien steht. Jemand, der sich darum kümmert, wie man nicht nur das Land, sondern – und das meine ich wirklich so –: die Welt verbessern könnte.
Wir sind an einem Punkt angekommen, wo die ganze Welt das Recht haben sollte, den amerikanischen Präsidenten zu wählen. Ich habe sogar das Gefühl, dass der amerikanische Präsident den größten Einfluss auf die Menschen außerhalb der USA hat. Es sollte also jemand sein, der dieser Verantwortung gerecht werden kann.
Die USA sind ein großartiges Land mit wunderbaren Menschen und Ideen und schöpferischer Kraft. Es wäre an der Zeit, dass unser Präsident das dem Rest der Welt vermittelt.
Aufgezeichnet von Ralph Geisenhanslüke
- Datum 16.03.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 16.03.2006 Nr.12
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