Frankreich Allein und erfolglos
Per Dekret reformierte die französische Regierung das Arbeitsrecht. Und jetzt?
Solche Szenen haben die Franzosen lange nicht erlebt: Barrikaden auf dem Boulevard Saint-Germain, Hausbesetzer in der Sorbonne, Tränengasgranaten vor dem Collège de France. Nicht nur im Pariser Quartier Latin, sondern in mittlerweile 52 von insgesamt 84 französischen Universitäten herrscht seit einer Woche der Ausnahmezustand. Der Innenminister brach eine Überseereise ab, der Premier sprach zur Hauptsendezeit im Fernsehen. Auch wenn von einem Generalstreik noch nicht die Rede sein kann, mit dem die Franzosen zuletzt vor zehn Jahren ihre Regierung zum Rücktritt zwangen, lösen Studentenproteste bei Politikern stets die höchste Alarmstufe aus. Jugendunruhen gelten als Signal für größere Umwälzungen, und seit den Vorstadtkrawallen deklassierter Immigrantenkinder im November rechnet das Land mit dem Schlimmsten.
Gerade wegen der Perspektivlosigkeit der rebellischen Banlieue-Jugend hatte die konservativ-liberale Regierung im Schnellverfahren eine Reform des Arbeitsrechts durchgeboxt: Damit Firmen mehr jüngere Arbeitnehmer einstellen, soll es ihnen erleichtert werden, sich von ihnen zu trennen. Beschäftigte, die jünger als 26 Jahre sind, sollen ihren Job daher nur noch mit einer zweijährigen Probezeit antreten, während der sie jederzeit entlassen werden können. Diese zunächst auf Kleinbetriebe beschränkte Regelung war im vergangenen Jahr geräuschlos durchgegangen. Doch der Versuch, die neuen »Erstbeschäftigungsverträge« nun auch bei größeren Unternehmen einzuführen, stößt auf massiven Widerstand.
Polizisten wachen an Pariser Bahnhöfen darüber, dass rauflustige Vorstadtjugendliche nicht zu den Studenten stoßen. Es ist unwahrscheinlich, dass die Proteste an den entgegengesetzten Polen der sozialen Skala zugleich entbrennen. Zwar hat Frankreich die europaweit nahezu höchste Jugendarbeitslosigkeit von 23 Prozent, in der Banlieue erreicht sie sogar 50 Prozent. Doch während die Immigranten gegen den Status quo randalieren, sind die Studenten eher konservative Revolutionäre, die dafür kämpfen, das sich möglichst wenig ändert.
Ihr Aufstand gegen die neuen »Kleenex-Verträge« beruht freilich auf einem tiefen Bedrohungsgefühl; das Gefühl der Arbeitssicherheit rangiert in Frankreich weit unter EU-Durchschnitt. Längst stellen sich Politiker die Frage, ob ihr gepriesenes Sozialmodell, das Beschäftigten einen maximalen Schutz gewährt, nicht zu teuer erkauft ist – weil nämlich Jobs und Kaufkraft einer Mehrheit gesichert werden, indem eine immer größere Minderheit in die Dauerarbeitslosigkeit abrutscht.
Tatsächlich weist Frankreich neben knapp 10Prozent Arbeitslosen mindestens noch einmal so viele Menschen auf, die von der Erwerbstätigkeit ausgeschlossen sind. Nicht nur Jugendliche finden immer schwerer einen Job, auch Menschen über 50 sind nur noch zu einem Drittel berufstätig – in den OECD-Staaten sind es 50Prozent. Angesichts eines Arbeitsmarktes, der hauptsächlich aus Menschen zwischen 30 und 50Jahren besteht, befindet sich Frankreich in der bizarren Situation, dass nur noch eine Generation zur gleichen Zeit arbeitet.
Zudem reagieren Unternehmer auf die europaweit höchsten Arbeitskosten und Schutzgesetze ruppig: Sie bieten drei Vierteln aller Neubeschäftigten nur noch zeitlich befristete Arbeitsverträge. Und auch der gesetzliche Schutz gegen betriebsbedingte Entlassungen geht nach hinten los. Während sich die Anzahl solcher Kündigungen seit 1989 halbierte, stiegen Rausschmisse mit dem Ersatzargument »aus persönlichen Gründen« um das Doppelte – weil die rechtlichen Auflagen geringer sind und die Opfer einfacher Arbeitslosenunterstützung beziehen. Resultat: Die gedemütigten Arbeitnehmer reichen regelmäßig Klage ein, und die Arbeitsgerichte sind überlastet.
Damit will die Regierung aufräumen und verspricht den Jugendlichen, dass sie sich nicht mehr mit Praktika, befristeten Verträgen und Zeitarbeitsplätzen über die Runden retten müssen, sondern gleich einen ordentlichen Vertrag mit allen tariflichen und sozialen Vorteilen bekommen – nur eben um den Preis der zweijährigen Probezeit und der jeden Tag möglichen Entlassung.
Die Studenten wollen streiken, bis die Reform vom Tisch ist. Auch die sozialistische Opposition wittert Morgenluft. Sie unterstützt die Studenten und fordert den Rücktritt des Premiers. Den Ärger hat sich Premier de Villepin allerdings selber eingehandelt, als er trotz aller Lippenbekenntnisse zum sozialen Dialog weder Gewerkschaften noch Unternehmerverbände in seine Gesetzesnovelle einbezog. Weil in Frankreich stets dekretiert und dann erst verhandelt wird, sehen die Demonstranten ihre Aufstände als nachgeholte Mitbestimmung.
- Datum 16.03.2006 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT 16.03.2006 Nr.12
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So kommt er einem vor der Poet, sich nie einer Wahl gestellt, keine Erfahrung mit dem Parlament, nur von Chirac nach oben bugsiert.
Was mag das Schlitzohr geplant haben? Frankreich kann einem Leid tun, keiner hat mehr Lust.
General De Gaulle wird betroffen vom Himmel herunterblicken und sich fragen was denn aus seinem land geworden sei wo die grandes Entreprises vom CAC 40 Riesengewinne machen und das Volk leer da steht.
Paris hat sich wie schon damals Versailles abgekanzelt, als Frau Trautmann liquidiert wurde von Jospin gab sie dem Schuld dem Parisianisme, also die Krankheit nicht aus Paris gewesen zu sein und nicht in den soirée mondaines mitgetuschelt zu haben.
Das Volk wird an der kurzen Leine gehalten, und fühlt sich immer eingengter, es regnet seit dem Amtsantritt dieser Regierung nur so von Strafzetteln, die Polizei ist Obermächtig, ein Gefühl der Unfreiheit schleicht umher.
Eine parallel Gesellschaft hat sich aufgetan, die fährt ohne Führerschein und ohne Versicherung.
Nur Regeln à la De Gaulle können hier etwas bewirken, einen Mann seines Akabits kann jeden in die Pflicht nehmen und sich eventuell quer in den Toreingang stellen und fragen was denn wichtiger wäre: Renditen oder aber Zukunftsplanung auf lange Sicht.
Das was in Frankreich passiert wird sich in andere Länder verbreiten es ist ein Virus der einfach alles abtötet was wir Sozialdemokratie nannten. Die Zeiten wo es bergauf ging, wo wir klare Regeln hatten und in 20 Jahresrythmen dachten und nicht von Börsentag zu Börsentag.
Der Aktionnär ist Herr im Hause geworden, es wird nicht investiert weil er zufrieden sein muss, sonst verkauft er und frisst irgendwo anders. Dies gilt auch in den USA, diese funktionnieren auf noch mehr Pump und werden aufgefressen.
Wir sind ein Auslaufmodell, wir hinterlassen und das nur in Frankreich: 1 Million Kubikmeter Nuklear Abfälle. Da wird es einem schwindelig was wir unseren Urenkel hinterlassen, man fragt sich ob Kohle nicht doch am billigsten war, entschwefelt hätte sie ja werden können und den CO2 hätte gante Städte heizen können.
Und dann wird debattiert warum junge Menschen keine Kinder mehr wollen? Die satirischen Zeitungen in Frankreich geben Woche für Woche den neuen Skandalbericht von der intensiven Landwirtschaft.
Der CPE ist ein schlechter Witz, nur einer mehr. Die Studenten sagen nur laut was die Grande Nation sich nicht mehr zu sagen traut: Wir wollen leben!
19. Maerz 2006
Lieber Herr Moenninger!
"Den Aerger hat sich Premier deVillepin allerdings selber eingehandelt...". Wirklich?
Ich selbst halte nichts von deVillepin. Gar nichts! Ein beschraenkter Geist. Trotzdem, ihn "selbst" die Schuld in die Schuhe zu schieben, ist reiner Irrsinn.
Warum das Jammern, das Kritisieren, alles "schlimm" und "falsch" zu befinden? [85% der Bevoelkerung in Europa scheint wirklich die Zukunft nicht mit Hoffnung erwarten! Kein Wunder!]
Wo sind Ihre Vorschlaege.? Die Vorschlaeger der anderen "Klugen"/der Eliten?
Wir alle haben die Regierung, die wir verdienen. Vielleicht ist es Zeit, die >10% Arbeitslosigkeit zu beenden.
In Moskau, 25 Jahre lang, war Arbeitslosigkeit NULL.
In Amerika brauchen Betriebe mehr dringend Arbeiter als Kunden (..auch nicht gut, aber es wird sich wieder aendern).
In den Staedten in China und Korea entschliesst man sich, Fabriken auf dem Land zu bauen. Wenn Arbeitskraefte nicht zu den Fabriken kommen, muessen Fabriken zu den Arbeitskraeften ziehen.
Nur in Palestinia und (besonders) in Europa und in Afrika gibt es die grosse Unzufriedenheit. Die auch Leute anderswo teilen wuerden, haetten sie was Bruessel, Paris und Berlin ihnen anbietet.
Sind die "Gescheiten" Europaer unfaehig, sich fuer etwas Besseres zu entscheiden. Besser noch: Etwas Besseres erfinden?
Nicht nur kann man sehen, dass (beinah alle) andere schon erfundenen Wegen zu besseren Umstaenden fuehren (einschliessich der Bevoelkerung-Veraelterung mit Express-Geschwindigkeit, was das Sozialnetz untraeglich macht). Sondern man hat schon Erfahrung mit dieser unsinnigen Arbeitslosigkeit: Erst kamen die Kommunisten in der Weimaer Republik. Dann die Strassen-Schlachten. Dann die "Ordnungsbringer". Man weiss, wie alles am Ende ausgelaufen ist (obwohl Frankreich, Belgien und sogar Holland) gut mit der Besatzung lebten so lange der Krieg Erfolg/Sieg zu versprechen schien ...., wie Ihre Eltern und Grosseltern es Ihnen bestaetigen werden, sollten sie die Wahrheit Ihnen erzaehlen wollen und nicht, dass sie die ersten Opfer des Adolf waren).
Was lernt man in den Univewrsitaeten? Von den Professoren? Nichts?
J Gerbeth
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