Videokunst Das magische Flimmern

Fünf Ausstellungen in fünf Städten feiern »40 Jahre Videokunst«. Was wird vom digitalen Erbe bleiben? Sechs Autoren ziehen eine ganz persönliche Bilanz

Klicken Sie auf das Bild, um die Videos der Ausstellung in einer Multimedia-Galerie zu sehen

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Damals gab es noch kein Video. Als Zeuxis, der antike Maler, einen Knaben mit Trauben gemalt hat, sollen die Vögel auf die Trauben geflogen sein und keine Angst vor dem Knaben gehabt haben. Das hat den Maler sehr verwirrt. Und die Verwirrung ist der Malerei immer geblieben. Und alles ist noch verwirrender geworden, seit die Videokamera auf die repräsentationsblinden Angreifer schaut und Vögel, Trauben und Knabe in einem Bild zugleich erscheinen.

Video ist das perfekte Medium zur Herstellung von Verwirrung. Und die Kunst wäre nicht Kunst, wenn sie die totale Manipulierbarkeit des technischen Bildes nicht vor allem zur Wundergewinnung genutzt hätte. Wunderbar, wie der TV-Buddha , Nam June Paiks Klassiker aus den frühen siebziger Jahren, vor dem Bildschirm hockt, hinter sich die Videokamera, wunderbar, wie er sich auf dem Bildschirm sieht und wie er sieht, wie er vor dem Bildschirm hockt und sich auf dem Bildschirm sieht. Und wer der hölzernen Figur über die runden Schultern schaut, ist mittendrin im Zirkel, Teilnehmer endloser Selbstbeschau. Zeuxis’ Vögeln wäre der Appetit vergangen.

Über Video reden ist, wie wenn Gert Westphal Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus vorgelesen hätte. Immer hat man den Eindruck von etwas ganz Durchsichtigem, Luzidem, Hochgescheitem und Tiefdurchdachtem. Und immer liegt so ein eigentümlicher Glanz der Poesie über den Begriffen. Immer ahnt man die sinnliche Verschwendung der aufklärerischen Ressourcen. Dass Video als besonders reflexives Medium zu gelten hat, gehört zur Basislektion wie der Hinweis, dass es einmal in Diensten der Aufspürer und Entdecker, der Militärs und Objektschützer stand. Doch all das hat seine Chancen nicht geschmälert, zum Medium des Verborgenen, Dunklen, der vertrackten Sets und unheimlichen Geschichten zu werden. Vielleicht weil es nichts anderes als Kunst sein kann, wenn sich ein Cluster elektronischer Signale das eine Mal in Sprache, das andere Mal in Musik und dann wieder in Bilder, in Knaben, Trauben, Vögel und verwirrte Maler verwandelt. Hans-Joachim Müller

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