Demografie Wenn Männer dröhnen

Die Propaganda für Fortpflanzung könnte die letzten Reste von Familienbegeisterung zerstören

Margarine! Jetzt schallt uns das Geburtenraten-Krisengetöse nicht länger nur aus Zeitschriften und Talkshows entgegen, sondern auch von Rama-Deckeln: Für »mehr Kinder und mehr Betreuung« wird da geworben, mit freundlicher Unterstützung des Familienministeriums. Gegen beides – Kinder wie Betreuung – ist nichts einzuwenden; ebenso wenig dagegen, dass sich die Erkenntnis eines Demografieproblems in Deutschland durchsetzt. Man kann es auch aus guten Gründen schlimm finden, dass die finanziell und bildungsmäßig Bessergestellten eine Art Avantgarde der Kinderlosen bilden. Aber die gegenwärtige Propagandaschlacht für die Fortpflanzung – angestoßen durch ein Buch des FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher, weitergetragen in Spiegel und WamS und auf die Spitze getrieben mit einem Kinderlosigkeitspranger für erfolgreiche Journalistinnen in Bild – ist geeignet, noch die letzten Reste von Familienbegeisterung zunichte zu machen.

Die erste mögliche Nebenwirkung der Kinderoffensive ist eine Trotzreaktion. Wenn eine Botschaft von allen Seiten, von Familienpolitikern wie von Bestsellerautoren, so heftig gepredigt wird, ist es geradezu natürlich, sich dagegen aufzulehnen – besonders wenn, wie in der aktuellen Debatte, junge Akademikerinnen praktisch allein für die düstere Zukunft von Rentenversicherung und Volkswirtschaft in Haftung genommen werden. Die Kinderfrage betrifft sie existenziell: aber doch eben nicht sie allein. Diese Frauen werden zu Recht nach der moralischen Legitimation der (meist männlichen) Hauptagitatoren fragen, nach deren Beitrag zur Volkswirtschaft, nach deren Bereitschaft zu modernen, partnerschaftlichen Beziehungen, nach deren Einsatz für Arbeitsbedingungen, die ein Leben mit Kindern überhaupt erlauben.

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Von Viertens führt die überbordende Familiendebatte anscheinend bei einem bestimmten, nicht notwendig schlecht situierten Elternsegment zu der Überzeugung, man habe mit dem bloßen In-die-Welt-Setzen von Nachwuchs genug Dankenswertes geleistet. Über das Benehmen ihrer Kinder, über den Interessenausgleich zwischen Buggy-Stellplätzen und freiem Durchgang im Treppenhaus kann man mit ihnen nicht reden, ohne sich dem Pauschalvorwurf der Kinderfeindlichkeit auszusetzen. Sie berufen sich gern auf den von Hillary Clinton popularisierten Slogan: »It takes a village…« – Man brauche ein ganzes Dorf für die Kinderaufzucht. Sprich: Irgendwelche freundlichen Mitmenschen werden sich schon finden, die ihre Sprösslinge sozialisieren. Natürlich funktioniert das nicht immer – und die wachsende Zahl unerzogener Kinder untergräbt einen Werbeeffekt für die Familie, der früher vielleicht noch gelegentlich zum Tragen kam: den Wunsch, auch so nette Kinder zu haben wie die Nachbarn, die Freunde, die Geschwister.

Einen ungewollten Nebeneffekt produziert auch jener Dauerchor, der seit Jahren skandiert, dass sich die »Vereinbarkeit von Familie und Beruf« durch einen radikalen Ausbau der Betreuungseinrichtungen herbeizwingen lasse. Denken sollen die potenziellen Eltern dabei: Oho, für unsere Belange wird aber konsequent gesorgt. Doch unterschwellig vermittelt sich noch etwas anderes: nämlich dass »Vereinbarkeit« wohl ein gewaltiges Problem sein muss, wenn so gigantische Anstrengungen nötig sind, um sie zu ermöglichen. Aus diesem Grund sollte man gute Betreuungsangebote sehen, nicht nur von ihnen hören.

Eine dritte Abstoßungsreaktion dürfte die Diskussion deshalb auslösen, weil sie Kinder einerseits rational verzweckt – als Rentenbeitragszahler und künftige Arbeitskräfte – und gleichzeitig von den Einzelnen eine irrationale Verhaltensweise verlangt: Kinderhaben in einer Gesellschaft, die über Jahre in ein tiefes Krisengefühl hineingeredet worden ist; Kinderhaben in einer Gesellschaft der Schnelligkeit, Arbeitsverdichtung und »Den Letzten beißen die Hunde«-Mentalität. Die Letzten, Langsamsten, das sind oft nun einmal Menschen mit kleinen Kindern an der Hand, die manchmal nach verlorenen Teddys suchen müssen. Solange es sich karriere-, renten- und urlaubstechnisch eher lohnt, die Familiengründung anderen zu überlassen, so lange bewirken Appelle an die demografische Vernunft das glatte Gegenteil: besser keine Kinder. Die Hoffnung auf den familienpolitischen Gemeinsinn des Einzelnen läuft so lange ins Leere, wie das Gemeinwohl auch in allen anderen Fragen des Zusammenlebens kein Maßstab ist.

 
Leser-Kommentare
    • stuerm
    • 25.03.2006 um 9:37 Uhr

    Susanne Gaschke?....Herr Barkmann, es lohnt sich Hans-Peter Bartels (Ehemann?) und seine Gedankenwelt (Berliner Republik) naeher zu betrachten. Das erhellt!

  1. Also, da dröhnen schon wieder die Männer und selbst die Margarine erbittet Fortpflanzung.

    Was sind die Deutschen doch für eine komisches Volk. Unsere Nachbarn werden, mit doch nicht wesentlich anderen Geburtenraten, ähnliche Probleme bekommen, aber solchen Quatsch hört und sieht man da nicht. Was soll die ganze Aufgeregtheit, lasst die Leute man machen, wie sie denken. Wer keine Kinder will, der sollte um der Kinder willen auch keine haben; wer sie nur kriegt, um damit "Knete" zu machen, wird auch eher einen späteren Sozialfall heranziehen. Fördert die Kinder, nicht die Eltern ! Geld für Kampagnen scheint ja genug da zu sein !

    • stuerm
    • 26.03.2006 um 15:32 Uhr

    @zorc (Schwadronieren)
    Dann sollte man wohl den Geschichtsuntericht an unseren Schulen voellig umkrempeln und alle grossen Kulturen der Menschheitsgeschichte als faschistoid denunzieren. Menschenwuerdige Verhaeltnisse gaebe es dann nur in Mitteleuropa und Nordamerika des 20. Jahrhunderts.*gg*

    Aber trotzdem fuer Sie noch ein "Zuckerl" aus dem wirklichen Faschismus, um die Verhaeltnisse wieder gerade zu ruecken. Hier ein woertliches Zitat aus einer Glueckwunschkarte zur Hochzeit meiner Eltern 1936: "...Lebenslauf. Dies wuenschen von Herzen Tante Mimi und ihre 3 Jungens.Viel Glueck im heiligen Ehestand! REKRUTEN braucht das Vaterland! Bitte dieses zu beherzigen!"
    Ich glaube, da bleibt jedem das Schwadronieren im Halse stecken.

    • DocBen
    • 26.03.2006 um 10:13 Uhr
    4. \N

    Mein psychologisch gebildeter Freund unterscheidet zwischen "Kindern der Liebe" und "Kindern der Lust".
    "Kinder der positiven ökonomischen Kosten-Nutzen-Relation" kommen in seinem - zugegeben schlichten - Weltbild nicht vor. Trotzdem sollte dieser Ansatz nicht ganz unter den Tisch fallen. Man lese auch Günter Grass´ "Kopfgeburten" aus dem Jahr 1980 (!).

  2. Stimmt, "bernd64". Unsere deutschen Landsleute sehen alles immer viel zu verkrampft, zu verbissen und meist sitzt die ganze Nation auf dem Sofa und nimmt uebel.

    Ich habe hier in Mexiko geheiratet, habe 2 Kinder und 4 Enkel. Was meinen Sie, was da an Wochenenden oder im Urlaub an der Kueste los ist ? Da kommen manchmal 25 Familienmitglieder zusammen. Weil's das hier nicht gibt, musste ich meine Familie ohne Kindergeld durchbringen, ohne Kitas und - wg. der lokalen Verhaeltnisse - in teueren Privatschulen -und Universitaeten die Karriere machen lassen. Wenn sie krank wurden, musste das - auch wg. der lokalen Verhaeltnisse - aus der eigenen Tasche bezahlt werden.

    Wenn hier eine Frau Kinder haben will, kriegt sie die. An den Staat denkt man dabei nicht. Hier sind alle stolz auf ihre Kinder, auch die alleinstehenden Muetter.

    • fennek
    • 24.03.2006 um 10:26 Uhr

    Sie beschreiben genau das Problem der derzeitigen Debatte und sitzten demselben voll auf. Wenn statistisch ermittelt wird das überdurchschnittlich viele gebildete junge Frauen auf Kinder bewusst verzichten das ist das ein Fakt den man sich erklären sollte. Dabei wird nicht automatisch Frauen der "schwarze Peter" zugeschoben, das ist - mit Verlaub - Unsinn.

    Sechziger-Jahre-Grabenkämpfe führen in der Diskussion nicht weiter, ebenso wie falsch zitierte Statistiken und "Allgemeinwissen" das, bei genauerer Betrachtung oft auf gefährlichen Halbwissen beruht.

    Ich bitte folglich um Recherche statt heisser Luft von '68 !-kategorisch

    • stuerm
    • 27.03.2006 um 9:59 Uhr

    @WolfgangKsoll
    In einem gebe ich Ihnen ja Recht, Barkmanns Uhr ist vor 30 Jahren stehen geblieben, inzwischen ist es laengst Mitternacht. Aber sonst?...Besonders lustig finde ich ja Ihre Behauptung, wir Deutschen haetten die Roemer ueberlebt. Ein solch seltsames Geschichtsbild habe ich auch noch nie gesehen...oh Mann!

  3. Ich kann es auch nicht mehr hören!
    Jedoch,
    1.) Sie widersprechen Sich bzgl Ihrer früheren Artikel („..wer die beste Familienpolitik vorlegt – das ist neu, macht Hoffnung und signalisiert Eltern wenigstens eins: Sie sind in Mode.“
    2) Warum schwimmen Sie denn selbtst immer weiter auf dieser publizistischen Welle?
    3) Empfehle abschließend Artikel von Sabine Magerl in SZ von heute http://www.sueddeutsche.d...
    Erklärt am besten warum Kita, KiGe, vermeintliche AkademikerInnenselbstverwirklichungskarierren und sonstiges politisch- publizistisches Gedöns mit der deutschen Kinderarmut nichts aber auch gar nichts zu tuen hat.

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