Gesundheit
Stress für alle
Psychische Erkrankungen am Arbeitsplatz nehmen dramatisch zu. Das kostet Milliarden Euro. Doch die meisten Unternehmen stehen dem hilflos gegenüber
Es fing an mit Müdigkeit. Kathrin Lange* kam jeden Abend wie erschlagen von der Arbeit nach Hause. Mit der Zeit fiel ihr auch das Aufstehen immer schwerer. Dann kam die Angst: In der Straßenbahn auf dem Weg zur Arbeit krampfte sich der jungen Angestellten der Magen zusammen, wenn sie an den bevorstehenden Tag dachte – angespannte Vorgesetzte, nervöse Mitarbeiter, immer neue Diskussionen über höhere Anforderungen. Es folgte der Rückzug: Während der Arbeit wurde Kathrin einsilbiger und mied den Kontakt zu den Kollegen. Nach Feierabend ließ sie das Telefon klingeln, ging nicht mehr aus, brach private Kontakte ab. Zum Arzt ging sie erst, als die Magenschmerzen unerträglich wurden. Diagnose: Angststörungen und eine mittelschwere Depression.

Arbeiten bis zum Umfallen?
Leistungsdruck und Angst um den Arbeitsplatz können die Seele belasten
Aktuelle Studien dokumentieren: Kathrin ist längst kein Einzelfall mehr. Die Zahl psychischer Erkrankungen steigt Jahr für Jahr. Traf es früher vor allem Arbeitslose und ältere Menschen, greifen Depressionen und Angststörungen heute auch in der arbeitenden Bevölkerung um sich. Nach einer Studie der Deutschen Angestellten Krankenkasse stieg die Zahl seelischer Erkrankungen am Arbeitsplatz zwischen 1997 und 2004 um 70 Prozent. Gegen den Trend rückläufiger Krankenstände schnellte im gleichen Zeitraum die Zahl der psychisch bedingten Fehlzeiten um mehr als zwei Drittel in die Höhe. Rund zehn Prozent aller Ausfalltage in der deutschen Wirtschaft gehen mittlerweile auf das Konto seelischer Belastung. Angstzustände und Depressionen sind die vierthäufigste Krankheit am Arbeitsplatz und werden nach EU-Schätzungen in 15 Jahren in den Industriestaaten auf Platz zwei vorgerückt sein. »Waren 1990 die drei größten Leiden der Menschheit noch Lungenentzündung, Durchfallerkrankungen und Kindstod, wird die Reihenfolge im Jahr 2020 so lauten: Herzinfarkt, Depression, Angststörung und Verkehrsunfälle«, schreibt die Weltgesundheitsorganisation (WHO).
Die Ursachen sind vielschichtig. Zum einen werden seelische Leiden heute wesentlich besser diagnostiziert und von den Betroffenen als Krankheit angenommen. »Die gesellschaftliche Akzeptanz und Sensibilität für psychische Erkrankungen hat sich deutlich erhöht«, meint Jochen Pimpertz, Experte für Sozialpolitik am Institut der deutschen Wirtschaft Köln. Verändert haben sich darüber hinaus auch die Lebens- und Arbeitsmuster moderner Gesellschaften. »Die starke Beschleunigung und der wachsende Leistungsdruck verunsichern viele Menschen und setzen sie starken psychischen Belastungen aus«, sagt Ivars Udris, Professor für Arbeitspsychologie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Am Arbeitsplatz schlagen sich Beschleunigung und Wettbewerbsdruck dann oft in einer höheren Arbeitsdichte nieder: Trotz wachsender Belastung wird in zahlreichen Branchen stetig Personal reduziert. Gleichzeitig steigen die qualitativen Anforderungen an den Einzelnen: Aufgaben und Zuständigkeiten wachsen oder wechseln häufiger, flexibles Arbeiten, schnelles Entscheiden und Agieren sind gefragt. Aktuellen Studien zufolge fühlt sich jeder zweite Beschäftigte in Deutschland praktisch immer oder häufig starkem Termin- und Leistungsdruck ausgesetzt.
Stress und hohe Interaktion am Arbeitsplatz können die Seele belasten, müssen es aber nicht. Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass beides auch motivieren kann. Krankhaft wird es vielfach erst, wenn der Einsatz nicht honoriert wird. Doch genau dies scheint in Zeiten von Rekordarbeitslosigkeit und Wirtschaftsflaute das gängige Szenario zu sein: Der Einzelne wird mehr gefordert und muss dennoch stärker um seinen Arbeitsplatz bangen. »Die Unsicherheit ist ein großes Problem. Man kann höhere Anforderungen leichter bewältigen, wenn es Sicherheit und Stabilität am Arbeitsplatz gibt. Doch das trifft heute in vielen Bereichen kaum noch zu«, urteilt Michael Ertel von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.
Stattdessen boomt seit Jahren der Markt für befristete Arbeitsverträge und »atypische« Beschäftigungsverhältnisse. So stellten die Gewerkschaften fest, dass der Leiharbeitsmarkt seit Mitte der neunziger Jahre deutlich stärker expandiert als der reguläre sozialversicherungspflichtige Sektor. Zusätzlich wächst die Zahl von kostensparenden Minijobs und Praktikumsplätzen, was die angestammten Arbeitnehmer unter Druck setzt und Neueinsteiger immer stärker zu Konzessionen zwingt.
Experten sprechen von einem Bruch des »psychologischen Kontrakts«, der stillen Übereinkunft des Beschäftigten mit dem Arbeitgeber, Arbeitsplatzsicherheit und Entwicklungschancen im Tausch gegen Engagement und Loyalität zu erhalten. Die Aufkündigung des Vertrags belastet auch die Kommunikation und Interaktion im Betrieb. »Die Belegschaft entsolidarisiert sich. Mobbing wird immer mehr zur Überlebensstrategie«, glaubt Udris. Es folgen Ohnmachtsgefühle, Verlustängste und innere Kündigung, die nicht selten in krankhafte Ängste oder Depressionen münden.
Psychische Belastungen beeinträchtigen die Leistung am Arbeitsplatz. »Man kalkuliert niedrig, wenn man davon ausgeht, dass bei innerer Kündigung eine Leistungsminderung von 20 Prozent vorliegt«, schätzt Wolfgang Stegmann, Betriebswirt an der Fachhochschule Köln. Insgesamt belasteten seelisch bedingte Produktivitätseinbußen, Ausfalltage und erhöhte Fluktuation die deutsche Wirtschaft jährlich mit 80 bis 100 Milliarden Euro. Ähnlich hoch sind die Zahlen der WHO, die die Krankheitskosten aus Stress und seelischer Belastung für die 15 alten EU-Staaten auf jährlich 265 Milliarden Euro oder rund drei bis vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts beziffert.
Nicht eingerechnet sind Kosten, die beispielsweise den öffentlichen Haushalten durch Frühverrentung entstehen. Laut dem Verband Deutscher Rentenversicherungsträger schieden 2004 mehr als 52000 Menschen wegen psychischer Erkrankung vorzeitig aus dem Erwerbsleben aus. Seelenleiden stehen damit als Ursache von Frühverrentung an erster Stelle.
Die Unternehmen stehen der Situation oft hilflos gegenüber. »Viele Betriebe bekunden ihren guten Willen, Fachkompetenz ist aber wenig vorhanden«, meint Udris. Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz gewinnt zwar zunehmend an Bedeutung. Oftmals ist sie jedoch auf Einzelmaßnahmen beschränkt, wie Haltungs- und Entspannungstraining oder Antiraucherkampagnen. Fachleute bemängeln zudem das Verhalten des mittleren Managements, das an der Schnittstelle zwischen Chefetage und Mitarbeitern Gestaltungsspielräume und Arbeitsbedingungen entscheidend beeinflussen müsste, oftmals jedoch untätig bleibt. »Das sind häufig gute Fachleute, die aber wenig Kompetenz in der Personalführung besitzen. Das ist ein großes Manko«, sagt Udris.
Dass es auch anders geht, zeigen Firmen wie der Maschinenbaukonzern Sauer-Danfoss aus Neumünster. Anfangs habe die Führungsetage noch mit Unverständnis auf Vorschläge des Betriebsrats zur Gesundheitsförderung reagiert, berichtet Rolf Saxe, Mitglied der Betriebsleitung. »Psychische Erkrankungen sind in den Unternehmen immer noch ein Tabuthema. Das gilt als Schwäche.« Dann setzte man sich jedoch zusammen und überlegte gemeinsam. Die Arbeitnehmer wurden schließlich in Einzelinterviews ausführlich zu ihrer Stressbelastung am Arbeitsplatz befragt. »Das war ein Riesenaufwand«, meint Saxe.
Positive Beispiele zeigen, dass Tabus gebrochen werden können
Zuerst seien viele Mitarbeiter skeptisch gewesen. »Das braucht Zeit, Geduld und unheimlich viel Vertrauen. Das erste Mal darüber zu sprechen hat dann aber eine Blockade gelöst.« Die Ergebnisse der Befragung flossen anschließend in zahlreiche Schulungen für Führungskräfte und Mitarbeiter ein. Die Mühe zahlte sich aus: Glaubwürdigkeit und Erreichbarkeit der Vorgesetzten wurden binnen kurzer Zeit von den Mitarbeitern als deutlich höher bewertet, die allgemeine Stressbelastung als niedriger empfunden. Belastungszulagen für die Mitarbeiter konnten gestrichen, die Fluktuation trotz schwieriger Branchenbedingungen auf niedrigem Niveau gehalten werden. Bei Wettbewerben um den besten Arbeitgeber belegte Sauer-Danfoss in den letzten Jahren wiederholt vordere Plätze. Es sei zu spüren, dass die Mitarbeiter sich mit dem Unternehmen identifizierten und für seinen Erfolg etwas leisten wollten, sagt Saxe. Der Aufwand hat sich gelohnt.
*Name von der Redaktion geändert
- Datum
- Quelle DIE ZEIT 23.03.2006 Nr.13
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Menschen lassen sich nun mal nicht auf die selbe Art
rationalisieren wie Maschinen. Irgendwann ist Ende. Da nützen
auch 10.000 Euro nichts. So simple Tatsachen erkennt der
Kapitalismus in heutiger Form nicht an. Viele Menschen werden
an ihren Arbeitsplätzen schon getrieben, um mehr rauszuholen.
Sie können Justin Gatlin, dem Olympiasieger über 100 Meter,
sonstwas für ne Summe anbieten, 8 Sekunden wird auch er nicht
schaffen. Es wird gesagt, die Menschen wären krank, ich tippe
eher drauf, daß dieses Wirtschaftssystem nicht so richtig
gesund ist, weil es vielerorts aus Arbeit ein Verdichtungs-
wettrennen macht und zudem den Grundsatz, die Wirtschaft
solle für den/die Menschen dasein auf den Kopf stellt
oder die ungelenktheit des sozialen allgemeinwesens.
das miteinander leben ist ein sehr schwieriges thema.
der gedanke, dass der mensch in der sozialen demokratie
auf einer ebene mit allen anderen steht ist eine schöne utopie. sie mag gelten für gewisse rechtliche aspekte, doch
die arbeitsverhältnisse und hierarchien, die sich wie von
selbst entwickeln, ordnen die menschen auf eine andere art und weise.
ich studiere, habe aber auch schon andere strukturen erlebt.
ich möchte von meinem studium ausgehend einige erlebnisse schildern und davon thesen ableiten.
ich sitze tag ein tag aus mit meinen mitschülern in einem klassenraum. wir hören dem lehrer zu und es entwickelt sich eine dynamik innerhalb des klassenverbands.
es bilden sich kleine grüppchen und im deutsch unterricht werden wir sogar passend zu den vorgängen im verband mit diversen gruppentheorien indoktriniert.
schnell finden sich die "klugen" zusammen und die bös-bezungten machen sich daran die vermeintlich "dümmeren" zu diskreditieren. diese haben dann keine lust mehr zu sprechen. ich selbst habe solche erfahrungen gemacht. zuhauf.
auf der einen seite wurde ich beleidigt, weil ich vermeintlich dumme dinge gesagt habe. auf der anderen seite wurde ich beleidigt, weil ich dinge gesagt habe die zu abgehoben, "psychopathisch" waren.
so wurde mein wesen und all seine facetten schon auf alle erdenklichen arten angegriffen und negiert.
ich selbst habe mir abgewöhnt menschen aufgrund ihrer eigenarten zu beleidigen.
nun sitze ich im untericht oder im hörsaal oder in einem "freundeskreis" und ertappe mich dabei, wie ich gestresst dasitze und mich der gedanke zu sprechen frösteln lässt.
tue ich es doch, werde ich vom einen oder anderen sofort angegriffen.
ich versuche auch meine aussagen in einem "guten ton" zu verfassen, aber es ist schwierig.
nun habe ich zum glück ein dickes fell und selbstvertrauen und die zuversicht einen platz zu finden an dem ich meinem wesen nach gute arbeit verrichten kann.
doch selbst ich in meinen jungen jahren schmecke ich die bitterkeit der depression und die verzweiflung meiner mitmenschen.
es gab einmal in deutschland das bild des patriarchen, des großen mannes, der die geschicke in seinem umfeld lenkte.
zu solchen "großen männern" (die damen mögen mir bitte diesen ausdruck verzeihen) konnte man gehen und sein glück machen. der staat sollte nach dem modell einer familie geführt werden.
diese beiden denkansätze sind verrufen und aus der mode gekommen. die geschicke werden nicht mehr auf einen punkt konzentriert sondern werden von anderen interessen gelenkt.
ein sehr negativer nebeneffekt ist, dass die beziehungen von arbeitnehmer und arbeitgeber nicht mehr von dauer sind und nicht wachsen können.
dies ist eine große bürde.
desweiteren kanibalisiert sich die deutsche gesellschaft geistig, unter dem deckmantel der manigfaltigkeit.
die sexuelle revolution führt zu einer verrohung der sitten.
man kommt zu einem punkt, wo der gemeinste und abartigste mensch den anderen angst macht und somit die dynamik einer gesamten gruppe an sich binden kann.
solche menschen finden immer ihresgleichen und die verhältnisse werden ausgebaut.
es gilt das motto schlag zu bevor du selbst geschlagen wirst.
ich selbst möchte mich von solch einem verhalten distanzieren, denn der zusammenhalt der menschen wird dadurch aufs äußerste geschwächt und ein sehr gefährlicher nährboden entsteht.
doch sehe ich diese verhältnisse. im kleinen wie im großen.
es ist schwer zu lokalisieren, woher diese dynamik kommt. denn sie ist ein teil der menschen.
in einer "fortschrittlichen" gesellschaft wie hier in deutschland werden solche gruppenkämpfe nun zwar nur noch selten mit körperlicher gewalt ausgetragen, doch die psychische gewalt ist ein übel, das opfer fordert.
doch wie kann man so eine gefahr bannen?
vielen dank für ihre aufmerksamkeit,
timto
Während meiner Lehre in einem kaufmännischen Beruf, was mittlerweile 20 Jahre her ist, erzählten mir die älteren Kollegen von der schönen Zeit der 50er und 60er Jahre. Damals gab es noch eine Arbeitszeit von zunächst 48 Stunden und die Arbeitsintensität muss auf einem Niveau gewesen sein, das man heute als Freizeit durchgehen ließe. So amüsierte man sich, wenn der Chef nicht da war, mit Sackhüpfen um die Schreibtische oder Eierlaufen durch die Büros. So etwas, sagten mir die Kollegen damals Mitte der 80er, sei heute alles nicht mehr möglich.
Heute sind die Arbeitsabläufe noch extremer verdichtet. Die Arbeit reißt nicht ab, allenfalls verringert sich die Menge der nicht wahrgenommenen Aufgaben.
Vielleicht ist das in größeren Unternehmen etwas anders. Meine persönliche Perspektive ist aber bestimmt durch ein Segment der Ökonomie, das in den Medien kaum Niederschlag findet. Es ist das kleine, vom Inhaber geführte Unternehmen. Betriebsrat oder Obmann gibt es dort nicht. Gewerkschaften und Tarifverträge sind Begriffe aus einer anderen Welt. Die Strukturen in diesen Unternehmen haben häufig mehr Ähnlichkeit mit einem ostelbischen Gutshof der Kaiserzeit als mit einem Unternehmen im 21. Jahrhundert. Das gilt auch für Unternehmen, die in vermeintlich "coolen" Branchen tätig sind (Werbung, Kommunikation etc.).
Der Arbeitnehmer muss dort alles mit dem Eigentümer oder den Eigentümern aushandeln. Da ist man schnell in einer Position, sich ständig gegen überzogene Ansprüche abgrenzen zu müssen. Auch das kostet viel Kraft. Ich habe Kollegen erlebt, die vier Wochen am Stück durchgearbeitet haben, inklusive der Wochenenden. Die Arbeit muss ja gemacht werden, ist die Einstellung der Eigentümer. Das geht schnell an die Substanz.
Kathrin Langes Symptome kenne ich aus eigener Erfahrung. Für mich persönlich habe ich das Problem gelöst, in dem ich mich selbständig gemacht habe. Als Freiberufler kann ich Arbeitsbelastung und -intensität wesentlich besser kontrollieren denn als abhängig Beschäftigter. Abhängige Variable ist natürlich das Einkommen.
Persönlich bin ich alles andere als der geborene Unternehmer. So ist mir der Schritt aus der vermeintlichen Sicherheit der abhängigen Beschäftigung nicht gerade leicht gefallen, und der Ausgang des Experimentes ist auch noch offen. Sehr geholfen hat mir dabei das Buch von Tom Hodkinson "Anleitung zum Müßiggang" (erschienen bei Rogner & Bernhard; gibt es in Deutschland leider nur über den 2001-Versand) und seine Webseite: http://www.idler.co.uk/
Hodkinson zeigt und lebt vor, dass alles auch ganz anders sein kann. Ein schönes Leitbild!
"(...)kaum Niederschlag findet.(...)": So ist es! Glaubt man Medien + Politikern, ist "Arbeiten = max.42h+Gewerkschaft": ->wirklichkeitsfremd!
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