Schilder Andere Dörfer haben auch schöne Kirchen
An den Autobahnen weisen braune Schilder auf Sehenswürdigkeiten hin. Um sie gibt es immer wieder Streit
Ob an der A60 in Rheinland-Pfalz oder an der A5 in Niedersachsen, die braunen Tafeln sind ein steter Begleiter an Deutschlands Autobahnen: Sie verweisen auf den Binger Mäuseturm ebenso wie auf die Roswithastadt Bad Gandersheim, und zumeist kommt das nächste Schild schon nach zehn Kilometern. Das ist der Mindestabstand. So nähert sich offensichtlich die Northeimer Seenplatte – das Wasser reicht bis an die Autobahn –, während der verwirrte Autofahrer, der ohne fundierte Kenntnisse des hohen Mittelalters zwanglos über die A5 düst, noch immer über die »Roswithastadt« nachdenkt. Der Name kommt von Roswitha von Gandersheim, die als erste christliche und abendländische Dichterin gilt und im 10. Jahrhundert im Stift Gandersheim lebte.
Für ein bisschen Aufklärung sorgt die Freiburger Verlegerin Isa Renner: In den von ihr herausgegebenen Büchern Entdeckungsreise Autobahn wurden zu einzelnen Regionen Anekdoten und Anekdötchen zusammengetragen (Renner-Verlag, Horben, 6,95 Euro). Noch allerdings beschränkt sich die Auswahl auf Süddeutschland: »Ich habe immer darauf gewartet, dass irgendjemand mal alle Autobahnschilder in Deutschland beschreibt. Aber da kam nichts.« In den nächsten Tagen jedoch werden die Bände für Hessen/Thüringen, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein/Niedersachsen erscheinen, im Juni ist Ostdeutschland an der Reihe.
Für Fürstenwalde im brandenburgischen Oder-Spree-Seengebiet kommt das wahrscheinlich zu früh: Die Stadt steckt noch mitten im Genehmigungsverfahren für ihre braune so genannte Unterrichtungstafel. Der Hinweis auf die lokale Sehenswürdigkeit ist sehr wichtig, »vor allem aus Imagegründen«, sagt Anne-Gret Trilling, Sprecherin der Stadt Fürstenwalde an der A12. Dort machen braune Schilder bereits auf zwei Kommunen in der Nachbarschaft (Stift Neuzelle, historische Altstadt Beeskow) und auf Bad Saarow aufmerksam. Das wurmt die Fürstenwalder, die auch ein Schild wollen. Darauf möchte man sich als Domstadt präsentieren. Doch »leider gibt es vor der Ausfahrt keine mögliche Stelle, auch aus Fahrtrichtung Berlin nicht.«
Auf Standort, Form und Farbe achtet die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) in Bergisch Gladbach dank RtH 88/03. Auf 15 Seiten sind die Kriterien der Richtlinien für touristische Hinweise an Straßen erfasst: »Die Unterrichtungstafel ist rechteckig und hat in der Regel die Maße 2000 x 3000 mm.« Auch die Schrift steht fest: »Serifenlose linear Antiqua, DIN 1451 (Verkehrsschrift), 210mm Schrifthöhe«. Ein Schild kostet zwischen 3500 und 4000 Euro. Zahlen muss der Antragsteller, auch für die Wartung. »Die Unterrichtungstafeln dürfen nicht in einem Blickfeld mit der blauen Beschilderung auf der Autobahn erscheinen«, und grundsätzlich sollten nur von der Autobahn aus sichtbare Landschaften und Sehenswürdigkeiten gezeigt werden. »Es hat sich aber eine Beschilderungspraxis etabliert, die stark von der Richtlinie abweicht«, beklagt Marco Schmidt, der bei der BASt für die braunen Schilder zuständig ist. Außerdem werden sie oft »als gezielte Wirtschaftsförderungsmaßnahme verstanden«. Das liegt wohl daran, dass die zuständigen Straßenverkehrsbehörden die Antragsbewertung auf »fachkundige Stellen« abgewälzt haben, zumeist Tourismusverbände.
Für Brandenburg macht Raimund Jennert, Geschäftsführer des Landestourismusverbandes, den Spagat zwischen Richtlinie und Wirtschaftsinteresse. »Viele Dörfer haben schöne Kirchen. Aber wir können doch nicht für jede auch ein Schild aufstellen.« Daher komme es immer wieder zum Streit. »Weil ja jeder Antragsteller sein Schild unbedingt durchsetzen will.« Dem Landkreis Teltow-Fläming ist es mit einem Kunstgriff gelungen: So wirbt an der A10 ein Schild für die »Fläming-Skate«, eine 175 Kilometer lange Skate- und Fahrradstrecke durch den Niederen Fläming und das Baruther Urstromtal, also nicht eine Sehenswürdigkeit im klassischen Sinn. Aber, so Landrat Peer Giesecke: »Die Fläming-Skate verbindet eine Vielzahl von Sehenswürdigkeiten miteinander.« Die Grafik an der Autobahn bringt es auf den Punkt: Fröhliche Menschen skaten – an Windmühlen vorbei – durchs flache Land. Wie viele Menschen sich von dem Schild in seinen Landkreis leiten lassen, weiß Giesecke nicht. Immerhin gilt der Landkreis Teltow-Fläming als die prosperierendste unter den Brandenburger Kommunen, aber wohl auch, weil man hier die Berlin-Nähe gut zu vermarkten versteht.
Die Idee mit der Reklame auf braunen Schildern reklamiert der ADAC für sich. Zumindest sei man als Erster darauf gekommen, diesen Gedanken aus Frankreich zu importieren, sagt ADAC-Sprecher Andreas Hölzel in München: »Das Braun entlehnt sich der Assoziation mit Erde und Natur.« Das erste Schild stand bei Heilbronn, von 1988 an wurden die Tafeln bundesweit aufgestellt. Wie viele heute stehen, weiß nur der, der sie zählt. Marco Schmidt von der BASt muss das nicht; aber er hat das Gefühl, »dass die Zahl der Schilder sprunghaft angestiegen ist«. Die RtH 88 wird zurzeit komplett überarbeitet.
Susanne Amann und Olaf Sundermeyer
- Datum 23.03.2006 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT 23.03.2006 Nr.13
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