Landtagswahlen Der Ungeliebte

Christoph Böhr (CDU) will Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz werden – und kämpft beharrlich gegen sein Image

Das Urteil über Christoph Böhr ist längst gefällt. Man kann es nachlesen in all den Artikeln, die in den vergangenen Jahren erschienen sind, wenn seine Karriere wieder einmal kurz vor dem Aus stand. Oder man ruft zwei, drei seiner Partei-freunde an, die so kurz vor der Landtagswahl natürlich auf keinen Fall namentlich genannt werden möchten, die einem aber sehr entschieden darlegen können, warum die CDU in Rheinland-Pfalz auch in den kommenden fünf Jahren nicht den Ministerpräsidenten stellen wird: weil Christoph Böhr, ihr Spitzenkandidat, ein blasser Intellektueller sei, kommunikationsunfähig, hölzern, ungelenk, autistisch, eine Art Rudolf Scharping der CDU. Kurzum: kein Siegertyp.

Und was wäre, wenn er doch Ministerpräsident würde? Wenn die Umfragen, die die CDU sieben, acht Prozentpunkte hinter der SPD notieren, wieder einmal eine falsche Fährte gelegt hätten? Wenn sich die Wähler auch an diesem Sonntag ganz anders entschieden, als es die Demoskopen, Journalisten und anderen professionellen Kaffeesatzleser erwarteten?

Anzeige

Man muss diese Frage stellen, schließlich hat man in den vergangenen Jahren schon manche erstaunliche Verwandlung erlebt: Aus Christian Wulff, dem »Weichei«, wurde, kaum war er Ministerpräsident in Niedersachsen, einer der beliebtesten Politiker Deutschlands; der harmlose Ole von Beust regiert in Hamburg mittlerweile als unangefochtener Bürgerkönig; Peter Harry Carstensen, im Wahlkampf als lustiger Witwer von Nordstrand verspottet, reüssiert in Schleswig-Holstein als bodenständiger Landesvater. Und Christoph Böhr?

Schulterhoch stapeln sich die Papiere auf seinem Schreibtisch im Mainzer Abgeordnetenhaus. Bildbände und Weinflaschen liegen auf dem Fußboden, der Kandidat hat sie auf seiner Tour durchs Land geschenkt bekommen. An der Garderobe hängt ein Knäuel aus drei, vier Dutzend Fastnachtsorden, eine Kappe des Mainzer Carneval Clubs erinnert an die tollen Tage. Ein wenig unachtsam wirkt das alles, dabei sind es kleine Aufmerksamkeiten, die die Hoffnung nähren. Auf der traditionellen Karnevalssitzung Mainz bleibt Mainz wurde Böhr in diesem Jahr zum ersten Mal vor laufenden Fernsehkameras begrüßt; seine Mitstreiter werten das als Beleg dafür, dass die CDU in Rheinland-Pfalz nach vielen Jahren in der Opposition wieder als aussichtsreicher Konkurrent gilt.

»Haben Sie schon gegessen?« Christoph Böhr kommt zu spät und nimmt sich Zeit. Den kurzen Weg zum Restaurant hinüber auf die andere Rheinseite fährt er selbst.

Äußerlichkeiten nimmt er nicht so wichtig. Man merkt das beim Essen

Anderthalb Jahrzehnte sind vergangen, seit die CDU die Macht in Rheinland-Pfalz verloren hat. Begonnen hatte alles 1988 mit dem Sturz Bernhard Vogels (»Gott schütze Rheinland-Pfalz«). Seitdem hat sich eine ganze Generation Christdemokraten, die heute 60 sind, aufgerieben in Schlachten, die außerhalb der Partei bald niemanden mehr interessiert haben. »17 Jahre lang haben wir den Eindruck erweckt, dass die Familie mit sich selbst im Streit liegt«, sagt Böhr. Auch deshalb freut er sich über die Unterstützung von Helmut Kohl, der fünf Veranstaltungen im Wahlkampf absolviert, und über den Einsatz Vogels. Ein »starkes Signal an unsere Anhänger« sei das. Bei einem gemeinsamen Auftritt mit dem Altkanzler in Trier beschwört Böhr die glorreiche Vergangenheit: »Wir möchten am 26. März dort ansetzen, wo Helmut Kohl als Ministerpräsident neuen Schwung ins Land gebracht hat.«

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service