Sachsen-Anhalt Rudern für Bitterfeld

Das Chemiekombinat in Sachsen- Anhalt war die schlimmste Dreckschleuder der DDR. Inzwischen ist die Luft zwar sauber, aber es fehlen die Jobs

Eine Stadt sieht Blau. Manche Bewohner von Bitterfeld tendieren eher zu Grün oder Türkis, die Bezeichnung »Russengrün« ist verbreitet. Im ganzen Chemierevier von Bitterfeld mit seinen zwanzig Kilometer Rohrbrücken dominiert die verwaschene Farbe. Sie ziert die Fassade des Kulturpalastes in der Zörbiger Straße und das Hauptquartier der P-D ChemiePark Bitterfeld Wolfen ein paar hundert Meter weiter. Als RAL 6063 definiert technisch exakt Jürgen Preiss-Daimler den Farbton. Er muss es wissen. Denn RAL 6063 ist das Markenzeichen des 67 Jahre alten Unternehmers. Der findet den farbigen Tupfer erfrischend und hinterlässt überall, wo er aktiv wird, seine grüntürkisblaue Spur.

Er hat es oft getan, hier im Herzen des Chemiedreiecks. Im strukturschwachen Sachsen-Anhalt, das an diesem Sonntag einen neuen Landtag wählt, ist die Chemie der zentrale Pfeiler der Wirtschaft. Die hundertjährige Tradition hat Kriege und sozialistische Misswirtschaft überlebt. Heute steht Bitterfeld für enttäuschte Hoffnungen ebenso wie für neu erblühte Industrielandschaften. Viel wird produziert, aber nur wenige haben einen Job. Im ganzen Landkreis gab es vor der Wende dreimal so viele Arbeitsplätze wie heute. Besserung ist kaum in Sicht. Nach dem Aufschwung der ersten Nachwendejahre geht es nur noch mühsam vorwärts.

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Bitterfeld, die Stadt an der Mulde, musste lange als Symbol für skrupellosen Raubbau an Mensch und Natur herhalten. Sie war Standort des gigantischen VEB Elektrochemisches Kombinat Bitterfeld, der größten Dreckschleuder des Landes. In einem Umfeld von stinkenden Abwässern, giftigen Dämpfen, geborstenen Rohren, rußigen Fassaden und abgestorbenen Bäumen verdienten 30000 Menschen ihr Brot. Viele waren stolz, am Aufbau des Sozialismus teilzuhaben. Für die anderen gab es keine Alternative.

Nach der Wende versprach Bundeskanzler Helmut Kohl der Region eine Zukunft als Chemiestandort. Die Treuhandanstalt suchte verzweifelt nach Interessenten für das Kombinat. Ein Drittel aller Anlagen war älter als 50 Jahre, kein Wunder, dass niemand den maroden Industriekomplex haben wollte. Erst als er in seine Teile zerlegt wurde, fanden sich Käufer. Die Industrieruinen wurden abgeräumt, verseuchte Flächen saniert, die Infrastruktur komplett erneuert. Die Zukunft konnte beginnen.

»Mich ärgerte, dass der Industriepark nicht in die Socken kam«

Nach zehn Jahren war der Himmel über Bitterfeld wieder blau und die Luft sauber wie seit Menschengedenken nicht. Mehr als 300 Betriebe hatten sich angesiedelt, zehn Milliarden Euro in Fabriken investiert und 10000 Arbeitsplätze geschaffen. Unter den Investoren waren große Namen wie Bayer, Akzo Nobel, Linde, Degussa, Solvay und Heraeus. Ein Faktor machte den Standort besonders attraktiv: der einzigartige Stoffverbund auf der Basis von Chlor, ein fast geschlossener Kreislauf, in dem das Abfallprodukt des einen Herstellers zum Rohstoff für den anderen wurde. Hoch spezialisierte Unternehmen passten sich in das feinmaschige Netz ein.

Dazu kam das Modell des Chemieparks. Ein zentrales Unternehmen betrieb die Ansiedlung von Investoren, stellte die Infrastruktur von der Verkehrsanbindung über die Rohrleitung bis zur Abwasserentsorgung zur Verfügung und bot Dienstleistungen aus einer Hand. Doch die ChemiePark Bitterfeld Wolfen GmbH agierte ohne Konzept und kalkulierte schlecht, ihre Kunden monierten zu hohe Abwasser- und Energiekosten. Die Firma ging Pleite und fiel zurück an die Treuhand-Nachfolgerin BvS.

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