ChancenbeilageBeruf: Welt verbessern

Es gibt wenig Geld und viel zu tun. Dennoch sind Jobs in der Entwicklungszusammenarbeit begehrt – aus gutem Grund. von Andreas Unger

Gefährlich kann die Arbeit sein und strapaziös. Geld gibt es oft wenig, dafür sind jede Menge Überstunden abzuleisten, noch dazu viele Flugstunden entfernt von der Heimat. Und natürlich sind auch die Zukunftsaussichten ungewiss. Trotzdem sind Jobs in der Entwicklungszusammenarbeit (früher sprach man von Entwicklungshilfe) sehr begehrt: So bewerben sich auf jeden Platz für das Projektassistenz-Programm der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) im Schnitt 250 junge Menschen.

Dabei ist in der Entwicklungszusammenarbeit der untypische Karriereweg oft der typische. Zum Beispiel bei Hinrich Mercker. Der 47-Jährige führt als Leiter der Abteilung Umweltpolitik und Umweltmanagement bei der Entwicklungsorganisation InWEnt 24 Mitarbeiter – und ist weder Ingenieur noch Verwaltungsfachmann, sondern evangelischer Theologe. Er sagt: »Ich wollte Journalist werden, bis ich merkte, dass ich die Dinge nicht nur beschreiben, sondern verändern wollte.«

Ein erster Schritt, bei dem er Entwicklungszusammenarbeit von unten kennen lernte, war das ASA-Programm (Arbeits- und Studienaufenthalte im Ausland), das heute immer noch junge Leute in Zweier- oder Dreierteams für drei Monate für Entwicklungsprojekte in Länder des Südens schickt, zum Reinschnuppern. Laut ASA-Chef Albrecht Ansohn finden durchschnittlich 30 Prozent der Programmteilnehmer später Jobs in der Entwicklungszusammenarbeit.

Hinrich Mercker versuchte danach an verschiedenen Stellen, sich fortzubilden, unter anderem beim Seminar für Ländliche Entwicklung. Das bietet, anders als sein Name vielleicht vermuten lässt, ein einjähriges Aufbaustudium in »Internationaler Zusammenarbeit« an. Schließlich wurde Mercker am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) angenommen, das jährlich bis zu 22 Hochschulabsolventen ein neunmonatiges Aufbaustudium zur Entwicklungszusammenarbeit bietet.

ASA, das Seminar für Ländliche Entwicklung oder auch das DIE, das sind noch heute die einschlägigen Anlaufstellen für alle, die langfristig in die Entwicklungszusammenarbeit gehen möchten und nach wissenschaftlicher Ausbildung in dem Bereich streben. Daneben gibt es die Parteistiftungen und Kirchen, die in Deutschland und in vielen Entwicklungsländern Büros unterhalten, sowie die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich mit ihrem »Nachdiplomstudium für Entwicklungsländer«.

Und natürlich sind da noch die Ausbildungsprogramme der drei vom Staat finanzierten großen deutschen Organisationen für Entwicklungszusammenarbeit: der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), die technologischen Fortschritt unterstützt; des Deutschen Entwicklungsdiensts (DED), der Entwicklungshelfer entsendet; und der Internationalen Weiterbildungs- und Entwicklungs-Gesellschaft (InWEnt), die Bildungsprojekte in oder über Entwicklungsländer macht.

Die drei staatlich finanzierten Organisationen unterscheiden sich nicht nur in ihrer inhaltlichen Ausrichtung voneinander, sondern auch in Hinblick auf die Bezahlung ihrer Mitarbeiter: Während zum Beispiel die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit ihren Experten in etwa den Lohn bezahlt, den sie für einen vergleichbaren Job im Privatsektor bekämen, betrachtet der Deutsche Entwicklungsdienst die Arbeit seiner Leute im Feld als vorübergehendes soziales Engagement. Entsprechend niedrig ist der Verdienst.

In vielen Bereichen ist die Entwicklungszusammenarbeit so konzipiert, dass nicht nur hauptberufliche Fachleute ihr gesamtes Berufsleben darin verbringen sollen. Stattdessen werden häufig auch in der Privatwirtschaft erprobte Mitarbeiter gesucht, die auf der Basis eines Zeitvertrags vorübergehend ihre Fachkompetenz in den Dienst der guten Sache stellen – und anschließend wieder zurückgehen in die Heimat und in ihren eigentlichen Beruf. Gleichzeitig muss auch in den Zentralen der Organisationen viel konzeptionelle Arbeit geleistet werden, sodass eine große Zahl von Mitarbeitern gar nicht in Ländern der Dritten Welt eingesetzt werden, sondern von Deutschland aus die Entwicklungszusammenarbeit voranbringen.

In einer DIE-Studie von 2001 über die Berufschancen deutscher Hochschulabsolventen im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit steht die Mahnung, die berufliche Perspektive solle »so gewählt werden, dass der ausgesuchte Beruf im Inland Chancen hat, aber auch die Option für eine Tätigkeit in der bi- oder multilateralen Entwicklungszusammenarbeit offen hält«. Das hat seinen Grund, denn die Beschäftigungschancen in diesem Berufsfeld sind eher gering. Laut der Studie arbeiten etwa gerade einmal 10500 Deutsche mit Hochschulabschluss in der Entwicklungszusammenarbeit. Hinzu kommen noch Mitarbeiter privater Consulting-Unternehmen.

Auch angesichts des umkämpften Jobmarktes überrascht es, dass so viele Hochschulabsolventen in diesem Bereich arbeiten wollen. Allerdings nur auf den ersten Blick. Denn schaut man sich die Motive der Leute genauer an, ist ihre Begeisterung schon weniger verwunderlich. »In der Entwicklungszusammenarbeit arbeiten Abenteurer, Gesinnungsethiker und Gutmenschen«, sagt Hinrich Mercker in fröhlicher Offenheit. Offenbar ist es doch gar kein so schlechter Job für Menschen, die sich auf Überstunden und eine ungewisse Zukunft einlassen wollen. Die allerdings, so Mercker, gebe es in dem Beruf ohnehin reichlich. »Und ganz viele professionelle, gesellschaftlich engagierte Leute.«

Zur Startseite
 
Leserkommentare

Wegen des Relaunches steht die Kommentarfunktion gegenwärtig einigen Nutzern nicht zur Verfügung.

  • Schlagworte Umweltpolitik | GTZ | Hochschulabschluss
Service