Chancenbeilage Chemie mit Nährwert

Wo das Essen eine Wissenschaft für sich ist

Seit seinem Abitur befindet sich Oliver Seelig auf einem Selbstfindungstrip. Erste Station: eine Schokoladenfabrik auf Tasmanien. Erste Erkenntnis: »Ich will was mit Schokolade machen.« Station zwei: die Universität Jena. Aktueller Erkenntnisstand: »Ich bin ein Nährstoff verarbeitendes Molekülgerüst.«

Der 23-Jährige hat zwei Semester voller anorganischer Chemie, Botanik, Genetik, Biochemie, Biologie und Informatik hinter sich – er studiert Ernährungswissenschaften. Das Einmaleins der Naturwissenschaften ist dabei die Basis. Nicht leicht für jemanden, der Deutsch und Geschichte als Leistungskurse hatte. »Man muss sich durch die Grundlagen kämpfen, aber jetzt merke ich so langsam, dass es sich gelohnt hat.«

Gerhard Jahreis, 57, ist Professor in Jena und überzeugt: »Wer Chemie abgewählt hat, sollte von Ernährungswissenschaften Abstand nehmen.« Die Jenaer Ernährungswissenschaftler denken darüber nach, Chemie-Abwähler für einen möglichen Bachelorstudiengang nicht zuzulassen. Zu wichtig sei dieses Fachwissen für die Vermittlung der grundlegenden Kenntnisse über Lebensmittel, die menschliche Ernährung und die Prozesse, die damit zusammenhängen. Doch solange es geht, wollen sie den Diplomstudiengang – einer von drei an deutschen Universitäten – erhalten. Daneben gibt es ein halbes Dutzend Studiengänge, die zum Bachelor in Oecotrophologie führen, wie es fachsprachlich heißt. Rund 1500 Studierende sind in Ernährungswissenschaften eingeschrieben, 100 davon in Jena. Noch einmal 7000 haben sich bundesweit für das benachbarte Fach Haushalts- und Ernährungswissenschaft entschieden. Der Frauenanteil liegt bei rund 90 Prozent. »Ein Grund dafür wird sein, dass die Mädchen meist ein besseres Abitur machen als die Knaben«, meint Gerhard Jahreis. In Jena lag der NC zuletzt bei 1,7. »Ernährung ist auch mehr ein Frauenthema. Nicht umsonst zeigt die Statistik, dass Frauen sich gesünder ernähren.«

Christina Ness scheint ihren Professor zu bestätigen. Die 24-jährige Vegetarierin sagt: »Ich habe erst über meine Ernährung nachgedacht, dann über das Studium.« Für Jena hat sie sich entschieden, weil hier das Wahlpflichtfach Ernährungsberatung angeboten wird – ein Berufsfeld, das in den vergangenen Jahren stetig gewachsen ist. Das hat der Verband der Oecotrophologen anhand einer jährlichen Auswertung von Stellenanzeigen erkannt. 35 Prozent der Ausschreibungen kamen 2004 aus der Lebensmittelindustrie, 19 Prozent aus der Pharmabranche. Weitere Arbeitgeber sind Verbände, Verlage, Hochschulen und andere wissenschaftliche Einrichtungen.

In Industriebetrieben absolvieren die Studierenden Pflichtpraktika, nachdem sie im Hauptstudium mit Fachwissen in Ernährungswirtschaft, Lebensmitteltechnologie oder auch über Obst und Gemüse, Heil- und Gewürzpflanzen versorgt wurden. Die Kontakte der Jenaer Ernährungswissenschaftler sind hervorragend, schließlich forschen sie mit den Studenten für namhafte Unternehmen.

Hier lernt man fürs Leben; aber Jahreis warnt: »Wenn man irgendwo eingeladen ist, dreht sich das Gespräch gleich ums Essen, und man muss eine Vorlesung halten. Man sagt also besser nicht, dass man Ernährungswissenschaftler ist.«

 
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