SchuleFrüher beginnen, später trennen

Plädoyer für einen behutsamen Umbau des deutschen Schulsystems von Jürgen Oelkers

Warum gibt es in Deutschland keine Gesamtschulen wie in den skandinavischen Ländern? Die Antwort ist einfach: Schulen, in denen Kinder ohne jede Selektion von der ersten bis zur letzten Klasse gemeinsam unterrichtet werden, standen nie wirklich auf der politischen Agenda. Forderungen nach »National-« oder »Einheitsschulen« gibt es seit 1812, verwirklicht wurden diese Forderungen in der wechselvollen deutschen Schulgeschichte nie auch nur ansatzweise, weil der politische Wille fehlte.

Die einzige Ausnahme verschärfte das Problem: In der DDR ist 1950 eine achtklassige Grundschule für alle Kinder eingeführt worden, die 1959 auf zehn Jahre gemeinsamen Unterrichts ohne Selektion erweitert wurde. Diese Einheitsschule mit dem Ziel der »sozialistischen Persönlichkeit« erschien im Westen als »Gleichmacherei« und wurde nach der Wende 1989 komplett abgewickelt. Die Erfahrungen mit der Einheitsschule spielten in den anschließenden Diskussionen keine Rolle, auch nicht in dem Sinne, dass die finnische Gesamtschule nach dem Vorbild der DDR-Einheitsschule entwickelt wurde und heute glänzend dasteht.

Was in der Bundesrepublik seit Anfang der siebziger Jahre Gesamtschule genannt wird, ist eine Addition zum dreigliedrigen System. Ihre Einführung war mit einem so hohen Aufwand an Polemik und irreführenden Diskussionen verbunden, dass man Verständnis haben kann, wenn die Bildungspolitik eine erneute Auseinandersetzung um die »Systemfrage« scheut. Der Preis allerdings ist hoch: Für die strukturelle Entwicklung des deutschen Bildungswesens gab es nach 1989 und gibt es bis heute keine Perspektive.

Die neuen Bundesländer übernahmen das gegliederte System des Westens, ohne nach dessen Leistungsgrenzen zu fragen. Erst die Pisa-Studie von 2001 warf erneut die Frage auf, ob nicht Gesamtschulen leistungsfähiger seien als gegliederte Systeme. Seitdem nimmt die Diskussion an Schärfe zu, ohne in Rechnung zu stellen, dass sich die Systemfrage auf der Basis des Pisa-Tests gar nicht beantworten lässt. Der Test vergleicht Schulleistungen am Ende der Schulzeit, nicht Systeme.

In der politischen Diskussion wird von einigen die deutsche Schule mit dem vermeintlichen Idealsystem Skandinaviens verglichen. Dabei wird zweierlei übersehen: Die skandinavischen Gesamtschulen verlagern die Selektion, und sie sorgen am Ende für bessere Chancengleichheit nur im Blick auf die Schule selbst. In Bildungssystemen wie in Skandinavien, aber auch in Japan oder den Vereinigten Staaten, findet die Selektion nach den allgemeinbildenden Schulen statt, bei der Aufnahme in die Universitäten oder beim Eintritt in den Arbeitsmarkt.

Selektionsfreie Bildungssysteme gibt es nicht. Aber eine spätere Selektion während der Schulzeit erhöht die Chancen zur gezielteren Förderung, anders regiert von Anfang an das Matthäus-Prinzip: Wer mit Vorteilen die Schullaufbahn beginnt, erhält diese und baut sie aus. Wenn eine ausreichende Grundbildung für alle politisch garantiert werden soll, müssen die Nachteile im schulischen Lernprozess minimiert werden. Das ist kein Argument für »Gleichmacherei«, sondern für die effektive Nutzung der Lernchancen.

Versteht man unter Chancengleichheit nicht einen egalitären Schulabschluss für alle (den es auch in Finnland nicht gibt), sondern die Chancen, einen qualifizierten Arbeitsplatz zu erhalten, dann muss im Blick auf Bewertung von Bildungssystemen auch die Quote der Jugendarbeitslosigkeit und nicht lediglich die Abiturquote betrachtet werden. In Ländern wie Finnland liegt die Jugendarbeitslosigkeit mit 20,7 Prozent im Jahre 2004 konstant höher als in Deutschland mit etwa 9 Prozent.

Wenn nur die Abiturquote den Vergleichsmaßstab bildet, dann muss in Rechnung gestellt werden, dass in den deutschsprachigen Ländern ein duales System der Berufsbildung existiert und somit höhere Abschlüsse, die nicht über das Gymnasium erreicht werden. Auch ein Real- oder in bestimmten Fällen auch ein Hauptschulabschluss mit anschließender Lehre bietet gute Berufsperspektiven und auch Wege zu Fachhochschulabschlüssen.

Gleichwohl zeigt der Systemvergleich einige Besonderheiten, die Anlass sein sollten, über die Struktur des deutschen Bildungswesens neu nachzudenken. Nur in zwei Ländern, nämlich in Deutschland und Österreich, werden die Schüler nach der vierten Klasse, also im Alter von zehn Jahren, auf anschließende Schulen verteilt. Die meisten Länder unterscheiden zwischen der Primarschule (sechs Jahre) und der Sekundarstufe (drei Jahre); auch in selektiven Systemen wie dem der Schweiz erfolgt die Zuweisung erst nach der sechsten Klasse, wobei einige Schweizer Kantone nur noch zwei Sekundarzweige kennen. In Deutschland werden die Schüler am Ende der vierten Klasse weitgehend definitiv zugewiesen. Die Durchlässigkeit ist schwach, und sie erfolgt nur in einer Richtung, nämlich von den Gymnasien weg zu den Haupt- und Realschulen, nicht jedoch umgekehrt. Wer aber die achte Klasse des Gymnasiums übersteht, der hat das Abitur fast schon in der Tasche. Diese innere Selektivität des deutschen Gymnasiums gab es schon immer. Historisch neu ist die Verbreiterung des Zugangs seit Beginn der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts, der aber einfach eine erweiterte Mittelschicht voraussetzte und an der sozialen Herkunft der Schüler wenig geändert hat.

Alle Bildungssysteme weisen in irgendeiner Form ihre Schülerkohorten verschiedenen Zweigen zu. Aber nirgendwo geschieht das so früh und so wenig korrigierbar wie in Deutschland. Zudem erfolgt die Zuweisung in eigene Schultypen, die ihren Bestand erhalten müssen und je eigene Ziele verfolgen. Weil mit dem höchsten Schulabschluss, dem Abitur, die vermeintlich beste Berechtigung verbunden ist, ist hier eine Nachfrage entstanden, die das historische System in eine dramatische Schieflage gebracht hat.

Ursprünglich war das Abitur der Abschluss für eine schmale Elite, die die Volksschule als Quasigesamtschule für die große Mehrheit der Schüler voraussetzte. Heute sind Eltern gezwungen, ihre Kinder auf das Gymnasium zu schicken oder zumindest die deklassierte Hauptschule zu vermeiden. Hier, in der Hauptschule, finden die schärfsten sozialen Wahlen statt, wenngleich das zwischen den Bundesländern durchaus unterschiedlich ist. In Bayern, vor allen Dingen in der Fläche des Landes, hat die Hauptschule noch einen anderen Stellenwert als zum Beispiel in Bremen.

Schulleistungen sind abhängig vom kontinuierlichen Aufbau des Wissens und Könnens in den verschiedenen Fächern. Schlechte Schüler sind nicht einfach weniger begabt, sondern erzielen in ihrem Lernverhalten von einem bestimmten Zeitpunkt an keine Fortschritte mehr. Sie bleiben stehen oder fallen zurück. Alle Leistungsmessungen stellen Unterschiede zwischen den Schülern fest, aber in kaum einem anderen System sind sie so groß wie in deutschen Schulen. Schon bei Beginn der Grundschule zeigen sich erhebliche Unterschiede im Lernstand, diese Unterschiede nehmen im Laufe der Schulzeit zu und werden durch den Unterricht nicht ausgeglichen, sondern intensiviert.

Die soziale Herkunft steuert den Unterricht schon in der Grundschule. Ein Grund dafür ist, dass früh ein hoher Selektionsdruck herrscht, der eine Förderung aller Schüler erschwert. Zudem ist die Regeleinschulung im Alter von sechs Jahren eine künstliche Größe, die voraussetzt, dass Schulreife an ein bestimmtes Alter gebunden ist, statt davon auszugehen, dass die Lerntempi verschieden sind und kognitives Lernen nicht erst mit der Schule einsetzt. Vor der Einschulung gibt es in Deutschland keine curricularen Angebote, die kleinere Kinder nutzen könnten.

Die meisten europäischen Bildungssysteme kennen solche Angebote. In den Niederlanden können Kinder mit vier Jahren in Schulen lernen, in der Schweiz werden Basisstufen aufgebaut, die den Kindergarten und die Schuleingangsstufe vereinen, in Frankreich besteht die école maternelle, die ebenfalls ein frühes Lernangebot darstellt. Der Unterschied zwischen den europäischen Ländern besteht nur darin, ob die Vorschule Teil der Schulpflicht ist oder nicht.

Aus diesen Erfahrungen ließe sich eine Entwicklungsperspektive für das deutsche Bildungswesen gewinnen. Sie kann mit einem Satz umschrieben werden: Früher beginnen und später trennen. Wenn der Kindergarten der Grundschule angenähert wird, könnten Angebote vom vierten Lebensjahr an bereitgestellt werden. Diese Angebote würden die Vorteile des Kindergartens und der ersten Grundschulklassen bündeln, das Lernen wäre zugleich spielerisch und kognitiv herausfordernd. Die Grundschule für alle würde mit der Grundstufe beginnen und bis zur sechsten Klasse dauern, das heißt, die deutschen Kinder würden acht Jahre lang gemeinsam unterrichtet.

Der längere gemeinsame Schulbesuch hat verschiedene Vorteile. In heterogenen Leistungsgruppen profitieren leistungsschwächere Schüler von der Gesamtsituation, während stärkere Schüler in aller Regel nicht benachteiligt werden. Die Lernförderung hat eine längere Perspektive und gibt den Kindern mehr Zeit für individuelle Entwicklung. Das Lernen kann sich an Mindeststandards ausrichten, die von allen erreicht werden müssen, ohne das Leistungsverhalten nach oben hin zu begrenzen. Die Verteilung der Schüler erfolgt später und kann besser vorbereitet werden.

Ein solcher Vorschlag bedeutet gravierende Veränderungen in der Ausbildung der Lehrkräfte. Sie müssen von Anfang an auf den Umgang mit Heterogenität eingestellt sein, während heute immer noch die Fiktion des Mittelschichtseinheitsschülers die Vorstellungswelt angehender Lehrkräfte beherrscht. In Zukunft müssen Lehrkräfte sich auf eine Unterrichtssituation einstellen, in der Leistung mit Förderung verbunden ist und die Selektion lange Zeit keine Rolle spielt.

In der Folge dieses Vorschlages würde sich die Gymnasialzeit um zwei Jahre verkürzen, was sich curricular ausgleichen ließe. Die zwei Jahre vor der heutigen Grundschule können als Eingangs- oder Basisstufe verstanden werden, die flexibel in die Grundschule einführt. Diese Stufe wäre als Angebot für alle zu verstehen. Französische Erfahrungen zeigten, dass ein solches Angebot von den weitaus meisten Eltern genutzt wird, auch wenn es nicht obligatorisch ist. Die Dauer der anschließenden Grundschule verlängert sich von heute vier auf sechs Jahre, sodass zusammen mit der Eingangsstufe maximal acht Jahre gemeinsamer Schulzeit zur Verfügung stehen, in einem Alter, in dem erfolgreich gefördert werden kann.

Das ist kein Kahlschlag, sondern eine Systemanpassung, die mittelfristig unumgänglich ist. Der europäische Vergleich zeigt im Übrigen, dass anderswo Alltag ist, was in Deutschland als Provokation erscheinen mag. In der Schweiz haben nur noch einige Kantone sechsjährige Gymnasien, der Regelfall sind vierjährige Lehrgänge, die in der Sekundarstufe vorbereitet werden. In den Niederlanden gibt es sechsjährige Gymnasiallehrgänge, die ebenfalls in der Sekundarstufe I beginnen, die meisten Gymnasialzweige im EU-Bereich beziehen sich demgegenüber nur noch auf die Sekundarstufe II und dauern vier oder drei Jahre.

Nach einer achtjährigen Grundschule würde ein Teil der Schüler sechs Jahre lang Gymnasien besuchen mit dem Ziel, die allgemeine Hochschulreife zu erwerben. Der andere Teil würde nicht wie heute auf zwei Schultypen verteilt, sondern würde drei oder vier Jahre lang Jahre eine Schule besuchen, die »Realschule« genannt werden kann und die auf Berufslehren vorbereitet. Diese Schule vereint die jetzige Realschule mit der Hauptschule. Eine solche Entwicklung ist schon aus demografischen Gründen unumgänglich, und sie verhindert die weitere Deklassierung der Hauptschule. Zwischen den beiden neuen Schulzweigen besteht Durchlässigkeit, die modulförmig organisiert werden kann. Module sind Unterrichtseinheiten, die mit einem Punktesystem bewertet werden.

Dieser Vorschlag vollzieht nach, was europäischer Standard ist, ohne die deutschen Besonderheiten aufzulösen. Er erlaubt eine Entzerrung der Diskussion von Chancengleichheit, die nicht darauf abzielt, dass möglichst alle Schüler den höchsten Abschluss erreichen. Der Vorschlag erhält die Vorteile des dualen Systems der Berufsbildung und gewährleistet eine bessere Vorbildung für Lehrberufe. Auf der anderen Seite wird das Abitur nicht infrage gestellt und so das Privileg der Gymnasien gewahrt. Was auf diesem Wege erreicht werden kann, sind faire Chancen für das Erreichen von Lernzielen in einem grundlegenden Lehrgang für alle sowie eine Neugestaltung der Übergänge unter der Voraussetzung, dass alle Schüler am Ende der neuen Grundschule über Mindeststandards verfügen.

Der Autor lehrt Allgemeine Pädagogik an der Universität Zürich. Soeben ist sein neues Buch erschienen: »Gesamtschule in Deutschland«. Eine historische Analyse und ein Ausweg aus dem Dilemma; Beltz Verlag, Weinheim; 19,90 Euro

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Leserkommentare
  1. Passend zum Artikel von Jürgen Oelkers möchte ich einmal das Schulsystem vorstellen, das meine Kinder besuchen.
    Es besteht aus einer 8 jährigen Primärstufe und einer 5 jährigen Sekundärstufe in der man vergleichsweise den Realschulabschluss oder das Abitur erreichen kann.
    Kinder können ab dem vierten Lebensjahr eingeschult werden die Schulpflicht beginnt mit 6 Jahren.
    In den ersten zwei Jahren wird spielerisch Grundwissen vermittelt wie Buchstaben, Zahlen, Farben usw. bereits in Richtung lesen,schreiben und rechnen, ausserdem wird die erste Fremdsprache mit eingebaut die mit den Jahren vertieft wird.
    Ab dem dritten Jahr beginnt auf dieser Basis die Grundschulausbildung,zu der auch das Erlernen eines Instruments gehört .Es gibt jedoch keine Stundenpläne ,der Tagesablauf wird frei gestaltet, alle Bücher bleiben in der Schule, nach Hause kommt nur was für die Hausaufgaben gebraucht wird und diese sehen bei jedem Kind anders aus je nach Bedarf.
    Geprüft wird das Wissen in Tests die gemeinsam korrigiert aber nicht mit Zensuren bewertet werden,diese gibt es erst im Sekundärsystem. Bei Problemen nimmt der Lehrer Kontakt zu den Eltern auf und jeder Schule stehen Nachhilfe-Lehrer zur Verfügung die während der Schulzeit im
    Intensiv-Unterricht lernschwache oder z.B. ausländische Kinder mit Sprachproblemen betreuen.
    Zum Stand der Leistungen gibt es nach dem ersten Halbjahr ein Eltern- Lehrer- Gespräch und am Schuljahresende einen schriftlichen Report.
    Ausserdem tragen alle Kinder eine Schuluniform somit ist der einzige sichtliche Hinweis auf die finanziellen familiären Verhältnisse das Auto in dem man abgeholt wird falls man nicht mit dem Schulbus fährt.
    Die Schule meiner Kinder ist nicht etwa eine alternative Privatschule sondern sie ist eine ganz normale staatliche Grundschule in Irland.
    Die Sekundarschule wird im Anschluss besucht und ist ähnlich eines Gymnasiums nur mit den Unterschied das beide Abschlüsse möglich sind der Realschulabschluss nach 3 Jahren und das Abitur nach 5 Jahren. Ausserdem können die SchülerInnen nach 3 Jahren ein Jahr Pause einlegen für Praktikas, Kurse oder Studienreisen über die sie in der Regel eine Projektarbeit/bericht abgeben.
    Der Vollständigkeit halber möchte ich erwähnen, das der Träger fast aller Schulen in Irland die Katholische Kirche ist,welches aber mit der eigentlichen Ausbildung wenig zu tun hat, ich als nichtkatholische Mutter wurde von der Lehrerin gefragt ob ich einverstanden bin wenn mein Kind an Gebeten und sonstigen Aktivitäten teilnimmt.
    Das bemerkenswerteste am hiesigen Schulsystem, waren für mich von Anfang an die Lehrer die sich mit einer sehr positiven Energie ihrem Beruf und den Kindern widmen und durch einen gesunden Ausgleich zwischen Disziplin und Freiraum eine leicht überschaubare und sichere Welt für die Kinder schaffen.Im Vordergrund steht es hier jedes Kind mit Respekt auf seine sozialen Umstände und nicht trotz dieser, nach seinen Möglichkeiten zu fördern und zu bilden. Obwohl meine Kinder weder die Muttersprache noch die Religion mit ihren Klassenkameraden teilen haben sie den gleichen Leistungsstand und sind vollkommen in ihrer Schule integriert.

    • iceman
    • 29. März 2006 5:58 Uhr

    Wenn man über Bildung diskutiert (ich bin kein Experte), dann ist die Frage nach Intelligenztests an Schulen nur ein Nebenthema - aber ein wichtiges!

    Eine Bekannte von mir arbeitet beim pädagogischen Dienst am Arbeitsamt.
    Dort werden auch Intelligenztests gemacht, um die Fähigkeiten von Erwachsenen herauszufinden, die eine Umschulung machen wollen.
    So etwas dauert mehrere Stunden, und ist verbunden mit einem anschliessenden Einzelgespräch, in dem die Ergebnisse mit den Vorstellungen (und der Selbsteinschätzung) des künftigen Umschülers verglichen werden.
    Das bedeutet: Die Ergebnisse sind keineswegs allein entscheidend, sondern lediglich EIN Hilfsmittel.
    Die einzelnen Testergebnisse werden bei denen graphisch dargestellt, also nicht in Punktezahlen, sondern in Form von Säulen oder Balken, und dann in Vergleich gesetzt zum theoretischen Maximalwert des jeweiligen Prüfbereichs.
    Der Testperson werden keine IQ-Werte genannt, sondern es werden lediglich die Stärken und Schwächen gemeinsam erörtert.
    Das halte ich für eine sinnvolle Handhabe, so sollte man es bei Schülern auch machen.
    Wichtig wäre aber: Umso jünger die Kinder sind, desto eher sollte man Tests verwenden, die die kognitiven Fähigkeiten unabhängig vom Sprachvermögen bemessen (wegen der Migrantenkinder).
    Solche Tests gibt es, sie wurden u.a. auch bei der PISA-Studie verwendet.

    In der Schule sollte es nicht darum gehen, ein "IQ-Zahlenranking" aufzubauen!

    Viele Schüler sind, gerade in der Pubertät, noch sehr unsicher, d.h. sie können erstens ihr Potential nicht genau einschätzen, und wissen oft auch nicht, wozu sie überhaupt geeignet sind.
    Beim Jugendlichen geht oft vieles durcheinander.
    Hätte man mich als Jugendlichen nach einem interessanten Beruf gefragt, hätte ich wahrscheinlich mit "Trucker" geantwortet, weil ich damals viel Country-Musik gehört habe (die Romantik der Landstrasse), obwohl ich technisch überhaupt nicht begabt bin, und mich noch nie für Autos interessiert habe.

    Einige Jugendliche überschätzen sich auch.
    Es gibt Hauptschüler, die glauben, sie wären für einen Bürojob geeignet. Da könnte ein Lehrer vorsichtig gegensteuern.
    Denjenigen, die sich UNTERschätzen, könnte man mehr Mut machen, ihnen gezielter helfen (bis hin zum Einsatz eines Schulpsychologen).

    In einem guten Elternhaus geben kompetente Eltern die nötige Führung, aber da, wo das nicht der Fall ist (die Zahl problematischer Elternhäuser wächst leider), gehen die Kinder fast unweigerlich verloren.

    Letztendlich geht es immer nur darum, dem Schüler individuell gerecht zu werden.
    Das schafft man am ehesten, wenn man den Schüler von mehreren Seiten beleuchtet (salopper Vergleich: das Attentat auf JFK. Da wurde auch von mehreren Seiten gleichzeitig geschossen - die "Trefferchance" steigt dadurch exponential an).
    Auf den "persönlichen Eindruck" eines Lehrers (zumal, wenn er mit dreissig Schülern in einer Klasse zu tun hat) möchte ich mich jedenfalls nicht mehr verlassen.
    Frau Lehmann hat ja darauf hingewiesen, wohin das führt.
    Und: Lehrer sind auch nur Menschen, auch die bräuchten dieses Hilfsmittel, denn die wenigsten von ihnen dürften absichtlich falsche Urteile abgeben.

    Was das dreigliedrige Schulsystem angeht:
    Ich habe es IMMER abgelehnt, das tue ich ohne genauere Sachkenntnis, an der Stelle bin ich wirklich mal ideologisch.
    Meine Grundüberlegung:
    Ein Wertesystem gibt es schon durch die Notengebung, wo der einzelne Schüler sehr stark konfrontiert wird (positiv oder negativ) mit fremden Erwartungen und dem Vergleich zu anderen.
    Es wäre schön, könnte man die Notengebung abschaffen, aber das geht nicht, wie wir wissen, weil wir sonst das "real existierende Bildungssystem" kreieren.
    Wenn das aber schon so ist, dann sollte man die Selektionsmechanismen nicht noch dadurch verschärfen, indem man Menschen in ein dreigliedriges Kastensystem steckt.
    Und nötig ist es auch nicht, wenn man sich andere Länder anschaut, die im Bildungsvergleich besser abschneiden.

    Eine gute Schule sollte sein wie ein gutes Unternehmen:
    - gut ausgestattet
    - ganztags arbeitend
    - alle Beteiligten an einem Standort

    Was wir Deutschen lernen müssen ist mehr Gemeinsinn, das sollte man nicht verwechseln mit Hammelherde oder Volkstümelei (auch wenn die Schweden vom ´Volkshem´ sprechen).

    Und Flexibilität ist ganz wichtig:
    Kein Unternehmen produziert über Jahrzehnte hinweg immer nur das gleiche Produkt, noch dazu mit immer den gleichen Mitteln - unsere Schulen hingegen schon.
    Und Flexibilität in der Schule bedeutet:
    Den einzelnen Schüler besser betreuen, stärker auf ihn eingehen, und sein vorhandenes Potential besser ausschöpfen - für ihn selbst, und damit letztlich auch für die Gesellschaft.
    Wer es so macht, der produziert weniger System-Verlierer, und braucht später bei den Erwachsenen keinen sozialen Raubbau zu betreiben (siehe Hartz IV).
    So mancher neo-liberale Schwadroneur hat für diese Zusammenhänge keinen Sinn. Auch da gibt es zuviel Ideologie.

    Intelligenz wird, und zwar in allererster Linie, genetisch generiert.
    Auch da hat der Staat eine gewisse Verantwortung, indem er hohe Kinderquoten nicht nur bei der Unterschicht fördert, sondern stattdessen vermehrt in Kindertagesstätten und Ganztagsschulen investiert.
    Andere Länder haben das so gemacht, wir nicht, die unterschiedlichen Ergebnisse zwischen uns und den Skandinaviern werden immer deutlicher.
    Aber das ist ein anderes Thema.

  2. 3. \N

    Dem Titel von Jürgen Oelkers Artikel kann ich zustimmen. Inhaltlich gehe ich nicht immer konformt. Bei der Diskussion um die Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen werden die Bedingungen hierzulande viel zu wenig einbezogen. Wenn in Finnland Lerngruppen mit drei oder vier Schülern von einer Lehrkraft betreut werden können und einer Gruppe von 15 SchülerInnen eine Lehrerin und ein Hilfslehrer zur Verfügung steht, dann lässt sich das nicht mit unserem Schulalltag vergleichen. Wieviele SchülerInnen in Finnlang können kein Finnisch? Wieviele SchülerInnen in Deutschland beherrschen kein Deutsch? Wenn man in einer Großstadtrealschule schon mit den mangelnden Deutschkenntnissen kämpfen muss, dann wird sich das nicht bessern, wenn noch mehr Kinder mit niedrigem Wissensstand in den Klassenzimmern sitzen.
    Zuerst sollten alle Kinder in einen Kindergarten mit einer Art Lehrplan gehen müssen, damit auch jedes Kind einen Grundwortschatz im Deutschen erhält, bevor es in die Schule geht. Und dann sollte man sich, bevor man die Schulstrukturen ändert, erst einmal sinnvollere Bedingungen schaffen. Hierzulande wird die Zusammenlegung Hauptschule-Realschule doch nur als Kostenersparnis gesehen, und das ist fatal. Wo sind gute Konzepte? Wo sind die kleineren Klassenstärken? Wo sind Hilfslehrer, Schulpädagogen etc.?
    Zum Schluss noch eine positive Info zu unserem Schulsystem. Auch nach oben hin ist unser System durchlässig. Dass es natürlich nicht viele Kinder wagen, von einer 6. oder 7. Klasse Realschule ins Gymnasium zu wechseln, ist klar, aber es wird gewagt und geschafft! Und viele SchülerInnen gehen nach der Realschule oder nach dem M-Zweig der Hauptschule in die FOS, in eine Übergangsklasse oder nach der Berufsausbildung in die BOS. Es gibt viele Wege zum Abitur, und anstatt zu jammern, sollten in den Medien diese Möglichkeiten transparenter gemacht werden und Eltern und Jugendliche ermutigt werden, diese Wege auch zu gehen.
    Es grüßt Sie
    Gudrun Franke

  3. "diese sehen bei jedem Kind anders aus je nach Bedarf"
    Das käme bei uns ja einer Palastrevolution gleich. Hier wird nur diskutiert: Hausaufgaben - ja oder nein? Aber dass man Hausaufgaben auch individuell gestalten könnte bzw. müsste, damit sie die gewünschten Lern- und Übungseffekte (die durchaus nötig sein können)zu erzielen, da sei die deutsche Schule vor.
    Alle haben alles gleich zu machen - die Diffenzierung erfolgt dann grob nach drei Schultypen, in denen teilweise sogar Grundschullehrerinnen innere Diffenrenzierung nicht einfach für problematisch halten ob zu großer Klassen sondern schlichtweg ablehnen. Nicht nur Gymnasiallehrer, die dieser Begriff das letzte Mal vor Jahrzehnten in der Ausbildung gestreift hat. Es herrscht die Meinung vor, vom noch nicht deutsch sprechenden bis zum hochbegabten Kind seien alle mit dem gleichen Vorgehen zu beschulen.
    Und während sich das eine Kind mit den Hausaufgaben quält, weil es sie nicht versteht, muss das andere das üben, was es schon von alleine möglichst noch vor der Schule konnte. WARUM KRIEGEN ANDERE LÄNDER DAS HIN? (Sind Iren bildungsfreugiger?)

  4. „Schon bei Beginn der Grundschule zeigen sich erhebliche Unterschiede im Lernstand, diese Unterschiede nehmen im Laufe der Schulzeit zu und werden durch den Unterricht nicht ausgeglichen, sondern intensiviert.“ Oelkers

    Finde, dass die Diskussion um die Schule immer so eindimensional geführt wird (das lernt man in der Schule wohl so).
    Dabei hat Schule so viele Seiten: Die Lernlust der Kinder (sofern nicht schon durch negative Faktoren beeinträchtigt, trifft auf Schule mit bestimmten Vorstellungen von Lernen (viel eher tradiert als wirklich im Detail auf die Lernvorausstzungen ganz unterschiedlicher Kinder abgestimmt) der Lehrer, die als Persönlichkeiten sehr unterschiedlich gut mit Menschen umgehen können, Interesse an ihren eigenen Fächern haben, vorgebildet sind, Feedback geben können, kommunikative und soziale Fähigkeiten, pädagogische Vorwissen haben – dass Ihnen unterschiedlich gut lehrende Hochschulen mit unterschiedlichem Kenntnisständen/Theoriebausteinen vermittelt haben.
    Dazu kommen noch die Elternhäuser, die Voraussetzungen, die die Kinder mitbringen und vor allem eine Schulpolitik, die sich nicht unbedingt an der Erfordernissen von Lernen orientiert, sondern teils ideologisch begründet, teils (wie in Hessen z.B.) Interessen geleitet vielleicht gar nicht alle Schüler fördern will (Wozu in die zukünftigen Pizzaausträger so viel investieren?).
    Eigentlich sollte man erst formulieren, was Schule erreichen soll und dann fragen, welche Schulformen mit welchen Lehrern und welchen Unterrichtsstilen und welcher Ausstattung das einigermaßen leisten kann. Es ginge jedenfalls viel mehr mit gar nicht so viel Einsatz mehr – aber einem anderen Geist.

  5. Zumindest für das konservativ regierte Baden-Württemberg gilt, daß auch Realschüler zum Abitur kommen, indem sie nach der zehnten Klasse auf ein technisches oder wirtschaftliches Gymnasium wechseln und dort ihr Abitur machen. Viele meiner damaligen Kommilitonen haben auf diese Weise ihre Hochschulzulassung erhalten. Die fachgebundene Hochschulreife ist sogar in nur einem Jahr nach der Realschule zu erhalten und erlaubt das Fachhochschulstudium. Auch Hauptschüler können an ihre 9 Jahre ein Jahr für die mittlere Reife anhängen und danach das Abitur machen.

    Natürlich erfordert dies einen gewissen Bildungswillen.

  6. Da ich die Situation persönlich gut kenne, hier einige Anmerkungen zu Frankreich :

    In der Tat ist das Angebot der von praktisch allen Eltern akzeptierten "école maternelle" ab dem 2./3. Lebensjahr ein wichtiger Baustein und nicht mit dem Niveau eines deutschen Kindergartens zu vergleichen. Die dort arbeitenden Lehrer haben ein mindestens dreijähriges Unistudium plus ein Jahr Praktikum hinter sich. Es existiert, wie für alle Schulen, ein staatlicher, in ganz Frankreich gültiger Lehrplan. Diese "Vorschule" arbeitet direkt mit der darauf folgenden Grundschule (1.-5. Klasse) zusammen, eine Einschulung wie in Deutschland findet gar nicht mehr statt. Weiter geht's mit dem Collège für alle (ohne Selektion) bis zum Ende der 9. Klasse. Danach für die meisten Schüler (da berufliche Ausbildung größtenteils schulisch) drei Jahr gymnasiale Oberstufe in beruflichen, technischen oder allgemeinbildenen Gymnasien.

    Während die Vor-und Grundschulen relativ gut funktionieren (Schwierigkeiten gibt es vor allem in Gegenden mit hohem Zuwandereranteil), hat sich das Collège für alle zum Problemfall herausgebildet. Es musste zunehmend zugegeben werden, dass lernschwache Schüler auch hier irgendwann aufgeben ( der "Mitzugeffekt" fand nicht statt) und die leistungstarken ihr Potential nicht voll ausschöpfen können, was letztlich eine negative Auswirkung auf das Niveau im Gymnasium gebracht hat. Nach einer erneuten Schulreform werden nun in der 8.Klasse des Collège die Schüler sehr wohl nach Leistung selektionert, wobei für ein Teil von ihnen die zweite Fremdsprache durch Technologieunterricht ersetzt wird. Das betrifft die staatlichen Schulen.

    Was in Deutschland selten oder nie erwähnt wird, ist, dass es in Frankreich für alle Schulstufen bis in den Hochschulbereich eine sehr hohe Anzahl von privaten, meist kirchlichen Schulen gibt. Diese werden vom Staat kontrolliert ( gleiche Lehrpläne und Lehrer mit derselben Ausbildung wie an staatlichen Schulen), sind schulgeldpflichtig, können sich aber ihre Schüler aussuchen, während die Problemfälle an den staatlichen Schulen hängenbleiben. Die Privatschulen können sich vor Aufnahmenanträgen kaum noch retten... Es findet also durchaus eine Auslese statt, zum einen über Schülerleistung, zum anderen über die Geldbörse der Eltern.
    Und letzendlich über die auf dem Gymnasium ausgewählten Fachrichtungen - die meisten Chancen winken denen mit einem stark an Mathematik ausgerichteten naturwissenschaftlichen Abitur. Danach wählen nämlich die Nicht-staalichen Hochschuleinrichtungen aus, ein "stink"normaler staatlicher Uniabschluss ist in vielen Fachrichtungen deshalb auch kaum noch etwas wert.

    Auch über ein weiteres Problem wird in Frankreich inzwischen etwas offener diskutiert, nämlich, dass die Schule nicht der Ort sein kann, dem alle sozialen Probleme (Arbeitslosigkeit, Ehescheidungen, Einwanderung, Konsumverhalten) aufgebürdet werden können. Störungen im Lernverhalten und Leistungsabfall haben ja wohl doch weniger mit schlechtem Unterricht zu tun, als mit "haus"gemachten Dingen... Wenn aber heute "schlechter" Unterricht stattfindet, dann frage man sich, wann und mit welchen Theorien die heutigen Lehrer ausgebildet wurden !

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  • Schlagworte Schule | Abitur | DDR | Gesamtschule | Grundschule | Gymnasium
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