SchuleFrüher beginnen, später trennen

Plädoyer für einen behutsamen Umbau des deutschen Schulsystems von Jürgen Oelkers

Warum gibt es in Deutschland keine Gesamtschulen wie in den skandinavischen Ländern? Die Antwort ist einfach: Schulen, in denen Kinder ohne jede Selektion von der ersten bis zur letzten Klasse gemeinsam unterrichtet werden, standen nie wirklich auf der politischen Agenda. Forderungen nach »National-« oder »Einheitsschulen« gibt es seit 1812, verwirklicht wurden diese Forderungen in der wechselvollen deutschen Schulgeschichte nie auch nur ansatzweise, weil der politische Wille fehlte.

Die einzige Ausnahme verschärfte das Problem: In der DDR ist 1950 eine achtklassige Grundschule für alle Kinder eingeführt worden, die 1959 auf zehn Jahre gemeinsamen Unterrichts ohne Selektion erweitert wurde. Diese Einheitsschule mit dem Ziel der »sozialistischen Persönlichkeit« erschien im Westen als »Gleichmacherei« und wurde nach der Wende 1989 komplett abgewickelt. Die Erfahrungen mit der Einheitsschule spielten in den anschließenden Diskussionen keine Rolle, auch nicht in dem Sinne, dass die finnische Gesamtschule nach dem Vorbild der DDR-Einheitsschule entwickelt wurde und heute glänzend dasteht.

Was in der Bundesrepublik seit Anfang der siebziger Jahre Gesamtschule genannt wird, ist eine Addition zum dreigliedrigen System. Ihre Einführung war mit einem so hohen Aufwand an Polemik und irreführenden Diskussionen verbunden, dass man Verständnis haben kann, wenn die Bildungspolitik eine erneute Auseinandersetzung um die »Systemfrage« scheut. Der Preis allerdings ist hoch: Für die strukturelle Entwicklung des deutschen Bildungswesens gab es nach 1989 und gibt es bis heute keine Perspektive.

Die neuen Bundesländer übernahmen das gegliederte System des Westens, ohne nach dessen Leistungsgrenzen zu fragen. Erst die Pisa-Studie von 2001 warf erneut die Frage auf, ob nicht Gesamtschulen leistungsfähiger seien als gegliederte Systeme. Seitdem nimmt die Diskussion an Schärfe zu, ohne in Rechnung zu stellen, dass sich die Systemfrage auf der Basis des Pisa-Tests gar nicht beantworten lässt. Der Test vergleicht Schulleistungen am Ende der Schulzeit, nicht Systeme.

In der politischen Diskussion wird von einigen die deutsche Schule mit dem vermeintlichen Idealsystem Skandinaviens verglichen. Dabei wird zweierlei übersehen: Die skandinavischen Gesamtschulen verlagern die Selektion, und sie sorgen am Ende für bessere Chancengleichheit nur im Blick auf die Schule selbst. In Bildungssystemen wie in Skandinavien, aber auch in Japan oder den Vereinigten Staaten, findet die Selektion nach den allgemeinbildenden Schulen statt, bei der Aufnahme in die Universitäten oder beim Eintritt in den Arbeitsmarkt.

Selektionsfreie Bildungssysteme gibt es nicht. Aber eine spätere Selektion während der Schulzeit erhöht die Chancen zur gezielteren Förderung, anders regiert von Anfang an das Matthäus-Prinzip: Wer mit Vorteilen die Schullaufbahn beginnt, erhält diese und baut sie aus. Wenn eine ausreichende Grundbildung für alle politisch garantiert werden soll, müssen die Nachteile im schulischen Lernprozess minimiert werden. Das ist kein Argument für »Gleichmacherei«, sondern für die effektive Nutzung der Lernchancen.

Versteht man unter Chancengleichheit nicht einen egalitären Schulabschluss für alle (den es auch in Finnland nicht gibt), sondern die Chancen, einen qualifizierten Arbeitsplatz zu erhalten, dann muss im Blick auf Bewertung von Bildungssystemen auch die Quote der Jugendarbeitslosigkeit und nicht lediglich die Abiturquote betrachtet werden. In Ländern wie Finnland liegt die Jugendarbeitslosigkeit mit 20,7 Prozent im Jahre 2004 konstant höher als in Deutschland mit etwa 9 Prozent.

Wenn nur die Abiturquote den Vergleichsmaßstab bildet, dann muss in Rechnung gestellt werden, dass in den deutschsprachigen Ländern ein duales System der Berufsbildung existiert und somit höhere Abschlüsse, die nicht über das Gymnasium erreicht werden. Auch ein Real- oder in bestimmten Fällen auch ein Hauptschulabschluss mit anschließender Lehre bietet gute Berufsperspektiven und auch Wege zu Fachhochschulabschlüssen.

Gleichwohl zeigt der Systemvergleich einige Besonderheiten, die Anlass sein sollten, über die Struktur des deutschen Bildungswesens neu nachzudenken. Nur in zwei Ländern, nämlich in Deutschland und Österreich, werden die Schüler nach der vierten Klasse, also im Alter von zehn Jahren, auf anschließende Schulen verteilt. Die meisten Länder unterscheiden zwischen der Primarschule (sechs Jahre) und der Sekundarstufe (drei Jahre); auch in selektiven Systemen wie dem der Schweiz erfolgt die Zuweisung erst nach der sechsten Klasse, wobei einige Schweizer Kantone nur noch zwei Sekundarzweige kennen. In Deutschland werden die Schüler am Ende der vierten Klasse weitgehend definitiv zugewiesen. Die Durchlässigkeit ist schwach, und sie erfolgt nur in einer Richtung, nämlich von den Gymnasien weg zu den Haupt- und Realschulen, nicht jedoch umgekehrt. Wer aber die achte Klasse des Gymnasiums übersteht, der hat das Abitur fast schon in der Tasche. Diese innere Selektivität des deutschen Gymnasiums gab es schon immer. Historisch neu ist die Verbreiterung des Zugangs seit Beginn der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts, der aber einfach eine erweiterte Mittelschicht voraussetzte und an der sozialen Herkunft der Schüler wenig geändert hat.

Alle Bildungssysteme weisen in irgendeiner Form ihre Schülerkohorten verschiedenen Zweigen zu. Aber nirgendwo geschieht das so früh und so wenig korrigierbar wie in Deutschland. Zudem erfolgt die Zuweisung in eigene Schultypen, die ihren Bestand erhalten müssen und je eigene Ziele verfolgen. Weil mit dem höchsten Schulabschluss, dem Abitur, die vermeintlich beste Berechtigung verbunden ist, ist hier eine Nachfrage entstanden, die das historische System in eine dramatische Schieflage gebracht hat.

Ursprünglich war das Abitur der Abschluss für eine schmale Elite, die die Volksschule als Quasigesamtschule für die große Mehrheit der Schüler voraussetzte. Heute sind Eltern gezwungen, ihre Kinder auf das Gymnasium zu schicken oder zumindest die deklassierte Hauptschule zu vermeiden. Hier, in der Hauptschule, finden die schärfsten sozialen Wahlen statt, wenngleich das zwischen den Bundesländern durchaus unterschiedlich ist. In Bayern, vor allen Dingen in der Fläche des Landes, hat die Hauptschule noch einen anderen Stellenwert als zum Beispiel in Bremen.

Schulleistungen sind abhängig vom kontinuierlichen Aufbau des Wissens und Könnens in den verschiedenen Fächern. Schlechte Schüler sind nicht einfach weniger begabt, sondern erzielen in ihrem Lernverhalten von einem bestimmten Zeitpunkt an keine Fortschritte mehr. Sie bleiben stehen oder fallen zurück. Alle Leistungsmessungen stellen Unterschiede zwischen den Schülern fest, aber in kaum einem anderen System sind sie so groß wie in deutschen Schulen. Schon bei Beginn der Grundschule zeigen sich erhebliche Unterschiede im Lernstand, diese Unterschiede nehmen im Laufe der Schulzeit zu und werden durch den Unterricht nicht ausgeglichen, sondern intensiviert.

Die soziale Herkunft steuert den Unterricht schon in der Grundschule. Ein Grund dafür ist, dass früh ein hoher Selektionsdruck herrscht, der eine Förderung aller Schüler erschwert. Zudem ist die Regeleinschulung im Alter von sechs Jahren eine künstliche Größe, die voraussetzt, dass Schulreife an ein bestimmtes Alter gebunden ist, statt davon auszugehen, dass die Lerntempi verschieden sind und kognitives Lernen nicht erst mit der Schule einsetzt. Vor der Einschulung gibt es in Deutschland keine curricularen Angebote, die kleinere Kinder nutzen könnten.

Die meisten europäischen Bildungssysteme kennen solche Angebote. In den Niederlanden können Kinder mit vier Jahren in Schulen lernen, in der Schweiz werden Basisstufen aufgebaut, die den Kindergarten und die Schuleingangsstufe vereinen, in Frankreich besteht die école maternelle, die ebenfalls ein frühes Lernangebot darstellt. Der Unterschied zwischen den europäischen Ländern besteht nur darin, ob die Vorschule Teil der Schulpflicht ist oder nicht.

Aus diesen Erfahrungen ließe sich eine Entwicklungsperspektive für das deutsche Bildungswesen gewinnen. Sie kann mit einem Satz umschrieben werden: Früher beginnen und später trennen. Wenn der Kindergarten der Grundschule angenähert wird, könnten Angebote vom vierten Lebensjahr an bereitgestellt werden. Diese Angebote würden die Vorteile des Kindergartens und der ersten Grundschulklassen bündeln, das Lernen wäre zugleich spielerisch und kognitiv herausfordernd. Die Grundschule für alle würde mit der Grundstufe beginnen und bis zur sechsten Klasse dauern, das heißt, die deutschen Kinder würden acht Jahre lang gemeinsam unterrichtet.

Der längere gemeinsame Schulbesuch hat verschiedene Vorteile. In heterogenen Leistungsgruppen profitieren leistungsschwächere Schüler von der Gesamtsituation, während stärkere Schüler in aller Regel nicht benachteiligt werden. Die Lernförderung hat eine längere Perspektive und gibt den Kindern mehr Zeit für individuelle Entwicklung. Das Lernen kann sich an Mindeststandards ausrichten, die von allen erreicht werden müssen, ohne das Leistungsverhalten nach oben hin zu begrenzen. Die Verteilung der Schüler erfolgt später und kann besser vorbereitet werden.

Ein solcher Vorschlag bedeutet gravierende Veränderungen in der Ausbildung der Lehrkräfte. Sie müssen von Anfang an auf den Umgang mit Heterogenität eingestellt sein, während heute immer noch die Fiktion des Mittelschichtseinheitsschülers die Vorstellungswelt angehender Lehrkräfte beherrscht. In Zukunft müssen Lehrkräfte sich auf eine Unterrichtssituation einstellen, in der Leistung mit Förderung verbunden ist und die Selektion lange Zeit keine Rolle spielt.

In der Folge dieses Vorschlages würde sich die Gymnasialzeit um zwei Jahre verkürzen, was sich curricular ausgleichen ließe. Die zwei Jahre vor der heutigen Grundschule können als Eingangs- oder Basisstufe verstanden werden, die flexibel in die Grundschule einführt. Diese Stufe wäre als Angebot für alle zu verstehen. Französische Erfahrungen zeigten, dass ein solches Angebot von den weitaus meisten Eltern genutzt wird, auch wenn es nicht obligatorisch ist. Die Dauer der anschließenden Grundschule verlängert sich von heute vier auf sechs Jahre, sodass zusammen mit der Eingangsstufe maximal acht Jahre gemeinsamer Schulzeit zur Verfügung stehen, in einem Alter, in dem erfolgreich gefördert werden kann.

Das ist kein Kahlschlag, sondern eine Systemanpassung, die mittelfristig unumgänglich ist. Der europäische Vergleich zeigt im Übrigen, dass anderswo Alltag ist, was in Deutschland als Provokation erscheinen mag. In der Schweiz haben nur noch einige Kantone sechsjährige Gymnasien, der Regelfall sind vierjährige Lehrgänge, die in der Sekundarstufe vorbereitet werden. In den Niederlanden gibt es sechsjährige Gymnasiallehrgänge, die ebenfalls in der Sekundarstufe I beginnen, die meisten Gymnasialzweige im EU-Bereich beziehen sich demgegenüber nur noch auf die Sekundarstufe II und dauern vier oder drei Jahre.

Nach einer achtjährigen Grundschule würde ein Teil der Schüler sechs Jahre lang Gymnasien besuchen mit dem Ziel, die allgemeine Hochschulreife zu erwerben. Der andere Teil würde nicht wie heute auf zwei Schultypen verteilt, sondern würde drei oder vier Jahre lang Jahre eine Schule besuchen, die »Realschule« genannt werden kann und die auf Berufslehren vorbereitet. Diese Schule vereint die jetzige Realschule mit der Hauptschule. Eine solche Entwicklung ist schon aus demografischen Gründen unumgänglich, und sie verhindert die weitere Deklassierung der Hauptschule. Zwischen den beiden neuen Schulzweigen besteht Durchlässigkeit, die modulförmig organisiert werden kann. Module sind Unterrichtseinheiten, die mit einem Punktesystem bewertet werden.

Dieser Vorschlag vollzieht nach, was europäischer Standard ist, ohne die deutschen Besonderheiten aufzulösen. Er erlaubt eine Entzerrung der Diskussion von Chancengleichheit, die nicht darauf abzielt, dass möglichst alle Schüler den höchsten Abschluss erreichen. Der Vorschlag erhält die Vorteile des dualen Systems der Berufsbildung und gewährleistet eine bessere Vorbildung für Lehrberufe. Auf der anderen Seite wird das Abitur nicht infrage gestellt und so das Privileg der Gymnasien gewahrt. Was auf diesem Wege erreicht werden kann, sind faire Chancen für das Erreichen von Lernzielen in einem grundlegenden Lehrgang für alle sowie eine Neugestaltung der Übergänge unter der Voraussetzung, dass alle Schüler am Ende der neuen Grundschule über Mindeststandards verfügen.

Der Autor lehrt Allgemeine Pädagogik an der Universität Zürich. Soeben ist sein neues Buch erschienen: »Gesamtschule in Deutschland«. Eine historische Analyse und ein Ausweg aus dem Dilemma; Beltz Verlag, Weinheim; 19,90 Euro

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  • Schlagworte Schule | Abitur | DDR | Gesamtschule | Grundschule | Gymnasium
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