China Alle unter einem Himmel

Erinnerung ist Politik: China inszeniert seine große Vergangenheit und rüstet sich für eine kapitalistische Zukunft

Shanghai kann einem den Atem verschlagen mit seiner Skyline, dem Lärmpegel und seiner notorisch guten Laune. Mit seiner schlechten Laune allerdings auch. Peking, wo man schon mal aus dem Taxi fliegt, wenn sich der Fahrer in einem Viertel verfranst hat, das vor ein paar Wochen noch ganz anders aussah. Armer ehrgeiziger Taxifahrer und armer Fremder, allein gelassen auf den Magistralen der chinesischen Hauptstadt. Man hat für das, was in China vor sich geht, das Wort vom »konfuzianischen Kapitalismus« erfunden. Es zwingt etwas zusammen, das wir kennen, mit etwas anderem, das anscheinend die Chinesen kennen. Es erklärt jedoch wenig, es gehört eher zur schwindelerregenden Oberflächenästhetik des Landes.

Und diese Oberfläche macht aus Beobachtern je nachdem kritiklose Bewunderer des chinesischen Wirtschaftsbooms oder hinterlässt tiefen Argwohn. Die neue Supermacht wird anders als die islamische Welt zu einer Projektionsfläche für das westliche Unbehagen: Ein Land, das solche sozialen Ungleichheiten duldet, heißt es, provoziere über kurz oder lang die soziale Apokalypse. Ein Land, das so konsequent auf Kapitalismus setzt und andererseits mit Freiheiten für seine Bürger geizt, müsse irgendwann als weltpolitischer Aggressor enden, weil es innere Spannungen nur durch eine Wendung nach außen abbauen kann.

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Für viele ist der Große Vorsitzende einfach der letzte Kaiser von China

Das passiert aber alles nicht, eigentlich hätte es schon längst passieren müssen. 1979 hatte Deng Xiaoping das Land geöffnet, danach gab es furchtbare Rückschläge wie das Tiananmen-Massaker, es gibt die Todesurteile, die Proteste auf dem Land, die Gefängnisse und die psychiatrischen Anstalten, es gibt das rüde Verhalten auf den Weltmärkten, die Außenpolitik, die vor allem die Energiesicherungspolitik ist. Aber es gibt natürlich auch die Politik, die China immer weiter in internationale Bündnissen einbindet, die Einhegung von asiatischen Konfliktherden, es gibt die 300 Millionen Menschen, die in den vergangenen Jahren aus der Armut in zivilisierte Lebensumstände gelangten, die Ansätze von Sozialpolitik, die realen Freiheitsräume in der Kultur. Wieso drehen die Chinesen im Boom nicht durch? Hilft es ihnen, auf eine 3000 Jahre währende Tradition zurückzublicken? Ja, schon, aber die Partei hält dabei noch immer das Fernglas fest.

Vielsagend lächelt Mao vom Tor des Himmlischen Friedens herab – der letzte aus der Väterriege der Revolution. Die anderen, Zhou Enlai, Liu Sao-chi oder Lin Biao, würde ein Chinese unter dreißig auch gar nicht mehr identifizieren können. Mao ist Kult, Pop, Kitsch. Für viele ist er einfach der letzte große Kaiser von China.

Mehr wollen die meisten Jüngeren über seine Zeit auch gar nicht wissen. Politik gilt unter Schülern und Studenten als langweilig und nutzlos. Aus guten Gründen verzichtete Deng nach dem 11. Parteikongress 1981, als er Mao kritisierte, auf die Ächtung. Politisch ist Mao unverzichtbar, er ist ja nicht der chinesische Stalin, sondern auch der Lenin der chinesischen KP, wenn nicht ihr Marx. Ohne »Mao-Denken« und Mao-Legende ist der Herrschaftsanspruch der Partei nicht aufrecht zu erhalten. 70 Prozent an ihm war gut, heißt es offiziell, 30 schlecht. Es war ein Akt der politischen Klugheit, die Gesellschaft nicht offen über Mao debattieren zu lassen.

So werden die faulen 30 Prozent peu à peu dem Vergessen anheim gegeben und durch 70 Prozent Mythologie ersetzt: Mao als Befreier von Kolonialismus und japanischer Fremdherrschaft, der Volksrepublikgründer, der China aus der geschichtlichen Erniedrigung holte. Es ist, als würde der offizielle Mao heute nachträglich in ein riesiges Naturgemälde aus der Kaiserzeit eingefügt werden, als ein weiser Herrscher unter kleinen weisen Männern, die alle am Fuße hoher Berge stehen.

Vom Langmut der Chinesen gegenüber wechselnden Herrschaftsverhältnissen ist oft die Rede, von ihrem Respekt vor Autoritäten, vom Fleiß und der Genügsamkeit. Falsch ist das nicht, aber Europäer bestätigen damit auch gern ihr altes Vorurteil gegenüber dem »Ameisenvolk«: Erst läuft es den Parolen, nun dem Zaster hinterher. Chinesen besitzen aber kein Gen für Duldsamkeit. Es existiert in China auch keine unzerstörbare kulturelle Substanz namens »Konfuzianismus«, eine Art Medizin, die gegen die Folgeschäden der Marktwirtschaft und des staatlichen Kontrollwahns immun machte. Kultur spielt zwar im chinesischen Modernisierungsprozess eine herausragende Rolle, jedoch nicht in Gestalt des Verlässlichen, des immer schon Gegebenen, das ausgleichend wirkt, wenn die Dynamik der Wirtschaft aus dem Ruder zu laufen droht.

Leser-Kommentare
  1. Ein lesenswerter Artikel, der zwar nichts Neues bringt, aber so manches auf den Punkt.
    Aber auch: ein Fall von Projektion. Töricht und sachlich einfach falsch der Satz: "Von der politischen Führung einmal abgesehen, wird das Land heute von den Vierzigjährigen in Gang gehalten, den Kindern der Kulturrevolution, die damals nicht zur Schule gehen mussten ..."
    Die Kinder durften nicht! So viele hätten es sich - vielleicht anders als der Autor - sehnlichst gewünscht. Vgl. z.B. Jung Chang: Wilde Schwäne und die Erlebnisberichte vieler dieser Generation.
    Johannes Kolfhaus, Lehrer am Gymnasium Marienthal, Deutschlands erster deutsch-chinesischer Schule

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