50 Klassiker der modernen Musik Ein Wintergewitter
Der sagenhafte gemeinsame Auftritt bekannter Jazz-Größen. Die siebte Folge aus der ZEIT-Serie "50 Klassiker der modernen Musik"
Viel Kunst entsteht, weil sie widrigsten Umständen abgetrotzt werden muss. So gesehen hatten sich die fünf Musiker nicht zu beklagen, die sich am 15. Mai 1953 in der Massey Hall von Toronto zu einem Konzert einfanden, das sich heute ausnimmt wie eine Art Panikblüte des Bebop. Schon das Wetter war unzeitgemäß: Schneetreiben, mitten im Mai. Charlie Parker, dieser Ikarus des modernen Jazz, befand sich schon im freien Fall. Keine zwei Jahre später war er tot. Der in den frühen Vierzigern von ihm und dem Trompeter Dizzy Gillespie erfundene neue, urbane, virtuose Jazz, der »Bop« oder »Bebop«, war, so schien es, abgebrannt.
Hier standen sie noch einmal gemeinsam auf einer Bühne. Der Saal war zu keinem Drittel besetzt. Am Piano saß Bud Powell, auch er Miterfinder des Bop. Er hatte eben einen seiner vielen Nervenzusammenbrüche und die anschließende Elektroschock-Therapie überstanden und begann das Konzert sturzbetrunken. Bassist Charles Mingus, als Einziger kein Mitglied aus der Urzelle des Bop (er kam von der Westküste), zeichnete das Konzert auf seinem privaten Tonbandgerät auf – leider so, dass alle zu hören waren außer ihm selbst: Seinen Part musste er im Nachhinein einkopieren. Am Schlagzeug war Max Roach das apollinische Prinzip inmitten dieser Geburt der Musik aus dem Geist der Tragödie und des Chaos. Proben gab es keine. Parker war ohne sein eigenes Altsaxofon eingetroffen und musste sich eins mieten (ein weißes Plastikinstrument). Und dennoch: Bis auf den heutigen Tag ist das Massey Hall Concert nicht das perfekteste, aber gewiss das feurigste Beispiel einer Musik, die ihren Schatten bis in unser spätes Jahrtausend wirft und deren Potenzial, wie Keith Jarrett sagt, noch zu keinem Zehntel ausgeschöpft ist.
Nachdem sich das Quintett anhand des Ellington-Klassikers Perdido schlecht und recht zusammengerappelt hat, führt es die leibhaftige Auferstehung des Phönix aus der Asche vor. Gillespie und Parker brechen in wahnwitzigem Tempo die Ulknummer Salt Peanuts vom Zaun, Parker, durch Dizzys Clownerien herausgefordert, mit einer in seinem Spätwerk beispiellosen Schärfe und Logik. Es folgt Jerome Kerns All The Things You Are mit einem Gillespie-Solo, hinter dem in gleitenden Akkorden Bud Powell herumgeistert wie ein dem Hades entkommener Orpheus; anschließend mit Wee eine weitere Bop-Hochgeschwindigkeits-Achterbahn, dann Tadd Damerons Hot House, fast abgeklärt kühl. Und am Ende stürzen sie sich in A Night in Tunesia, Gillespies Klassiker. Die Tonqualität ist Low Fi, was die brennende Intensität dieses letzten Bop-Gipfels keineswegs beeinträchtigt. Es war ein Abschied für immer. Rundum hatten schon die coolen, smarten Jungen das Kommando übernommen, der Hardbop rollte an mit viel Blues und Funk und gläubiger Harmonie. Da leuchtet uns diese Götterdämmerung des Bebop vom Horizont herüber wie ein Wintergewitter.
Jazz At Massey Hall(Debut Original Jazz Classics 044)The QuintetBuch- Datum 23.03.2006 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT 23.03.2006 Nr.13
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