Demografie
Kinderschwund - na und?
Deutschland ist überbevölkert
Wenn es um Demografie geht, sind die Gaukler und Hype-Artisten nicht weit. Da veröffentlichte vergangene Woche ein Institut seine neuesten Horrordaten, und schon schlugen die Medien »Geburtenalarm in Deutschland« und kündeten vom »Schock in Ostdeutschland«. D war abermals »Schlusslicht«, diesmal bei der Zeugung.
Was sind die Fakten? Erstens ist D nicht »Schlusslicht«. Italien, Japan, Spanien und weite Teile des Ostens von der Oder bis nach Wladiwostok sind im Gebärwettbewerb noch schlechter. Zweitens ist der Verfall kein teutonisches Phänomen: Die Geburtenraten nehmen seit 1965 in der gesamten westlichen und östlichen Welt ab.
Drittens stirbt niemand aus. Jedenfalls dürfte kein ernsthafter Demograf einen Satz wie diesen in der Bild- Zeitung von sich geben: »2100 wird die Zahl der Deutschen auf 46 Mio. geschrumpft sein, 2300 liegen wir bei 3 Mio., also kurz vor dem Aussterben.« Demografen sollten wissen, dass sie nicht weiter als von heute (Geburten von 2006) bis übermorgen (dem geschätzten Exitus dieser Alterskohorte) spekulieren dürfen – und schon gar nicht über deren Zeugungslust in 20 bis 40 Jahren. Sie dürfen nicht von ceteris paribus ausgehen – dass »alles so fortschreitet wie bis jetzt«. Geburtenraten ändern sich nämlich, mal schichten-, mal volksspezifisch. Längst schon geht zum Beispiel bei wohlhabenderen Amerikanern der Trend zur Großfamilie.
Nur zweierlei ist sicher. Die Geburtenrate sinkt langfristig, und: Der Trend lässt sich kurzfristig nicht drehen, schon gar nicht vom Staat. Sonst würden gerade die Deutschen die Kreißsäle stürmen. Denn dieses Land liegt bei der Kindersubventionierung international an der Spitze. Die Familienzuschüsse sind laut Finanzministerium allein seit 1992 um 40 auf 100 Milliarden Euro gestiegen – gleich 4,5 Prozent der Wirtschaftsleistung. Das Kieler Weltwirtschaftsinstitut redet gar von 170 Milliarden, was 7,6 Prozent wären. Fürs Militär gibt Deutschland 1,5 Prozent aus.
Auch die schlichte Formel »Mehr Staat bei der Betreuung« zieht nicht. In den USA wird die Masse der Kindergärten privat bestellt, und trotzdem liegt die Geburtenrate dort bei 2,0, derweil sie hierzulande bei knapp 1,4 Kindern pro Frau liegt (eine konstante Bevölkerung braucht 2,1). Leider ist das Gebärverhalten von homo sapiens occidentalis viel komplizierter, als die gängigen »Vater Staat«-Theorien suggerieren; dann hätte vor allem die DDR als Kindermaschine geglänzt. Tatsächlich gingen die Geburtenraten nach dem »Pillenknick« in beiden deutschen Staaten stetig nach unten; in der DDR nur etwas langsamer.
Also wird Deutschland langsam schrumpfen, laut UN-Studie auf 78 Millionen im Jahr 2050. Der Verband der Rentenversicherer sieht bloß 70 Millionen. Solche Hochrechnungen werfen die wissenschaftlich absolut fundierte Frage auf: Na und? Von links schallt die wohlfahrtsstaatliche Antwort zurück: »Die Renten!« Von rechts die nationalstaatliche: »Das Volk!« Beide müssen zum Behufe der Wahrheitsfindung »dekonstruiert« werden.
Die Renten: Es ist richtig, dass bei einem Umlageverfahren die Arbeitenden den Alten den Lebensunterhalt finanzieren. Daraus folgt: je weniger die Jungen, desto ärmer die Alten (es sei denn, die Beitragssätze steigen endlos). Das gilt indes nur ceteris paribus. Denn der Kollaps des Rentensystems lässt sich an ein paar Stellschrauben verhindern, sofern sich auch das kollektive Bewusstsein ändert.
Die eine Schraube heißt »Lebensarbeitszeit«. Als der alte Bismarck die Rente erfand, hätte, statistisch gesehen, niemand seinen 65. Geburtstag erleben dürfen. Heute liegt die Lebenserwartung in den hohen Siebzigern, im Jahr 2050 könnte sie 100 erreichen. Warum also nicht länger arbeiten, zumal nur noch die allerwenigsten mit der Spitzhacke Kohle schürfen oder von der Morgen- bis zur Abenddämmerung über den Acker ziehen. Nicht einmal 27 Prozent der deutschen Erwerbstätigen arbeiten noch in der Produktion (plus 2 Prozent auf dem Land); der Rest bewacht Schreibtische oder Ladentheken. Es gibt nur noch sehr wenig Knochenarbeit, dafür aber ein langes Leben nach 65, das nach sinnvoller Betätigung schreit.
Es würde schon reichen, das De-facto-Pensionsalter von 60 Jahren auf das gesetzliche anzuheben, um die »Rentenkrise« fürs nächste Jahrzehnt abzuschaffen. Obwohl sie jährlich um ein Prozent wachsen, haben die pragmatischen Amerikaner eine Pensionsgrenze nach der anderen im Kampf gegen age discrimination aufgehoben. Warum nicht auch wir? Warum nicht bis 70, 75?
Die nächste Schraube heißt »Erwerbstätigkeitsquote«. Das ist der Anteil der Arbeitenden an der Gesamtbevölkerung. Der liegt mit 72 Prozent knapp über dem EU-Durchschnitt – aber weit unter der dänischen (80), schwedischen (79) oder schweizerischen (81). In den USA und in England liegt sie bei 76 Prozent, in Island, dem Land mit der höchsten Geburtenrate in Europa, gar bei 85 Prozent, was freundlicherweise besagt, dass Frauenkarrieren nicht unbedingt mit Gebärstreik einhergehen müssen. Also: Je mehr Menschen arbeiten, desto weniger müssen von der Allgemeinheit alimentiert werden.
Die dritte Schraube heißt »Arbeitsmarktreform«. In Deutschland ist die Erwerbsquote, genauer: der Anteil »sozialversicherungspflichtiger Arbeit«, auch deshalb so niedrig, weil es nicht genug (legale) Jobs bei den vorherrschenden Löhnen, Zusatzkosten und Schutzregeln gibt. Ein brummender Arbeitsmarkt, der die zwölf Prozent Arbeitslosen und die Schwarzarbeit aufsaugt, würde die Rentenkassen sprudeln lassen und den Bevölkerungsschwund überreichlich kompensieren. Kurz: Bevölkerungsschwund muss nicht zum Kollaps der Sozialsysteme führen. Die schrumpfenden Germanen müssen bloß etwas kreativer und wandlungsbereiter über Lebenszeit und Arbeitsmarkt nachdenken.
Das Volk: Aber was wird aus Germanien, wenn es sich entvölkert? Das ist die Frage von rechts, die sich von völkischen Todesfantasien oder Überfremdungsängsten nährt. Auch hier darf man gegenfragen: Na und?
Nehmen wir das Reichsgebiet, das bekanntlich vor 1945 viel größer war als das heutige Deutschland. Als 1871 das Zweite Reich gegründet wurde, lebten dort 41 Millionen Deutsche. Als es 1890 zur stärksten Macht Europas avancierte, gab es 50 Millionen. Als das »Dritte Reich« 1942 fast ganz Europa kassiert hatte, waren es 70 Millionen – immer noch zwölf Millionen weniger als heute. Man sieht also zweierlei: Das deutsche Volk ist eine höchst variable Größe, und Stärke hängt nicht allein von der Bevölkerungszahl ab – heute weniger denn je. Denn Wirtschaftskraft kommt nicht mehr von Abermillionen Blaumännern und schon gar nicht von arbeitsintensiver Landwirtschaft. Das Zauberwort heißt »Wertschöpfung«, die von Kapital-, Grips- und Technologieeinsatz kommt.
Aber lassen wir solch schnöde materialistische Betrachtungen; reden wir über Seele und Lebensqualität. Vorweg wieder ein paar Fakten. In Deutschland leben 231 Menschen pro Quadratkilometer. In Frankreich sind es 110, in den USA 52, in Finnland nur 15. Sind diese Länder leistungsschwächer oder gar unglücklicher, weil sich auf ihrem Boden nicht so viele drängeln wie hier?
Wer durch die Weiten des amerikanischen Westens reist oder auch nur entlang der Loire oder durch die Auvergne, wird dort recht heitere und vor allem höfliche Menschen antreffen. Das entspricht unserer allgemeinen Erfahrung: je dichter geballt, desto unwirscher der Mensch.
Was wäre dann so furchtbar, wenn wir in 45 Jahren nur noch 78 oder 70 Millionen sind? Das wären immer noch gut 30 Millionen mehr als 1871. Nehmen wir als Vergleichsgröße nur das Bundesgebiet vor der Wiedervereinigung. Dort lebten vor 100 Jahren 33 Millionen, vor 60 Jahren 44 Millionen. Sind da die Deutschen auch »ausgestorben«? Einwand: Aber die Entvölkerung, vorweg in den neuen Bundesländern…
Auch hier darf man die Panik relativieren. Man muss sich nur von der in Beton gegossenen Vorstellung lösen, dass alles immer so sein muss, wie es ist. Das Leben besteht ganz trivial aus Wandel, Anpassung und Bewegung. Zwölf Millionen Deutsche sind nach 1945 gewandert oder geflüchtet – drei Millionen bis zum Mauerfall aus der DDR. Wer lebt heute noch dort, wo er geboren oder eingeschult wurde? Auch der deutsche Mensch zieht dorthin, wo der Arbeitsmarkt besser ist – ohne in Melancholie zu verfallen.
Für den Einzelnen mag der Verlust der Heimat tragisch sein. Da aber der deutsche Mensch als solcher ein Natur- und Waldfreund ist, sollte er frohgemut in die bevölkerungsverdünnte Zukunft blicken. Die Zersiedelung wird gebremst, die Natur kommt wieder zu ihrem Recht, und vielleicht kommen auch Bären, Wölfe, Biber und Auerhähne wieder. Ein fröhliches Lied auf den Lippen, kann der deutsche Mensch am Wochenende durch die Wälder streifen, um am Montag umso produktiver seine Tastatur zu bearbeiten. Vor allem aber: Vergessen wir die Dialektik nicht, die interessantere Voraussagen erlaubt als das sklavische Festhalten am ceteris paribus – dass alles weitermarschiert wie bisher.
Wo es weniger Menschen gibt, sinken die Bodenpreise, was zumindest langfristig Kapital und damit Arbeit anlockt. Aber wichtiger noch wäre der Einfluss der Verdünnung auf die Gebärfreudigkeit. Es stellt sich heraus, dass Kinderunlust neben all den anderen Faktoren stark mit Wohnraumknappheit korreliert. Wo Wohnen besonders teuer ist wie in der reichen Lombardei, fällt die Geburtenrate auf 0,9. Wo aber, weil Boden relativ billig ist, bequem ein Zimmer angebaut werden kann, mehrt sich der Kindersegen. Das jedenfalls besagen die amerikanischen Daten, die ein deutliches Gefälle zwischen Vorort/Land und den teuren Städten erkennen lassen.
Diese Korrelation geht über Amerika hinaus. Jedenfalls weisen viele Länder mit geringerer Bevölkerungsdichte höhere Geburtenraten auf als Deutschland: USA, Island, Irland, Neuseeland, Frankreich, Finnland, Schweden… Auf Deutschland übertragen, könnte auch hier gelten: wo viel Land, da auch viel Kind. Trösten wir uns mit der Dialektik aller menschlichen Existenz: je weniger die Deutschen, desto mehr ihre Kinder. So ab 2050.
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- Quelle DIE ZEIT 23.03.2006 Nr.13
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Vollkommen richtig.
Nur die Generation der jetzt 40+-jährigen (meine...), die hat halt Pech gehabt, weil sie am Knick der Bevölkerungskurve liegt. Aber was bedeutet das schon, sub specie aeternitatis? Nicht viel.
Europa ist überbevölkert, und wenn sich das Volk halbiert, wird es der Natur und dem Wasserhaushalt sehr viel besser gehen. Und, die Energievorräte werden dementspechend länger halten.
Quality instead of quantity!
Gegen den Artikel von Herrn Joffe gäbe es eine Menge einzuwenden. So wird beispielsweise seine Propagierung eines Erwerbslebens bis ins Alter von 70-75 Jahren vom größten Teil der abhängig Beschäftigten (nicht alle haben einen so privilegierten Job wie ein Zeit-Redakteur)nicht als hoffnungsvolle Zukunftsaussicht empfunden, sondern zu Recht als Horrorvision. Vielleicht sollte sich Herr Joffe einmal etwas näher damit befassen, was es wirklich bedeutet, sich jahrzehntelang in einem Geflecht von Abhängigkeit, Anpassung, Gleichförmigkeit und dem ständigen Zwang zur Erfüllung von anderen an einen selbst gestellten Ansprüchen bewegen zu müssen, bevor er solche Zumutungen ausspricht.
Darüber hinaus übersieht Herr Joffe die eigentliche Tragik der "Kindermisere" völlig, nämlich die schleichende und für jeden, der mit wachen Sinnen durch den Alltag geht, bereits heute wahrnehmbare Vergreisung der geistig-seelischen Atmosphäre in Deutschland, die nicht nur von den immer zahlreicher werdenden älteren Menschen verursacht wird (kein demographisches Problem?), sondern auch von den ebenfalls immer mehr werdenden dauerhaft Kinderlosen. In einem Land, wo Eltern und Kinder langsam aber sicher zur gesellschaftlichen Randgruppe verkommen, wird sich zukünftig unweigerlich Ödnis, Langeweile und ein gnadenloses Spießertum ausbreiten.
Volker Blum
Triftenweg 32
32257 Bünde
Diplom-Sozialpädagoge,Vater von vier Kindern und fünf behinderten Pflegekindern.
Im August d.J. erscheint im Verlag Hartmut Becker, Kirchhain, ein von mir verfasstes Buch zu diesem Thema: Kindersegen -von Kindern Pflegekindern und den Vorzügen des Elternseins
Europa ist überbevölkert, und wenn sich das Volk halbiert, wird es der Natur und dem Wasserhaushalt sehr viel besser gehen. Und, die Energievorräte werden dementspechend länger halten.
Quality instead of quantity!
Es ist doch ganz klar, warum wir Angst haben, Kinder in die Welt zu setzen, obwohl wir eigentlich Lust genug dazu hätten: Um ein Kind großzuziehen braucht man mindestens 18 Jahre - Jahre in denen man ihm/ihnen ein sicheres Elternhaus bieten möchte. Wer weiß schon, was mit uns in zehn, achtzehn Jahren sein wird? Wir wissen ja meistens nicht einmal, womit wir im nächsten Jahr unsere Brötchen verdienen werden! Solange wir in Deutschland keine sichere wirtschaftliche Zukunft haben, solange werden wir uns hüten, dem staatlichen Angstgeschrei nach mehr Rentenmasse
für verwöhnte Wohlstandsbürger mit neuen Babys gerecht zu werden... Gebt uns sichere Arbeit, dann kommen die Kinder von allein.
Nein Europa an sich ist nicht überbevölkert, wie Herr Joffe es zutrefflich sagte, Deutschland ist dichtbevölkert. Die Alterspyramide wird schon in einigen Jahren, etwa 20 wieder die Alten los sein, ca meine ich.
das Problem liegt aber bei der Ausbildung der Neugeborenen, mittlerweile 25 Jahre. Also sollte man doch der Technik wegen sich etwa 30 Jahre im voraus Gedanken machen wie wir das Schiff über Wasser halten sollen.
Immigrationsmässig scheint der Trend nicht in die Technik zu gehen aber das wäre bitter nötig sich in dem Sine die Sache anzuschauen. 25 Jahre sind eine verdammt lange Zeit wenn der Nachwuchs abhanden kommt!
Der Artikel beleuchtet sachlich (fast) alle Argumente und mag den Panikmachern als Erleuchtung dienen. Sofern Erleuchtung benötigt wird. Denn häufig sind die Diskussionsbeiträge nur von Eigennutz, Selbstmitleid und der Angst um Besitzstandswahrung geprägt. Tatsache ist, wir sind nicht zu wenige. Wir sind zu viele in diesem Land. Viele Umweltprobleme wären bei 50 Millionen Einwohnern nicht vorhanden.
Über die Verlängerung der Lebensarbeitszeit wird die Finanzierung der Renten allerdings nicht gelingen. Auch bei Herausrechnung aller Simulanten und Trittbrettfahrer des Sozialsystems muß festgestellt werden, daß viele Menschen bis in das höchste Alter leistungsfähig bleiben, leider aber auch viele nicht.
Bedrückend ist und bleibt, daß den vielen schwachen, kranken Senioren mit der Aufzucht von mehr Nachwuchs leider auch nicht geholfen ist. Sind es nicht gerade die Jungen die da rufen "Alte gebt den Löffel ab" und sich benachteiligt wähnen.
Merkwürdig mutet an, daß es gerade nicht die Armen und Benachteiligten sind, die die lauteste Klage führen. Zumeist kommt das Jammern und Greinen aus der Ecke des gutversorgten Mittelstandes. Jenen Menschen also für die gilt: Noch nie in der deutschen Geschichte ging es einer jungen Generation besser als heute. Inzwischen haben wir fast alle Gedenktage überstanden. Deshalb eine kleine Erinnerung: Vor 90 Jahren lagen die Zwanzigjährigen in den Schützengräben des 1. Weltkrieges. Vor 60 Jahren starben die Zwanzigjährigen an der West- und Ostfront und in Afrika. Vor 30 Jahren setzte in den westlichen Bundesländern auf breiter Linie der Wohlstand ein. Für viele Menschen in der BRD waren die 50er und 60er Jahre nicht "golden" sondern durch Armut und Aufbauarbeit geprägt. Vor 17 Jahren wurde die DDR in den Wohlstand aufgenommen. Heute kann sich ein geschichtsbewußter Betrachter nur noch verzweifelt die Haare raufen.
korfstroem
In der Wildnis hinter meinen Augen kann ich
es jetzt schon sehen: die Industrie hat sich
verkrümelt, die Städte sind entvölkert,
Felder liegen brach, alle sind längst weg
oder immerhin auf dem Sprung anderswohin,
der ganze Zivilisationshokuspokus vorbei;
die Wälder kommen zurück, bald trotten
zottige Hochlandrinder und Wisentherden
durch verlassene Innenstädte, Wölfe breiten
sich aus bis ans Ostufer der Elbe, machen auf
Autobahnen Jagd auf Rotwild; es gibt wieder
Luchse, Fasane, Auerhähne und Wildkatzen;
die Luft pulsiert vor Insekten, Vögel machen
Radau, die überall sonst schon ausgerottet
sind; die Flüsse kehren in alte Betten zurück,
werden wieder klar und unberechenbar und
von Fischen durchwimmelt, Lachse und Störe
kehren zurück bis an den Rand von Erzgebirge
und Thüringer Wald; bald ist kaum noch zu
erkennen, dass die Gegend je bewohnt war;
und aus aller Welt spült es dann Fliegenfischer an,
Fototouristen, Jäger, Holzfäller, Wissenschaftler.
Ich kann es sehen, es wird so kommen.
Strom, Gas und Wasser haben sie mir
jedenfalls heute schon abgestellt.
von Edgar Leidel
"Elstern wie rostige Kalaschnikows" (2005)
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