Integration Bei den Deutschmachern

Was muss ein neuer Staatsbürger wissen? Zu Besuch bei den Beamten, die den hessischen Fragebogen erstellt haben

Die deutschen Grundwerte? Man fahre nach Wiesbaden zur Friedrich-Ebert-Allee 12 und betrete den klassischen Nachkriegsbau. Dann rauf in den neunten Stock des Hessischen Ministeriums des Inneren und für Sport, gehe ein Stück den blauen Linoleumflur entlang, vorbei an zwei hölzernen Aktenwagen, biege links ab – und schon kommt der Kleine Sitzungssaal.

Hier trafen einander: eine Hauptschullehrerin, eine Juristin, ein Politologe und ein Historiker. Vier Wochen lang konferierten sie. Und sie erstellten einen, wie sie es nennen, »Kanon«. Er hält in hundert Fragen fest, was ein Mensch wissen und glauben soll, wenn er Deutscher werden will. Um sich kundig zu machen, sprachen die Beamten zuvor mit dem US-Konsulat, sie trugen Schulbücher, Einwanderer-Fibeln und Broschüren zusammen, sie sichteten das Material, verschwanden wieder in ihren Büros, begannen zu ordnen und den, wie sie es nennen, »Rucksack staatsbürgerschaftlichen Wissens« vollzustopfen. Die vier »Fachkräfte« erhielten bei diesem Unternehmen keine Hilfe von Deutschlands großen Denkern und Dichtern. Nur CDU-Innenminister Volker Bouffier schaute persönlich bei den Beamten vorbei. »Die Integration«, sagt sein Sprecher Michael Bußer, »ist ihm wirklich ein Anliegen.«

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Michael Bußer ist Historiker und war in dieser Funktion einer der vier Autoren jener hundert Fragen, an denen sich nicht nur türkische Poliere die Zähne ausbeißen. Auch Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki gab in der FAZ bekannt, er wäre wohl an mancher Frage gescheitert. Nennen Sie drei deutsche Mittelgebirge! Bußer sagt: »Harz, Taunus, Bayerischer Wald!« Und dann erklärt er: »Wer Deutscher werden will, soll sich auch mit deutscher Geografie auskennen.«

Wie kam es zu jenem »Wissens- und Wertekatalog«, den die SPD als »Satire« bezeichnet, Angela Merkel aber als »vorbildlich« lobt, weil man sich die Staatsbürgerschaft ja »nicht im Vorbeigehen abholen« solle. Seinen Ausgang nahm das Werk – das nach den Vorstellungen der hessischen Regierung auch auf Bundesebene gelten soll – im Januar, als das Baden-Württembergische Innenministerium per »Gesprächs-Leitfaden« wissen wollte, was Muslime von homosexuellen Schwiegersöhnen halten. Während die Zeitungen höhnten, nicht einmal der bayerische Papst würde es hierzulande zum Deutschen schaffen, gefiel Hessens CDU-Innenminister Volker Bouffier das Konzept des Tests. Doch keine politisch-korrekten Gesinnungsfragen, sondern das »grundlegende deutsche Wissen« sollte abgefragt werden.

Was aber bedeutet grundlegend – zumal wenn es um Einwanderung geht? Wie wollen ein paar Beamte damit verhindern, dass sich Terrorzellen und Kalifatsprediger in der offenen Gesellschaft einnisten, dass Mädchen in Kreuzberger Hinterzimmern zwangsverheiratet und beschnitten werden? Und wie trennt man so die wenigen Islamisten von all den türkischen Arbeitern, die noch nie etwas von Goethe hörten, dafür seit Jahrzehnten ihre Steuern zahlen?

Leser-Kommentare
    • tupelo
    • 28.03.2006 um 4:10 Uhr

    Ich bin gebuertiger Deutscher und wuerde vielleicht beim Test durchfallen. 17 Jahre Klasse elf Durschnitt 1.7.

    Trotzdem bin ich Deutscher. Wie kann ich Sachen verlangen die ich selbst nicht leiste?

    Was halten Sie eigentlich von "Spickzetteln" und Internetdokumenten um den Test ohne laengere Auseinandersetzung mit "deutscher Kultur" zu bestehen.

    Die Hauptschullehrerin sollte sich doch damit bestens auskennen.

  1. verlangt kein Abitur von Muellmaennern.Aber es ist doch seltsam wenn Leute die hier schon seit 30 oder mehr Jahren wohnen ueberhaupt nicht wissen und offenbar auch nicht wissen wollen von dem Land in dem sie leben.Sie sprechen weder die Sprache noch kuemmert es sie was um sie herum vorgeht..sie leben in ihrer eignen Welt die mit der Realitaet um sie herum in starkem Gegensatz steht.Wenn jemand auswandert in ein fremdes Land dann kann das Land durchaus Bedingungen an die Einwanderung stellen,Leider wurde das bis her nicht gemacht und die Probleme werden immer groesser.Es geht nicht an dass Deutschland nur Analphabeten anzieht die dann auf der Arbeitslosen Liste erscheinen weil sie ohne entsprechende Ausbildung keine Chance haben je einen Job zu ergattern.Man sollte mehr drauf achten dass die Leute,die kommen auch in der Lage sind sich selber zu ernaehren oder Sponsoren haben die fuer die aufkommen wenn sie es selber nicht koennen.

    • khage
    • 24.03.2006 um 0:05 Uhr

    Wie kann man nur glauben, dass die Beantwortung eines solchen Fragebogens irgend eine Erkenntnis bringt. Oh, wie schlicht denken diese Beamten. Hoffentlich ist das wirklich nur ein PR-Gag, sonst fange ich an, an der Intelligenz der hessischen Politik zu zweifeln.
    Klaus Hage

  2. Satire sollte man den hessischen Vorstoss wirklich nicht nennen, dafür ist das Thema viel zu ernst und betrifft die Belange zu vieler ausländischer Mitbürger. Wie verbohrt muß man eigentlich sein, um aus der -sehr begründeten- Prüfung, ob ein Einbürgerungsbewerber aufgrund seiner Sprachkenntnisse und seiner Mentalität irgendwie hierherpasst, eine Runde "Wer wird Millionär?" oder "Die Quizshow" zu machen? Ist das Vorhandensein von Allgemeinbildung so entscheidend zur Beantwortung der Frage, ob jemand integriert ist? Denn: Wie viele Deutsche haben schon von Caspar David Friedrich geschweige denn von seinem Rügenbild gehört? Ich wage zu bestreiten, daß viele Deutsche, insbesondere viele junge Deutsche, in der Lage sind, drei deutsche Philosophen oder die Hauptwerke Schillers und Goethes zu identifizieren. Solange wir es nicht hinkriegen, dieses Grundwissen in unsere qua ius sanguinis deutschgeborenen Kinder hineinzukriegen, sollten wir bei Einbürgerungstests mal lieber die Kirche im Dorf lassen. Warum reichen ausführliche persönliche Gespräche mit qualifizierten Entscheidern, zusätzlich zum polizeilichen Führungszeugnis und einem Sprachtest, nicht aus? Wie viele "Wölfe im Schafspelz" sind denn wegen des angeblich unzureichenden bisherigen Verfahrens Deutsche geworden, die wir jetzt nicht mehr abschieben können?
    Der Trend sollte doch eher weiter zur Einzelfallprüfung und weg von solch untauglichen Schematisierungen gehen.
    Niemand bestreitet, daß der Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit ein eminent wichtiger Schritt für "beide Seiten" ist und daß er nicht wie beim McDrive mitzunehmen sein sollte.
    Diese leicht durchschaubare "Initiative" ist jedoch, bei allen (übrigens unzutreffenden) Verweisen auf angeblich ähnliche Praktiken der USA oder anderer EU-Staaten, mal wieder -Entschuldigung- typisch Deutsch, nämlich provinziell, wichtigtuerisch, regelungswütig, und furchtbar staatstragend.

    • FGAlte
    • 23.03.2006 um 16:02 Uhr

    Die Verfasser des hessischen Fragebogens habe ich mir wie die Stammtischrunde aus Heinrich Manns Roman "Der Untertan" vorgestellt. Nun sehen sie offenbar anders aus, haben es sogar echt gut gemeint, aber "gut gemeint" ist eben das Gegenteil von gut. Wenn ich mir den Fragebogen, z.B. zur Kultur, ansehe, denke ich immer, der stammt doch von Kurt Tucholsky, und zwar als Satire auf den deutschen Kleinbürger. Slang, auch ein Satiriker der Tucholsky-Zeit erzählte vom ersten Weltkrieg, wie eine seiner Figuren "unsern großen deitschen Dichter Kethe (Goethe) midder Pistole in dr Hand" verbreitete. Ja, so wirkt der Fragebogen.
    Dabei bin ich für Prüfungen von Einwanderern, auch strengen, aber nicht mit solchen Klippschulmethoden.

  3. Der Input für die Erstellung des hessischen Einbürgerungstests ist wirklich sehr dürftig.

    Es soll doch die Kompatibilität des Einbürgerungswilligen mit der Einbürgerungsgesellschaft überprüft werden.

    Diese Kompatibilität ist ein hypothetisches Konstrukt, dass anhand plausibler Indikatoren seriös operationalisiert werden muss. Dazu braucht man Statistiker, Mathematiker, Logiker, Sozialforscher, Psychologen und natürlich auch Experten aus den Fachgebieten, wie Historiker und Politologen

    Als Ergebnis sollte dann eine Fragebogen herauskommen der hinreichend genau eine Diskriminierung (im statistischen Sinne) zwischen unbedenklichen und problematischen Antragstellern erlaubt.

    Der vorgelegte Test ist besser als gar nichts, aber dennoch Lichtjahre von dem entfernt, was er leisten sollte.

    Die Kommission, die den Test erstellt hat, hat sich zweifelsfrei nach bestem Wissen und Gewissen bemüht, jedoch hätte auch CDU-Innenminister Volker Bouffier vorn vornherein klar sein müssen, dass sie in dieser Zusammensetzung mit der Aufgabe hoffnungslos überfordert ist.

    Zuwanderung, Integration und Einbürgerung sind Problemstellungen von äußerst großem Gewicht. Auch in Hessen kann ich nicht erkennen, dass diese Themen mit der nötigen Ernsthaftigkeit behandelt werden.

    Bei allem Wohlwollen für das Anliegen Bouffiers, die Umsetzung ist kaum mehr als ein PR-Gag. Dafür aber ist das Thema viel zu wichtig!

  4. Wer Deutscher werden will sollte zumindest von der deutschen Kultur, der Historie, der Sprache sowie dem Rechtsstaat, sprich Bürgerrechte und Bürgerpflichten, soviel wisssen wie von dem Land dessen Staatbürgerschaft man noch besitzt.
    Claas Clever

    • neodoc
    • 26.03.2006 um 20:55 Uhr

    Der Grundgedanke ist durchaus richtig: wenn ich meine durch Geburt erworbene Zugehörigkeit zu einem Staat wechseln will, muß ich dem Staat, dem ich künftig angehörig sein will, meine Motive glaubhaft machen können.
    Es ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit, sich mit diesem Land, dessen Staatsangehörigkeit man beantragt, eingehend zu befassen. Weder die Zahl noch die Art der gestellten Fragen sind unzumutbar oder übertrieben. Die Fragen sind veröffentlicht, man kann sich gezielt darauf vorbereiten, und das ist auch wenigstens zum Teil der Sinn der Aktion.
    Daß es auch einigen hier Geborenen gut täte, sich mit diesen Fragen bzw. den darin befassten Themen zu befassen, steht außer Frage.

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