Integration Bei den DeutschmachernSeite 2/2
Mit Fragen über die deutsche Romantik? Oder doch mit Fotos niederländischer Freizügigkeit? Bild zitierte ein paar CDU-Politiker, die es durchaus »interessant« finden, muslimische Einwanderer nach niederländischem Vorbild nicht nur mit deutschen Werten, sondern auch mit Fotos nackter Frauenbrüste am Nordseestrand zu konfrontieren. Doch davon will Innenminister Bouffier nichts wissen. Er fordert die »Parallelgesellschaft« mit Kreidefelsen heraus, die der romantische Maler Caspar David Friedrich auf Rügen malte. Frage 84: Welches Motiv zeigt dieses Bild? Warum soll ein Einwanderer, der Deutscher werden will, das wissen? Minister Bouffier: »Friedrich verkörpert eine Epoche, die Deutschland geprägt hat. Die Weltabgewandtheit, das Verträumte, das auch mal missbraucht wurde!«
Geschichte, Grundrechte, Demokratie, ein wenig deutsches Pathos – und selbst das Widerstandsrecht fehlt nicht. Die Beamten rangen um die Bedeutung geschichtlicher Epochen, und die Hauptschullehrerin achtete auf allgemeine Verständlichkeit. Frage 9: Was verstehen Sie unter dem Begriff Reformation, und wer hat sie eingeleitet? Innenminister Bouffier sagt: »Es ist doch nicht schädlich, das zu wissen. Da kommen sie dann vielleicht auch auf den 30-jährigen Krieg und den Gezeitenwechsel der Geschichte!« Und die Aufklärung? Wieso fehlt sie? »Zu kompliziert!«, sagt der Minister. Anscheinend einfacher zu beantworten: Das Existenzrecht Israels! Der 20. Juli 1944. Was aber ist mit der Emanzipation – und mit der Trennung von Staat und Kirche? Kommt so explizit nicht vor. Dafür Frage 59: Was bedeutet die Fünf-Prozent-Klausel bei der Wahl zum Deutschen Bundestag? Der Beamte Bußer sagt: »Wenn man sich die Wahlberichterstattung anguckt, dann kommt der Begriff vor, ohne dass er groß erklärt wird.«
»Ja«, sagt Bußer, »wir wussten, dass alle über uns herfallen, wenn der Leitfaden am Markt ist.« So wirklich überzeugt scheint auch er nicht, wenn es um die Fragen zu Kunst und Kultur geht. Stück für Stück, sagt der Beamte, habe man versucht, jenes Wissens- und Wertegerüst zu erarbeiten, das unser Land präge. Erstaunlich schnell sei das gegangen. Nein, man wolle nicht Feuilleton-Wissen abfragen, sondern den »Idealtypus des gemeinsamen Wissens, das man auch in der Hauptschule lernt und miteinander teilt«. Beispiel: Nennen Sie drei deutsche Sportler, drei deutsche Flüsse, drei deutsche Nachbarländer .
Lieber neue deutsche Bildungsbürger, die Goethe kennen, statt nur fleißige Bürger, die sich einfach bloß ans Gesetz halten und türkisches Fernsehen schauen – geht es in Wahrheit um diesen Unterschied? »Intellektuelle Flachheit« charakterisiere jene, die solches behaupten, entgegnet Minister Bouffier. Die Einwanderer hätten ja lange Zeit, sich vorzubereiten. Und nicht alles müsse beantwortet werden. Wieso aber Frage 95: Welcher deutsche Physiker hat mit seiner Entdeckung im Jahre 1895 die medizinische Diagnose bis zum heutigen Tag revolutioniert? Michael Bußer sagt: »Wenn man will, dass Deutschland wieder das Land der Pioniere wird, dann ist es nicht schlecht, an berühmte deutsche Wissenschaftler zu erinnern!« Und die Denker? »Man könnte Kant und Habermas nennen«, sagt Bußer, »vielleicht kommt man dann auch zur Frankfurter Schule.«
Nein, der Fragebogen habe nichts mit dem hessischen Kommunalwahlkampf zu tun, sagt Minister Bouffier. Es gehe darum, die Parallelgesellschaft, das »Nebeneinander aufzubrechen«. In »gewissen Stadtteilen«, sagt der Minister, »sind Kinos, Supermärkte und Rechtsanwaltskanzleien türkisch durchorganisiert. Das ist nicht das, was man will.«
- Datum 23.03.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 23.03.2006 Nr.13
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Ich bin gebuertiger Deutscher und wuerde vielleicht beim Test durchfallen. 17 Jahre Klasse elf Durschnitt 1.7.
Trotzdem bin ich Deutscher. Wie kann ich Sachen verlangen die ich selbst nicht leiste?
Was halten Sie eigentlich von "Spickzetteln" und Internetdokumenten um den Test ohne laengere Auseinandersetzung mit "deutscher Kultur" zu bestehen.
Die Hauptschullehrerin sollte sich doch damit bestens auskennen.
verlangt kein Abitur von Muellmaennern.Aber es ist doch seltsam wenn Leute die hier schon seit 30 oder mehr Jahren wohnen ueberhaupt nicht wissen und offenbar auch nicht wissen wollen von dem Land in dem sie leben.Sie sprechen weder die Sprache noch kuemmert es sie was um sie herum vorgeht..sie leben in ihrer eignen Welt die mit der Realitaet um sie herum in starkem Gegensatz steht.Wenn jemand auswandert in ein fremdes Land dann kann das Land durchaus Bedingungen an die Einwanderung stellen,Leider wurde das bis her nicht gemacht und die Probleme werden immer groesser.Es geht nicht an dass Deutschland nur Analphabeten anzieht die dann auf der Arbeitslosen Liste erscheinen weil sie ohne entsprechende Ausbildung keine Chance haben je einen Job zu ergattern.Man sollte mehr drauf achten dass die Leute,die kommen auch in der Lage sind sich selber zu ernaehren oder Sponsoren haben die fuer die aufkommen wenn sie es selber nicht koennen.
Wie kann man nur glauben, dass die Beantwortung eines solchen Fragebogens irgend eine Erkenntnis bringt. Oh, wie schlicht denken diese Beamten. Hoffentlich ist das wirklich nur ein PR-Gag, sonst fange ich an, an der Intelligenz der hessischen Politik zu zweifeln.
Klaus Hage
Satire sollte man den hessischen Vorstoss wirklich nicht nennen, dafür ist das Thema viel zu ernst und betrifft die Belange zu vieler ausländischer Mitbürger. Wie verbohrt muß man eigentlich sein, um aus der -sehr begründeten- Prüfung, ob ein Einbürgerungsbewerber aufgrund seiner Sprachkenntnisse und seiner Mentalität irgendwie hierherpasst, eine Runde "Wer wird Millionär?" oder "Die Quizshow" zu machen? Ist das Vorhandensein von Allgemeinbildung so entscheidend zur Beantwortung der Frage, ob jemand integriert ist? Denn: Wie viele Deutsche haben schon von Caspar David Friedrich geschweige denn von seinem Rügenbild gehört? Ich wage zu bestreiten, daß viele Deutsche, insbesondere viele junge Deutsche, in der Lage sind, drei deutsche Philosophen oder die Hauptwerke Schillers und Goethes zu identifizieren. Solange wir es nicht hinkriegen, dieses Grundwissen in unsere qua ius sanguinis deutschgeborenen Kinder hineinzukriegen, sollten wir bei Einbürgerungstests mal lieber die Kirche im Dorf lassen. Warum reichen ausführliche persönliche Gespräche mit qualifizierten Entscheidern, zusätzlich zum polizeilichen Führungszeugnis und einem Sprachtest, nicht aus? Wie viele "Wölfe im Schafspelz" sind denn wegen des angeblich unzureichenden bisherigen Verfahrens Deutsche geworden, die wir jetzt nicht mehr abschieben können?
Der Trend sollte doch eher weiter zur Einzelfallprüfung und weg von solch untauglichen Schematisierungen gehen.
Niemand bestreitet, daß der Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit ein eminent wichtiger Schritt für "beide Seiten" ist und daß er nicht wie beim McDrive mitzunehmen sein sollte.
Diese leicht durchschaubare "Initiative" ist jedoch, bei allen (übrigens unzutreffenden) Verweisen auf angeblich ähnliche Praktiken der USA oder anderer EU-Staaten, mal wieder -Entschuldigung- typisch Deutsch, nämlich provinziell, wichtigtuerisch, regelungswütig, und furchtbar staatstragend.
Die Verfasser des hessischen Fragebogens habe ich mir wie die Stammtischrunde aus Heinrich Manns Roman "Der Untertan" vorgestellt. Nun sehen sie offenbar anders aus, haben es sogar echt gut gemeint, aber "gut gemeint" ist eben das Gegenteil von gut. Wenn ich mir den Fragebogen, z.B. zur Kultur, ansehe, denke ich immer, der stammt doch von Kurt Tucholsky, und zwar als Satire auf den deutschen Kleinbürger. Slang, auch ein Satiriker der Tucholsky-Zeit erzählte vom ersten Weltkrieg, wie eine seiner Figuren "unsern großen deitschen Dichter Kethe (Goethe) midder Pistole in dr Hand" verbreitete. Ja, so wirkt der Fragebogen.
Dabei bin ich für Prüfungen von Einwanderern, auch strengen, aber nicht mit solchen Klippschulmethoden.
Der Input für die Erstellung des hessischen Einbürgerungstests ist wirklich sehr dürftig.
Es soll doch die Kompatibilität des Einbürgerungswilligen mit der Einbürgerungsgesellschaft überprüft werden.
Diese Kompatibilität ist ein hypothetisches Konstrukt, dass anhand plausibler Indikatoren seriös operationalisiert werden muss. Dazu braucht man Statistiker, Mathematiker, Logiker, Sozialforscher, Psychologen und natürlich auch Experten aus den Fachgebieten, wie Historiker und Politologen
Als Ergebnis sollte dann eine Fragebogen herauskommen der hinreichend genau eine Diskriminierung (im statistischen Sinne) zwischen unbedenklichen und problematischen Antragstellern erlaubt.
Der vorgelegte Test ist besser als gar nichts, aber dennoch Lichtjahre von dem entfernt, was er leisten sollte.
Die Kommission, die den Test erstellt hat, hat sich zweifelsfrei nach bestem Wissen und Gewissen bemüht, jedoch hätte auch CDU-Innenminister Volker Bouffier vorn vornherein klar sein müssen, dass sie in dieser Zusammensetzung mit der Aufgabe hoffnungslos überfordert ist.
Zuwanderung, Integration und Einbürgerung sind Problemstellungen von äußerst großem Gewicht. Auch in Hessen kann ich nicht erkennen, dass diese Themen mit der nötigen Ernsthaftigkeit behandelt werden.
Bei allem Wohlwollen für das Anliegen Bouffiers, die Umsetzung ist kaum mehr als ein PR-Gag. Dafür aber ist das Thema viel zu wichtig!
Wer Deutscher werden will sollte zumindest von der deutschen Kultur, der Historie, der Sprache sowie dem Rechtsstaat, sprich Bürgerrechte und Bürgerpflichten, soviel wisssen wie von dem Land dessen Staatbürgerschaft man noch besitzt.
Claas Clever
Der Grundgedanke ist durchaus richtig: wenn ich meine durch Geburt erworbene Zugehörigkeit zu einem Staat wechseln will, muß ich dem Staat, dem ich künftig angehörig sein will, meine Motive glaubhaft machen können.
Es ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit, sich mit diesem Land, dessen Staatsangehörigkeit man beantragt, eingehend zu befassen. Weder die Zahl noch die Art der gestellten Fragen sind unzumutbar oder übertrieben. Die Fragen sind veröffentlicht, man kann sich gezielt darauf vorbereiten, und das ist auch wenigstens zum Teil der Sinn der Aktion.
Daß es auch einigen hier Geborenen gut täte, sich mit diesen Fragen bzw. den darin befassten Themen zu befassen, steht außer Frage.
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