frankreich Explosion möglichSeite 4/4

ZEIT: Und wie steht es mit den Idealen Europas? Was kann der Respekt vor Subjekt, Kultur und universellen Rechten auf EU-Ebene hervorbringen? Lässt sich damit eine affektive Bindung oder gar eine europäische Identität schaffen?

Touraine: Europa ist bislang wie ein städtebaulicher Entwurf ohne Stadt, wie eine Speisekarte ohne Mahlzeiten. Solange sich diese unvollkommene Union in Finanztransfers erschöpft, geht von ihr keine mobilisierende Kraft aus. Erst wenn es um politische und kulturelle Entscheidungen geht, beginnt die Identifikation. Das zeigt, wenngleich bislang vor allem negativ, der Streit um die Aufnahme der Türkei – die ich übrigens sehr befürworte, weil Europa damit erstmals eine politische Perspektive auf die islamische Welt formulieren kann, die nicht konfrontativ ist wie die der USA. Die EU leidet darunter, dass sie keiner richtig ernst nimmt. In der Perspektive der EU als Global Player dagegen werden auch die heutigen Türkei-Aversionen verschwinden. Wir werden erleben, dass sich die Interessen mindestens ebenso auf der soziokulturellen wie auf der ökonomischen Ebene entwickeln. Das zentrale Schlachtfeld vor zwanzig Jahren war die Ökologie. Heute werden die entscheidenden Auseinandersetzungen um die kulturelle Diversität geführt.

ZEIT: Ein Plädoyer für soziokulturelle Vielfalt in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit – ist das nicht etwas akademisch?

Touraine: Einen akademischen Diskurs sehe ich eher in der Politik mit ihrem Beharren auf den Segnungen der Arbeitsmarktpolitik. Wo in der Welt hat eine Regierung wirklich Erfolg im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit? Selbst Großbritannien verzeichnet bloß statistisch ein Beschäftigungswunder, weil viele Deklassierte gar nicht mitgezählt werden. Wir müssen eine neue öffentliche Domäne definieren, die jenseits der herkömmlichen staatlichen Führung liegt und deren Bewährungsprobe eher in unseren Familien, Schulen oder im Gesundheitsbereich beginnt. In diesem Sinne ist das Subjekt, von dem ich spreche, auch ein Appell: Nachdem wir uns jahrhundertelang in Projektionen gesucht haben, die außerhalb unserer eigenen Erfahrung liegen – Gott, Nation, Fortschritt oder klassenlose Gesellschaft –, wird es notwendig sein, einen Begriff von sich selbst als Akteur zu entwickeln, der ohne solche metasozialen Vermittlungen auskommt.

Das Gespräch führte Michael Mönninger

 
Leser-Kommentare
  1. Mich wundert bei den Betrachtungen Touraines und der Forderung nach "nicht-sozialer" Analyse, dass übersehen wird, dass längst eine soziologische Theorie existiert, die diese Forderungen erfüllt, nämlich die Systemtheorie Niklas Luhmanns. Interessiert hätte es mich, wenn man bei Touraine an passender Stelle einen solchen Einwand gebracht hätte.

    Luhmann hat sich auch theoretisch mit sozialen Bewegungen (Protestbewegungen) auseinander gesetzt. Bei einer Analyse jenseits idealistischer Paradigemen wie "Gott, Nation, Fortschritt oder klassenlose Gesellschaft" könnte sein Theoriemodell zugrunde gelegt werden.
    Zum Beispiel könnten die Codes untersucht werden, nach denen sich die französische Protestbewegung "autopoietisch schließt" und eine erfolgreiche Kommunikation mit anderen Systemen erschwert - und umgekehrt.
    Welche strukturellen Kopplungen bestehen zwischen ihnen und den Gewerkschaften, dass diese eigentlich paradoxe Verbindung dennoch funktioniert.
    Und: Welche Missverständnisse über das Funktionieren von sozialen Systemen, deren Organisationen und auch der Massenmedien befeuern die Diskussion derart, dass dann eben doch immer wieder auf Ideale wie Gleichheit abgestellt wird oder der Vorwurf der Benachteiligung alles andere übertönt.

    Es sei zugegeben, dass die Beiträge postluhmannscher Soziologen zu aktuellen Entwicklungen oft die Schwäche der Indifferenz oder des sich Verlierens im theoretischen Nebel zeigen.
    Dennoch besitzt die Theorie mehr Potenzial als von vielleicht einfach weniger begabten Systemtheoretikern ausgeschöpft wird.

    • WIHE
    • 22.03.2006 um 14:11 Uhr

    In der Perspektive der EU als Global Player dagegen werden auch die heutigen Türkei-Aversionen verschwinden. Wir werden erleben, dass sich die Interessen mindestens ebenso auf der soziokulturellen wie auf der ökonomischen Ebene entwickeln.>

    Wer wie ich am letzten Samstag Nacht schon mal bis halb drei in der Früh mit seinem minderjährigen Sohn auf der Polizeiwache an der Knollestraße in Hamburg gesessen hat, der direkt vor der Haustür eines Freundes von drei jungen "Südländern" ausgeraubt wurde, wobei ihm ein Messer an Hals gesetzt wurde und vom Anführer gesagt wurde, "Nun stech ihn endlich ab", wird der Aufnahme der Türkei und einer vermehrten Einwanderung aus der Türkei sicher sehr reserviert gegenüberstehen und beim obligaten Spruch "was schaust Du" nur bedingt zu einem Lacher fähig sein.

    Was wir uns da bisher aufgeladen haben, spottet jeder Beschreibung.

    Gruß WIHE

  2. "Nachdem wir uns jahrhundertelang in Projektionen gesucht haben, die außerhalb unserer eigenen Erfahrung liegen – Gott, Nation, Fortschritt oder klassenlose Gesellschaft –, wird es notwendig sein, einen Begriff von sich selbst als Akteur zu entwickeln, der ohne solche metasozialen Vermittlungen auskommt."(letzter Satz)

    Beachtenswerter Satz – nur: Wie kann man darauf Einfluss nehmen – woher kommen die ‚Konzepte’ zu einem solchen Begriff. Wer eröffnet die Debatte dafür? Zurzeit werden überwiegend (wenn auch durchaus gewichtige) Details verhandelt – die etwas damit zutun haben wie gesellschaftliche Ressourcen verteilt werden bzw. wer welchen Zugang/Chancen/Berechtigung erhält. Es gibt kaum eine wirklich wahrgenommene und weitreichende Diskussionen über das Projekt Mensch’ im 21. Jahrhundert unter den aktuellen Bedingungen. Wäre wünschenswert.

    • uff
    • 22.03.2006 um 13:12 Uhr

    Gerade auf dem Hintergrund seiner Analyse und dem Ruf nach einem souveränen Subjekt(?) sollte Touraine die Krawalle ernstnehmen. Ich würde mich ja nicht einmischen, wenn er nicht ganz gut analysiert hätte. Nur wieso traut er den Jugendlichen kein neues gesellschaftliches Projekt zu - Ökonomie miteinbegriffen ?
    Ich sage mal, es gibt unter Theoretikern zuwenige, die einen auch soziologisch-philosophischen Blick für die Ökonomie haben.
    Überspitzt gesagt, wenn mir Verhältnisse nicht passen, sträube ich mich, mische mich ein und zur Not " mache ich mir mein eigenes Geld".
    Wir sind immer Akteure, egal wie sehr wir auch Opfer sind.
    Foucault hat m.E. doch am gesellschaftlichen Subjekt festgehalten, obwohl er über die Sorge um sich selbst schrieb.
    Die katholische Kirche macht das auch so.
    Ich fange beim gesellschaftlichen Subjekt an, weil ich eines bin und zwar nicht nur, weil das so einen Spass macht.

  3. Ein toller soziologischer Heißluftballon.

    Was soll denn ein Jugendlicher, der nach 5-6 Jahren Studium jahrelang einen festen Arbeitsplatz sucht und nur mit Interim abgespeist wird, mit diesem pseudo-kulturellem Quatsch anfangen ?

    Wie soll er es bewerkstelligen, eine Familie zu gründen, wenn seine Zukünftige als flexible Akteurin hunderte Kilometer entfernt leben muss?

    Wo sollen weiterhin all diese diffusen Rechte einklagbar sein, wenn nicht bei einem Staatswesen ?

    Wird die Ungleichheit in Bildung und Ausbildung ( die ja auch in Frankreich viel mit sozialer Herkunft zu tun hat) nunmehr festgeschrieben ? Die jungen Einwanderer brauchen Bildung, um überhaupt eine Chance auf dem Arbeitsmarkt zu bekommen, und nicht irgendso ein Recht aufs Ausleben ihrer kulturellen Eigenheiten ( die teilweise - religiöse Praktiken, Polygamie...) gar nicht mit mit den Gesetzen Frankreichs vereinbar sind !

    Wird im Sinne der kulturellen Entfaltung Abschied genommen von der "Laïcité" und anderen Grundfesten der "république" ?
    Reichen nicht jetzt schon die Kleinkriege zwischen den verschiedenen Volks- und Religionsgruppen (Araber gegen Juden u.ä.)?

    Bringt es eine bessere Zukunftsaussicht, wenn man seine baskische oder bretonische Kultur als Akteur voll ausleben kann ?

    Seit wann ist übrigens Ökologie obsolet ?

    Zeigen uns diese Jugendlichen, die da demonstrieren, nicht eher auf, dass die ganze Globalisierung irgendwie ein Holzweg ist, auf Dauer nicht gut gehen kann und außerdem den von unseren Vorfahren hart erkämpften Sozialen Fortschritt wieder auf Entwicklungslandstandart drückt ( die Tagelöhner sind nicht mehr weit). Dass wir da irgendwas - wie der Zauberlehrling - in Gang gesetzt haben, was immer mehr unserer Kontrolle entgleitet...

    Eine Zukunftsvision kann ich hier jedenfalls nicht entdecken. Man kann nicht alles im Leben planbar machen, aber etwas aufbauen kann man nur mit einem - wenigstens Ansatz - von Planbarkeit und nicht als Spielball der Gezeiten einer Wirtschaft, die den Menschen versklavt anstatt ihm dienlich zu sein. Wundert es einen da noch, dass viele der französischen Laufbahnen beim Staat oder in Staatsbetrieben anstreben ?

    Herrn Tourraine betrifft diese Zukunft ja auch gar nicht mehr, ich nehme sogar mal an, er war, wie die meisten Hochschullehrer, Zeit seines Lebens höherer Staatsbeamter.

  4. Die Bemerkung hat ja nun wenig mit dem Artikel zu tun (oder erhofft sich hier jemand einen Wirtschaftsaufschwung in Deutschland durch den Beitritt der Türkei in die EU ?).

    Zwei Anmerkungen dazu :

    Offenbar darf in Deutschland immer noch nicht offen über Ausländerkriminalität und Bandenterror in gewissen Stadtvierteln gesprochen werden, verlangt eine gewisse Blauäugigkeit immer noch political correctness - oder ist es schon die Angst, eins auf den Deckel zu kriegen ? Diese Dinge müssen unbedingt sachlich besprochen werden, ehe alles ins Emotionale kippt und nur die Rechtsextremen bedient.

    Um zu Frankreich zurückzukommen : Ein wesentlicher Grund, dass die Franzosen die EU-Verfassung abgelehnt haben war - neben allen sozialrechtlichen Fragen -der sich abzeichnende Beitritt der Türkei.

    Und ein wesentlicher Grund, dass sich in Frankreich jemand wie Herr Sarkozy mit populistischen Sprüchen derart profilieren kann, ist u.a. die Tatsache, dass er gerade diese mit den "Communautés" verbundenen Problemen, unter denen viele Bürger leiden und die auch mit der teuersten Jugendarbeit nicht einfach aus der Welt geschafft werden können, so offen anspricht und ausspricht. Und das was Herr Touraine da als Zukunftsversion anbietet, wäre nicht nur für Frankreich der Super-GAU.

    Bezeichnend ist, dass viele Franzosen, auch aus dem studierten Milieu, die ich kenne, überlegen, ihren Kindern wieder verstärkt katholischen Religionsunterricht zukommen zu lassen und ihre Kinder verstärkt auf die von der Kirche geleitetetn Privatschulen schicken. Motto : Die nachfolgende Generation muss dem Islam, der selbst von den Aufgeklärtesten langsam als Bedrohung empfunden wird, wieder etwas entgegenzusetzen haben und sich auch auf ihre Wurzeln berufen können. Ich selbst glaube auch kaum, dass die von Alain Touraine geschilderten Zukunftsvisionen so friedlich möglich sind - um die bestehenden und drohenden Probleme, die die Jugendlichen uns aufzeigen wollen, und überhaupt all, das, was auf diesen blauen Planeten zukommt, anzupacken und eventuell irgendwie zu lösen, braucht man Konsens und nicht die Rückkehr in Tribalismus.

    • dojon
    • 28.03.2006 um 13:24 Uhr

    Nachdem es in "der Zeit" offensichtlich zum Redaktionsstatut gehört, pro Ausgabe mindestens einen frankreichkritischen Beitrag zu bringen, möchte ich die Redaktion in ihren diesbezüglichen Bemühungen unterstützen.
    Eine bestimmte Sorte der französischen Intellektuellenszene ist offensichtlich Meister im Absondern von wolkigem Geschwätz. Herr Touraine gehört offensichtlich dazu. Warum sagt er nicht einfach:" Wollt ihr eine Gesellschaft, in der ein Arbeiter ohne Berufsschutz pro Monat weniger verdient, als eine Einzimmerwohnung pro Monat Miete kostet. Jaaaa."

  5. Egalité! Diese verführerische Losung, mit der seit über zweihundert Jahren die Völker der Welt konfrontiert, verführt und manchmal auch vereinigt wurden, soll nun also in Frankreich nicht mehr gelten.

    Dass in ausdifferenzierten Gesellschaften die Differenz einen hohen Stellenwert haben muss, ist sicher unstrittig. Insbesondere angesichts der Prognose, dass bis 2020 weltweit nur noch zwölf Prozent der jeweiligen arbeitenden Bevölkerungen in Fabriken gebraucht werden. Also getrost höhere Aufgaben angestrebt werden sollten. Dennoch scheint gerade jetzt die Kultur des Fortschritts auch die gutausgebildeten nachwachsenden Generationen schon fast auf das Abstellgleis zu befördern, und zwar möglichst bevor diese mit neuen Ideen den schnurrenden Motor des Kapitalismus zum stottern bringen könnten.

    Damit gerät die Biopolitik des ungebrauchten Lebens als Verschiebungsmasse der neoliberalen Offensiven immer mehr in den Blick. Diesen Wahnsinn zu begreiflich zu machen, dafür ist der belächelten Protestbewegung weit im Westen von Kontinentaleuropa schon jetzt zu danken.

    Wenn in Frankreich also angesichts der infamen Verschwiegenheit über die Hintergründe der Reformen jetzt eine explosive Lage entstehen sollte, dann hilft auch die Besserwisserei vieler Kommentatoren vom Fach nicht mehr.

    Gut möglich allerdings, dass Europa dann auch als neuer Mittelpunkt aller Kulturen schneller zueinander findet und sich endgültig von der weltweiten neoliberalen Menschenverdummung befreit. Der Ernst der Lage würde sicher auch den Rest der Welt interessieren und damit ganz Europa neue Geltung verschaffen.

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