Belletristik Das große Vielleicht

Alice Munro erzählt in »Tricks« von Frauen, Liebe, Lüge und Verrat – und lauscht dabei dem Leben seine Geschichten ab

Als ich zum ersten Mal ein Foto von Alice Munro sah, empfand ich eine Art Schock. Natürlich interessiert man sich für die Gesichter der Schriftsteller, die man bewundert und verehrt, aber im Falle Alice Munros kam mir aus unerfindlichen Gründen lange kein Bild unter. Ich war dieser Autorin bereits völlig verfallen, aber in den vielen Taschenbüchern, die ich gekauft oder geliehen hatte, war nie ein Foto von ihr. Und dann das. Erwartet hatte ich von ihrem Gesicht etwas Geheimnisvolles, etwas Verruchtes, etwas Intellektuelles, vielleicht sogar etwas Verlebtes oder Kaputtes, eine komplizierte, möglicherweise wenig sympathische Frau, jedenfalls eine, die zu ihren Geschichten passt, die oft abgründig und dunkel sind und die eine Weisheit über die Menschen erkennen lassen, so groß, dass sie die Grausamkeit immer knapp vermeidet.

Doch Alice Munro sieht aus wie eine sonnige Oma, die zwar ihren Chic bewahrt hat, der man aber trotzdem jederzeit selbst gebackenen Apfelkuchen abnehmen würde. Erst auf den zweiten Blick gleicht sie einer verschmitzten Miss Marple, und das kommt wahrscheinlich ihrer Strategie am nächsten. Denn Alice Munro ist zwar längst weltberühmt, aber gleichzeitig noch immer eine große Unterschätzte.

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Für die bedeutungsschwangeren Mythen, die sich gern um Schriftstellerkarrieren ranken, gibt ihr Leben rein gar nichts her. Keinen gleißenden Frühstart als junges Mädchen, keinen späten Durchbruch kurz vor der Altersresignation. Ein geradliniges, fleißiges Leben, oder auch: ein typisches Frauenleben, was man schon gar nicht mit der wahrscheinlich besten lebenden Schriftstellerin der Welt in Verbindung bringen würde. So entstand Geschichte um Geschichte, viele wurden abgelehnt, viele wurden in Zeitschriften abgedruckt, nach Jahren erschienen die ersten Kurzgeschichtenbände, die Kinder wurden groß, die ersten Enkel wurden geboren, und eines Tages war Alice Munro neben Margaret Atwood die berühmteste Autorin Kanadas. Was für eine unglaubliche Zähigkeit!

Dabei war Alice Munro keine Frühvollendete. Retrospektiv lässt sich an ihrem Werk gut ablesen, dass sie durch harte Arbeit immer besser wurde, ein Talent, das erst reifen und sich stählen musste.

Mit dem Rentenalter jedenfalls hat die inzwischen 75-jährige Munro eine Klasse erreicht, die ihren Namen regelmäßig in Spekulationsnähe für den Nobelpreis bringt. Und jedes neue Buch scheint noch besser zu sein als das vorige, falls sich zwischen Der Traum meiner Mutter, Die Liebe einer Frau, Himmel und Hölle und nun eben Tricks (auf Englisch 2004 als Runaway erschienen) überhaupt noch handwerkliche Unterschiede feststellen lassen, die über persönliche Geschmacksvorlieben hinausgehen.

Was ihre Erzählungen so besonders macht, ist gar nicht leicht zu beschreiben. Munro pflegt die Kunst des Understatements, sie ist keine, die mit funkelnden Formulierungen oder rhythmisch hämmernden Sätzen prahlt. Ihre Sprache ist kühl, gut gezügelt und leicht lesbar, sie will scheinbar nichts anderes als einfache Geschichten über normale Menschen erzählen. Ihre Kunst entfaltet sich erst über die oft merkwürdige Dramaturgie, die sehr schrägen Ausschnitte, die sie wählt, und die unverhofften Wendungen, die ihre Geschichten fast immer nehmen. Lange Zeit wurde sie, eine groteske Fehleinschätzung, entweder als reine Frauen- oder als kanadische Regionalschriftstellerin in eine viel zu enge Schublade gesteckt. Das kommt wohl daher, dass ihre Geschichten immer in Kanada spielen, sehr oft in Ontario, nördlich des Lake Huron, einem kargen Landstrich voller Härten und Naturgewalten, und gelegentlich in einer fernen, primitiv anmutenden Vergangenheit, der Welt ihrer ärmlichen Kindheit. Und dass die Hauptpersonen eben meistens Frauen sind. Doch innerhalb dieser Settings, die sie klug wählt, weil sie sie am besten kennt, ist reichlich Platz für jedes menschliche Drama, für Täuschung und Betrug, Liebe, Lüge und subtile Machtausübung.

Es sind die besonderen Momente, die Alice Munro umkreist, jene Momente, die den Leser zum Nachdenken anregen, ob diese Figur sich auch anders hätte verhalten, ob da die Weichen eines ganzen Lebens anders hätten gestellt werden können. In Munros früheren Büchern waren es öfter Ehen, die auf der Kippe standen, Frauen, die plötzlich ausbrachen, dabei alles, und wenn es nicht anders ging, selbst die Kinder, hinter sich zurücklassend. In ihren jüngeren Büchern sind diese grell beleuchteten Entscheidungsmomente mehrdeutiger geworden, und fast scheint die Autorin anzudeuten, dass es solche Augenblicke im Leben öfter, vielleicht jeden Tag gibt, und immer wieder werden wir uns so entscheiden, wie wir uns, je nach Charakter, eben entscheiden müssen.

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