Die Sonne ist da, die Mennonitenkirche mit ihrem roten Spitzdach, die breite Straße. Das Mädchen in der Tankstelle hat je einen Delfin auf die Schultern tätowiert. Jesus – King of the Kings steht auf einem Plakat. Am Straßenrand liegen tote Waschbären und sehen aus, als schliefen sie. Hier, sechs Autostunden westlich von Toronto, spielen die Geschichten von Alice Munro; hier ist die 75-Jährige geboren und aufgewachsen; hier lebt sie heute wieder, in Clinton. Im schönsten Restaurant des Ortes, dem Baileys, sitzt sie an einem runden Tisch in der Nähe der Bar, die Hände übereinander gelegt, die weißen Haare fein wie Gaze.

DIE ZEIT: Alice Munro, es ist uns eine große Ehre…

Alice Munro: Lassen Sie uns zunächst etwas zu essen aussuchen, bevor wir reden. Ich empfehle Ihnen den Kartoffelkuchen mit Lachs, der ist hier hervorragend.

ZEIT: Sie sind oft in diesem Lokal?

Munro: Jede Woche. Und immer an diesem Tisch. Ich treffe mich hier regelmäßig mit meiner Schriftstellerkollegin Margaret Atwood, wir kennen uns schon sehr lange, sie ist eine gute Freundin. Ich denke, ich werde heute einmal den Salat mit Thai-Krevetten nehmen. Normalerweise nehme ich immer den mit Ziegenkäse. Wein für alle?

ZEIT: Sie sind derzeit neben Raymond Carver das meistgenannte Vorbild junger deutschsprachiger Autorinnen. Ruth Schweikert und Judith Hermann haben sogar eine Lesetour gemacht, bei der sie Kurzgeschichten von Ihnen vortrugen.

Munro: Es freut mich sehr, das zu hören. Gerade weil es schwierig ist, mit Kurzgeschichten ernst genommen zu werden. Die Literaturkritik betrachtet Kurzgeschichten noch immer als eine Art Übungsform für den Roman, als mindere Disziplin jedenfalls, und ich habe das selber lange geglaubt. Was habe ich mich gequält bei Versuchen, einen Roman zu schreiben! Bis ich irgendwann realisiert habe, dass die Kurzgeschichte die mir gemäße Form des Schreibens ist.

ZEIT: Woher rührt Ihre Liebe zur kurzen Form?

Munro: Als ich zu schreiben begann, in den Fünfzigern, war ich wie alle Frauen damals eine Hausfrau, ich hatte kleine Kinder, mein Mann arbeitete außer Haus. Ich hatte schlicht zu wenig Zeit für das Schreiben, keine Zeit für große Würfe. Zur Kurzgeschichte fand ich also aus sehr praktischen Gründen. Und ich glaube, es ging den meisten schreibenden Frauen meiner Generation so: Sie mussten sich ihre Zeit fürs Schreiben zusammenstehlen.

ZEIT: Wie muss man sich diesen Alltag vorstellen?

Munro: Nun, als die Kinder klein waren, mussten sie immer einen Mittagsschlaf halten, und zwar alle zur gleichen Zeit, ob sie wollten oder nicht – denn das gab mir eine oder zwei ungestörte Stunden für mein Schreiben. Als sie dann zur Schule gingen, wurde es etwas besser, da hatte ich pro Tag etwa drei Stunden für mich. War ich einmal richtig drin in einer Geschichte, ging im Haushalt alles drunter und drüber. Ich schälte die Kartoffeln, dachte mir dabei die nächsten paar Sätze aus, setzte die Kartoffeln auf, und während diese kochten, rannte ich ins Wohnzimmer und schrieb wieder ein paar Zeilen. Dann schnell wieder in die Küche – mehr als einmal waren die Kartoffeln dann verkocht. Ich hatte damals kein eigenes Arbeitszimmer – und bis heute habe ich keines. Ich schreibe an einem kleinen Sekretär in einer Ecke des Wohnzimmers.

ZEIT: Warum tun Sie das?