Tristesse der Macht. Ulrich Mühe als Stasi-Hauptmann Der Augenblick, in dem die Vergeblichkeit des "sozialistischen Experiments" zutage tritt, ist von großer Absurdität. Da steht ein Stasi-Hauptmann in einem zugigen Ost-Berliner Hauseingang – umdüstert vom Misstrauen gegen alles und jeden, hineingeduckt in die staubigen Prenzlauer-Berg-Fassaden – und späht zu einem Fenster auf der sonnigeren Seite der DDR. Dort wohnt ein erfolgreicher Staatsdichter mit einer schönen Staatsschauspielerin. Ausgerechnet ihre Liebe hat Hauptmann Wieslers Verdacht geweckt. Unbeschwertheit passt nicht in die graue Übergangsgesellschaft 1984, und Treue zur Partei würde Wiesler in seiner zugeknöpften Zivilistenkluft höchstens sich selber attestieren. Denn im Grunde glaubt er nicht an gute Sozialisten. Er ist ein Defätist, der sich für den einzig wahren Idealisten hält. Ein Kämpfer an der unsichtbaren Front, die er und seinesgleichen errichtet haben. Argwöhnisch beobachtet er, wie das Paar sich am Fenster küsst, schreibt den verdächtigen Vorfall auf und vergisst auch nicht, die Uhrzeit zu notieren.

 

Ulrich Mühe spielt die Hauptrolle im bisher besten Nachwende-Film über die DDR: Das Leben der Anderen ist politischer als Sonnenallee, philosophischer als Good Bye, Lenin!, sarkastischer als Berlin is in Germany – eine Kinonovelle, die deprimierende Einsichten in die Herrschaftsmechanismen der Diktatur gewährt. Regisseur und Drehbuchautor Florian Henckel von Donnersmarck erzählt darin die Bekehrung eines überzeugten Stasi-Spitzels durch den Kontakt mit jenen Künstlern, die er überwachen soll. Es ist die tragikomische Komplementärgeschichte zum gängigen IM-Skandal vom Künstler, der sich durch die Staatsmacht hat korrumpieren lassen. Als Wiesler merkt, dass die Mächtigen die eigentlichen Verräter an der "sozialistischen Sache" sind, fängt er an, seine harmlosen Überwachungsobjekte, die sich unterm Druck des Systems in Dissidenten verwandeln, zu beschützen. Wieslers Läuterung ist jedoch nicht versöhnlich gemeint. Im Gegenteil. Das Leben der Anderen schildert mit peinigender Detailgenauigkeit den destruktiven Charakter des Staatssozialismus und zeigt, warum die DDR von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Weil man eine bessere Welt nicht erzwingen kann. Weil das Gute, wo es dekretiert wird, sich in sein Gegenteil verkehrt. Und weil die Diktatur ihre Feinde selbst erzeugt. Wie Heiner Müller in Wolokolamsker Chaussee formulierte: "Der Staat ist eine Mühle die muss mahlen / Der Staat braucht Feinde wie die Mühle Korn braucht / Der Staat der keinen Feind hat ist kein Staat mehr / Ein Königreich für einen Staatsfeind."

Anfangs speist Hauptmann Wiesler unermüdlich Korn in diese Mühle. Er mäht die Feinde mit dem Schwert der psychologischen Kriegsführung und drischt sie nach den Regeln der marxistisch-leninistischen Dialektik. Wenn ein Untersuchungshäftling seine Unschuld beteuert, wertet Wiesler das als Schuldbeweis, weil schon die Behauptung, dass die DDR unschuldige Bürger verhöre, ein Vergehen sei. Wiesler ist der oberste Zyniker der Stasi, denn er wird getrieben von ehrlichem Hass. Er ist auf eine schlimme Weise besser als seine korrupten Vorgesetzten: der karrieregeile Oberstleutnant oder der absolutistisch herrschende Minister. Nachdem Wiesler einmal beschlossen hat, den Dichter Georg Dreyman des Verrats zu überführen, wühlt er sich bedenkenlos in dessen Alltag. Mit unbewegter Miene macht er sich an die Zerstörung einer Existenz: verwanzt die Wohnung, beschattet die Geliebte, richtet auf dem Dachboden eine Abhörzentrale ein. Doch dort oben, in der muffigen Düsternis der Konspiration, umgeben von Lämpchen und Telefondrähten, kommt ihm allmählich die Lauterkeit seiner Feinde zu Bewusstsein und auch das Perverse seiner Spitzelei.

Ulrich Mühe spielt den Tschekisten mit Humor und einem großen Ernst, der auch den Charme des Drehbuchs ausmacht. Es enthält kuriose Episoden und ist doch in allen Punkten penibel recherchiert. Es steckt voller Pointen und besticht zugleich durch unerbittliche Nüchternheit in der Analyse. Das Leben der Anderen beruht auf dem ersten abendfüllenden Skript des jungen Florian Henckel von Donnersmarck, geboren 1973 in Köln, der hier auch sein großes Regiedebüt gibt. Donnersmarck hat den Mut, mit unseren Klischees von der Gesinnungsdiktatur zu spielen. So inszeniert er eine spätsozialistische Schwermutshöhle wie aus dem Bilderbuch: graubraune Amtsstuben, blaugraue Verhörräume, Künstlerwohnungen mit knarzenden Dielen und durchgesessenen Sofas. Hier gibt es Bonzen, die auf Premierenfeiern Stalin zitieren und dazu Buletten fressen. Hier gibt es Theaterleute mit Berufsverbot, die sich in Brechts Gedichte vergraben. Renitente Journalisten mit Lederjacke. Starschauspielerinnen mit Russenschapka. Nur Wiesler passt nicht ganz hierher. Oft wirkt er wie ein melancholischer Mister Spock, der sich ins DDR-Milieu der Achtziger verirrt hat und dort eine rätselhafte Mission erfüllt.

Donnersmarck will keinen Realismus, sondern einen metaphorischen Hyperrealismus. Er inszeniert kein Rätselspiel für Dabeigewesene, sondern eine Parabel über die Unmöglichkeit, sich vor den politischen Verhältnissen in einer Nische der Wohlanständigkeit zu verschanzen. Ulrich Mühe spielt lakonisch, wie ausgerechnet Wiesler sich in diese Nische zu verkriechen sucht. Es ist der Tag, als Dreyman, erschüttert vom Selbstmord seines besten Freundes, am Klavier sitzt, um die Sonate vom guten Menschen zu spielen. Der Klageton rührt auch Wiesler, der auf dem Dachboden hockt, die Kopfhörer über den Ohren, und von Mitgefühl übermannt wird. Die Erhabenheit der Musik und die Unüberwindlichkeit von Dreymans Schmerz bewegen ihn, besser sein zu wollen, als er bisher war. Wiesler beginnt seine Berichte fürs MfS zu fälschen und vertuscht, dass Dreyman ein staatsfeindliches Pamphlet schreibt. Komischer kann man den Überwachungswahn der Stasi nicht persiflieren als Wiesler, der ein linientreues Stück zum 40. Jahrestag der DDR erfindet, das der ahnungslose Dreyman später in seiner Stasi-Akte findet …