Neben dem Rechtsaußen-Politiker Luca Romagnoli sitzt Anna Serafini, die Ehefrau des Parteivorsitzenden der Linksdemokraten Piero Fassino. Anna Serafini ist perfekt frisiert, perfekt geschminkt, dauernd steht sie auf und begrüßt strahlend Bekannte. Auf Romagnoli kommt niemand zu. Auch Frau Serafini ignoriert ihn. Als er sich neben ihr erhebt und zum Podium geht, die schlecht sitzende Anzughose hochraffend, die Schultern hängend, schaut sie ihm mit hochgezogenen Augenbrauen nach, eine Mischung aus Wachsamkeit und Abscheu im Blick. Silvio Berlusconi BILD

Es geht um Kinder an diesem Vormittag im Saal des Palazzo Marini mitten in Rom. Unicef Italien hat Vertreter aller im Wahlkampf aktiven Parteien einberufen, damit sie darlegen können, wie sie Italiens Nachwuchs vor vorzeitigem Schulabbruch und Kinderarbeit bewahren wollen. Für Anna Serafini ist es das zentrale Thema ihrer politischen Karriere. Für Luca Romagnoli bedeutet es viel, dass er überhaupt eingeladen wird. Der 44-Jährige ist Vorsitzender der MSI-Fiamma Tricolore, einer Partei am extremen Rand des rechten Spektrums. Es sind Neofaschisten, die zur Koalition des von Silvio Berlusconi geführten Hauses der Freiheiten gehören.

Berlusconi weiß, dass es bei den Parlamentswahlen am 9. und 10. April um sein politisches Sein oder Nichtsein geht. Oppositionsführer will der fast 70-jährige Großunternehmer nicht mehr werden. Die Staatsanwaltschaft in Mailand hat gerade einen Prozess gegen ihn beantragt – wegen Verdachts der Korruption. Diesen Prozess könnte Berlusconi als Wahlverlierer weder aufhalten noch verhindern. Im Falle seiner Niederlage muss er außerdem Kartellamtsauflagen für sein Medienimperium fürchten, das sich unter seiner Regierung ungebremst ausbreiten konnte. Die Meinungsforscher jedoch sehen das Bündnis der linken Mitte mit Romano Prodi und Piero Fassino vorn. Berlusconi muss um jede Stimme werben. Auch ganz weit rechts. Neben der Fiamma Tricolore hat er die Alternativa Sociale der Duce-Enkelin Alessandra Mussolini in sein Boot geholt.

Mussolini und Romagnoli hatten sich von ihrem früheren Weggefährten Gianfranco Fini abgesetzt, als der heutige Außenminister und Chef der Regierungspartei Alleanza Nazionale sich vom Faschismus distanzierte. "Man kann nicht wie Fini einfach behaupten, der Faschismus sei das absolute Übel gewesen", sagt Luca Romagnoli nach seinem Kurzvortrag für Unicef. Romagnoli hat in diesem Wahlkampf gelernt, Kreide zu fressen. Im Europaparlament, wo der studierte Geograf sein Land vertritt, gab es Proteste, als bekannt wurde, was Romagnoli in einer Sendung des Murdoch-Senders Sky 24 gesagt hatte. "Ich habe nicht die Mittel, um das zu bestätigen oder zu negieren", hatte er auf eine Frage nach der Existenz der Gaskammern in Auschwitz geantwortet.

Romagnoli holt tief Luft. Dann redet er viel und konfus. Er sagt, die Sky-Journalisten hätten ihm "eine Falle" gestellt. "Meine Antwort bezog sich auf einen kurzen Filmausschnitt, den sie mir kurz zuvor gezeigt hatten. Darin behauptete ein amerikanischer Chemiker, man könne in den Wänden der Gaskammern keine Spuren von Zyklon B nachweisen. Dazu sage ich: Ich bin kein Chemiker. Ich kann das nicht beurteilen." Auf keinen Fall wolle er aber bestreiten, dass es den Holocaust gegeben habe, beteuert Romagnoli. "Ich bin kein Antisemit. Der italienische Faschismus ist ursprünglich auch gar nicht antisemitisch. Die Rassengesetze hat Mussolini erst unter dem Druck Hitlers erlassen. Und damit das klar ist: Ich betrachte diese Rassengesetze als Fehler."

Alessandra Mussolini: "Besser Faschistin als schwul!"

Wäre es für ihn eine Beleidigung, wenn man ihn Faschist nennen würde? "Das kommt darauf an. Der Faschismus hat ja auch viele positive Dinge geschaffen." Zum Beispiel? "Der Sozialstaat war eine Erfindung des Duce, die in ganz Europa nachgeahmt wurde." Romagnolis Partei hat die Verteidigung der italienischen "Identität, Sprache und Kultur" auf ihre Fahnen geschrieben. "Hier wird viel zu viel Englisch geredet. Die Franzosen sagen ja auch nicht: Computer. Wieso sagen wir dann nicht elaboratore elettronico?

Was die Fiamma Tricolore wirklich umtreibt, war am vergangenen Samstag in Mailand zu sehen. Da gab es in der Innenstadt einen Aufmarsch mit Keltenkreuzen und Nazisymbolen. Linke Autonome protestierten gegen die Neofaschisten, zerstörten Autos und Geschäfte und lieferten sich eine Straßenschlacht mit der Polizei. 41 Linksextreme wurden festgenommen. Für die Randale entschuldigten sich Vertreter der Oppositionsparteien, die gar nicht mit den linksextremen Gruppen verbündet sind. Für den Aufmarsch der rechtsextremen Berlusconi-Partner musste sich niemand entschuldigen. Er war ja auch behördlich genehmigt.