Dossier Zum Frieden verdammt

In Nigeria wird auf kleiner Bühne das gleiche Stück gespielt wie im großen Welttheater. Einen Kampf der Kulturen zwischen Islam und Christentum, zwischen Tradition und Moderne versuchen religiöse Führer jedoch zu verhindern

Das Wichtigste ist nicht zu sehen. Der Koran ist verborgen in einer Tasche aus buntem Ziegenleder. Sie hängt an der Wand des Gerichtssaals, an einem schlichten Nagel. Wer auf den Richter blickt, blickt immer auch auf die Tasche. BILD

Im Saal herrscht respektvolle Stille. Die Zuhörer sitzen, nach Geschlechtern getrennt, auf Holzbänken, Männer links, Frauen rechts, zwischen ihnen ein Sichtschutz; nur der Richter sieht von seinem erhöhten Podest aus alle. Die Platten an der Saaldecke haben Löcher, drei rostige Ventilatoren verharren reglos, die Akten auf dem Tisch des Richters sind von Hand geschrieben.

Anzeige

Dies ist ein islamisches Gericht, ein Oberes Scharia-Gericht.

Die Fälle, die an diesem Morgen verhandelt werden, erzählen von afrikanischem Alltag. Streit um ein Stück Land, Streit um Wasser in einem Dorf. Dann ein Familienzwist: Eine junge Frau wurde zwangsverheiratet wegen einer Erbschaftssache, sie wehrt sich, steht schüchtern auf der Frauenseite des Gerichtssaals, auf der Männerseite ihr Vater, ein magerer, ärmlich gekleideter Übeltäter. All diesen Fällen ist gemeinsam, dass Kläger und Beklagte der bunten Tasche aus Ziegenleder mehr vertrauen als einem staatlichen Gericht.

Manchmal wird die Tasche vom Nagel genommen. Zuletzt vor zwei Monaten, ein Mann war des Mordes angeklagt, die Beweise waren schwach, der Angeklagte schwor auf den Koran, dass er unschuldig sei. Er schwor mehrmals, und wer Gott so selbstbewusst als Zeugen seiner Unschuld herbeiruft, der wird von einem Scharia-Gericht freigesprochen.

Dies ist der Norden Nigerias. Die Region ist zum Synonym für Fanatismus und archaische Rückständigkeit geworden, seit hier vor sechs Jahren die islamischen Strafgesetze der Scharia eingeführt wurden. Sie drohen im Extremfall mit Steinigung und Amputation. Scharia – allein das Wort erzeugt im Westen instinktive Abwehr. Für viele Muslime in Nigeria ist es hingegen ein Wort der Hoffnung: Sie verbinden damit Gerechtigkeit und eine saubere Justiz.

So führt diese Reise mitten hinein in den Streit um Werte, um Religion, um Identität. Eine globale Front. Nigeria ist davon ein besonders unübersichtlicher Abschnitt und manchmal ein blutiger. Nach Kämpfen zwischen Muslimen und Christen lagen in den vergangenen Wochen mehr als hundert Tote in Nigerias Straßen. Die Wut über die Karikierung des Propheten war wie ein Brandbeschleuniger in lokale Konflikte gefahren.

In Nigeria, der größten schwarzen Nation der Welt, ist gut die Hälfte der Bevölkerung muslimisch, etwa 70 Millionen Menschen. Afrikas Islam wird leicht übersehen, dabei ist jeder zweite Afrikaner Muslim, circa 380 Millionen – mehr als im Nahen Osten.

Quer durch Nigeria verläuft eine Linie. Sie ist nicht mit dem Lineal gezogen, sie hat Zacken und Fransen, doch teilt sie das Land grob in zwei Hälften, in den überwiegend muslimischen Norden und den überwiegend christlichen Süden. Eine historische Grenze, an der sich zwei importierte Religionen trafen. Der Islam kam 700 Jahre früher nach Westafrika, er reiste vom 11. Jahrhundert an von Norden her mit den arabischen Händlern über die Karawanenstraßen in die Sahelzone. Die christlichen Missionare drangen später von Süden her durch den tropischen Küstengürtel vor, mit den britischen Kolonialherren.

Heute werden Nord und Süd durch einen Superlativ zugleich vereint und getrennt: Im Norden können angeblich mehr Menschen den Koran auswendig als in jedem anderen Land der Welt – und im Süden soll es mehr Priesteramtskandidaten geben als irgendwo sonst.

In Lagos, dem urbanen Moloch im Süden, ist die abgasblaue Luft aufgeladen mit emphatischer Christlichkeit. Kaum ein Friseursalon, der nicht Gott im Namen trüge. Der Software-Laden verkauft »Godsoft« statt Microsoft, und wer einen Eimer und einen Scheibenwischer besitzt, nennt sein Unternehmen »divine car wash«.

Ob Christ, ob Muslim, wer in der Politik etwas werden will, muss Gott auf den Lippen führen. Religion und Politik umschlingen einander in diesem Land, das so gläubig ist und so korrupt. Und weil die Politiker oft alle Hoffnungen betrügen, flüchten sich die Betrogenen umso leidenschaftlicher zu Gott.

In Nordnigeria ist Trockenzeit. Die Luft ist grau und braun vom Harmattan, einem sandigen Wind aus der Sahara. Beigefarben der Himmel, braun die Äcker, blätterlos die Baumriesen. Ab und an die Lehmmauern eines Dorfes, wie eine flache Festung am Boden klebend, braun an braun. Ziegen, Schafe, Rinder kreuzen hirtenlos die Straße, manchmal ein paar Kamele.

Eine Schule am Straßenrand, eine Grundschule. Kaum ein Kind hat ein Schulbuch, und der Lehrer antwortet auf die Frage, was sein größter Wunsch sei: Mehr Kreide! Als der Unterricht beginnt, schickt er den ältesten Jungen der Klasse, den Stummel Kreide von gestern aus sicherem Gewahrsam zu holen. Ein Stummel Kreide ist zu wertvoll, ihn unbeaufsichtigt herumliegen zu lassen. Obszöne Armut in einem Land, dessen Oberschicht manchmal mit Koffern voller Schmiergeld im Ausland erwischt wird.

Aus dem kargen Gleichmut dieser Landschaft, aus einem der lehmbraunen Dörfer wurde vor vier Jahren eine Frau hinausgeschleudert in die Schlagzeilen der Welt. Amina Lawal – die Frau, die gesteinigt werden sollte. Eine Schwangere, zum Tode verurteilt wegen außerehelichen Geschlechtsverkehrs. Ihr Bild ging durch die Medien des Westens, eine Verschleierte mit großen traurigen Augen: das Gesicht der Scharia.

Die Leute im Dorf zeigen den Weg zu ihrem Haus. Amina Lawal ist hübscher als auf dem alten Bild. Sie ist jetzt 34, stillt ein Baby. Es entstammt einer neuen Ehe, ihrer zweiten, aber die ging schon wieder zu Bruch. Dies ist das Haus der Eltern. An der Wand des winzigen Zimmers hängt im großen Rahmen das Gesicht mit den traurigen Augen. Es scheint zu groß für den kleinen Raum, wie das Foto eines fernen Stars. Amina nennt sich selbst »den Fall«, sie will Distanz zur Vergangenheit, am liebsten gar nicht darüber reden. Einmal sagt sie, wie zu sich selbst: »Ich habe vergessen, welche Antworten man in Interviews gibt.«

Achtzehn Monate lebte sie mit dem Todesurteil, dann wurde es in dritter Instanz endlich aufgehoben. Nigerianische Anwältinnen, Frauenrechtlerinnen und Menschenrechtsgruppen hatten Amina zur Seite gestanden – muslimische wie christliche.

Eine Entschädigung bekam sie nicht; sie blieb einfach zurück, nachdem die große Welle über sie hinweggegangen war. Eine Frau mit fünf Kindern, das erste bekam sie mit 14. Leise sagt Amina, sie hätte gern ein kleines Startkapital, möchte einen Laden aufmachen, auf eigenen Füßen stehen.

Über Nigerias berühmtestes Justizopfer, über ihr Dorf, über die Region hat sich der Alltag gesenkt. Sechs Jahre sind vergangen, seit im Januar 2000 der erste Bundesstaat in Nordnigeria die islamischen Strafgesetze einführte; elf weitere Staaten folgten rasch. Niemand ist gesteinigt worden seitdem. Von den so genannten Körperstrafen wird allein die Prügelstrafe öfter vollstreckt, soweit bekannt, nur an Männern, vor allem wegen Alko- holgenuss. Die Hiebe sollen mehr demütigen als schmerzen. Wenn man versucht, mit einem derart Gezüchtigten zu sprechen, schließt sich um ihn ein abwehrender Ring muslimischer Brüderlichkeit. Die Strafe sei Schande genug gewesen, den Täter durch Fragen zusätzlich beschämen, das wäre nicht rechtens.

Alte Männer kauen auf Stöckchen, weil der Prophet das getan hat

Islam ist in Nordnigeria wie Hirse, ein Grundnahrungsmittel. Kinder wachsen früh in religiöse Disziplin hinein, schon kleine Mädchen tragen Schleier, kleine Jungen rollen beim Freitagsgebet winzige Gebetsteppiche aus, manchmal knien sie falsch herum, so gibt es mehr zu sehen. Alte Männer kauen auf Stöckchen, weil der Prophet das getan hat, es soll gut sein für die Zähne. In Haussa, der Hauptsprache des Nordens, gibt es kein weltliches Wort für »bitte«, man sagt stattdessen: »Vergelte es Allah!«

Seit annähernd tausend Jahren hat kein Eindringling hier je die Dominanz des Islams infrage gestellt, auch die britischen Kolonialherren nicht. Sie fanden in Nordnigeria ein altes islamische Reich vor, das Sokoto-Kalifat. Sie machten daraus ein Protektorat und hielten sich – nach dem Prinzip »Teile und herrsche!« – aus fast allem heraus. Ihres taktischen Bündnisses mit den feudalen Emiren wegen verboten die Briten christlichen Missionaren sogar den Zutritt zum Norden. Englisch und westliche Bildung breiteten sich nur im Süden aus – eine kulturelle Spaltung, die Nigeria bis heute prägt.

Die Briten ließen bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts auch die islamischen Strafgesetze in Kraft, verboten nur Steinigung und Verstümmelung. Allerdings stellten sie die Scharia auf eine Ebene mit afrikanischem Gewohnheitsrecht und animistischen Praktiken – Nordnigerias Muslime würden diese Beleidigung des für sie göttlichen Rechts nie vergessen.

Scharia, das heißt wörtlich »Weg zur Wasserstelle«. In einer Wüstenkultur bedeutet die Wasserstelle Überleben – das Überleben einer Gemeinschaft, und sie verlangt Disziplin. Die Vorstellung mag helfen, ein hochkomplexes Rechtsgebilde zu verstehen, von dem die berüchtigten Strafen nur ein winziger Teil sind. Scharia, das sind sämtliche Vorschriften und Empfehlungen für das private wie öffentliche Leben, von der Hygiene bis zum Handelsrecht. Ihre Quellen: Zuerst der Koran, der in 500 Versen Verbindliches enthält; dann die in Tausenden von Anekdoten und Aussprüchen überlieferte Lebenspraxis des Propheten; ferner der Analogieschluss aus diesen primären Quellen und schließlich der Konsens berühmter Gelehrter, wenn sie Streitfragen zu entscheiden hatten.

Am Ende ist man wieder an der Wasserstelle: Im islamischen Recht rangiert die Gemeinschaft vor dem Individuum, die Wohlfahrt vor der Freiheit. Für Leute, die einen Stummel Kreide hüten müssen, ist das eine attraktive Idee.

Und so rollte dann durch zwölf Bundesstaaten des Nordens eine religiös-soziale Bewegung, die einheimische Intellektuelle im Rückblick »die Scharia-Revolution« nennen. Im ersten Bundesstaat kam die Idee noch von oben, von einem ehrgeizigen Gouverneur. Danach war der Geist aus der Flasche, ergriff die Armen wie ein Heilsversprechen. Scharia würde sie befreien von den schlimmsten nigerianischen Plagen, von Korruption und Amtsmissbrauch. Die Richter würden fortan unbestechlich sein, die großen Diebe würden ihre Geldkoffer fallen lassen, und niemand würde Not leiden, denn die Reichen würden für die Armen sorgen – steht es so nicht im Koran?

Das war die Hoffnung. Die Hoffnung war das andere Gesicht der Scharia. Eines, das wir besser verstehen können.

Leser-Kommentare
  1. Ausser der Religion ist die Stammes Angehoerigkeit ein wichtiger Teil der nigerianischen Gesellschaft.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service