Sachbuch: Ein Pariser in Amerika
Bernard-Henri Lévy versucht, die Vereinigten Staaten zu entdämonisieren
Durchblättern sinnlos: Wer nur rasch nachschauen will, ob Bernard-Henri Lévys Amerika-Buch wirklich so misslungen ist, wie viele Verrisse nahe legen, liest sich schnell fest. Kapitel für Kapitel wächst die Neugierde darauf, wann der Autor auf seiner neunmonatigen Inspektionstour durch 48 US-Bundesstaaten endlich jene Bauchlandung macht, die ihm die Kritiker schon lange lustvoll prophezeien. Doch zum Schluss ist man Lévy tatsächlich bis auf die letzte Seite gefolgt und wundert sich umso mehr über die Negativkampagne. Nicht nur sind in jüngster Zeit ein halbes Dutzend französischer Enthüllungsbücher erschienen, die den Pariser Medienphilosophen gebetsmühlenartig als steinreichen Stutzer und publizistischen Seilschaftsführer verunglimpfen. Jetzt kommt noch die amerikanische Kritik an seinem neuen Werk hinzu, das im Januar zuerst in den USA erschien. tadelt »übertriebene Philosophenzitate«, die sieht nichts als »Spritzpistolen-Prosa«, »Collegestudenten-Großtuerei« und »Freaks, Fatties, Fanatics & Faux Culture«-Geschichten.
So viel Zorn macht skeptisch. Zwar ist Lévy berüchtigt für seine pompösen Ankündigungen und Arbeitsmethoden. Auch diesmal wollte er nichts weniger als in die Fußstapfen von Alexis de Tocquevilles Klassiker Über die Demokratie in Amerika von 1835 treten. Aber herausgekommen ist ein lebendiges Itinerarium in der Tradition von Kerouac und Whitman. Unbestreitbar war die Idee des Magazins Atlantic Monthly glänzend, einen Franzosen durch die Erdbebenlandschaft des amerikanischen Wahlkampfs 2004 zu schicken, um die transatlantischen Missverständnisse und Feindseligkeiten zu erkunden.
Freilich hat Lévy seine Tour nicht per Anhalter unternommen, sondern mit Hilfe eines Chauffeurs und des Atlantic Monthly- Korrespondentennetzes. Zudem scheint er viele seiner Gesprächspartner von Sharon Stone bis Woody Allen aus dem Namensregister von Vanity Fair gewählt zu haben. Und seine gelegentlich überfliegerhaften Sentenzen und vornehmen Vermutungen – über den obsessiven Fahnenkult oder die alltagsferne Ideologie der Parteienbekenntnisse – sind ganz wie der Mann selbst: zu schön, um wahr zu sein.
Das ist auch der Grund für den Kritikerzorn: dass sich Lévys überbordendes Ego stets in den Mittelpunkt aller Beobachtungen drängt. Der Mann hat ein provozierendes Selbstbewusstsein, das ihm erlaubt, anstelle von Scheinobjektivität und angelesenen Klügeleien auf die eigene Anschauung zu vertrauen. Wie schon in seiner heftig angefeindeten und gleichwohl beeindruckenden Romanrecherche über die Ermordung des Journalisten Daniel Pearl legt der Autor auch in American Vertigo mit Penetranz seine subjektiven Maßstäbe offen. Das hat jedoch den Vorteil, dass sich Tatsachen, Urteile, Eindrücke und bloße Spekulationen stets klar unterscheiden lassen.
Lévy erzählt, wie er während einer Pinkelpause auf dem Highway einen aufgebrachten Sheriff mit einem Fachgespräch über Tocqueville besänftigt, er erkundet im Gespräch mit einer Barfrau in Colorado die Komplexität des Sozialversicherungssystems, inspiziert in Nevada puritanische Puffs mit patriotischen Prostituierten, lässt sich von einem Hubschrauberpiloten über dem Grand Canyon den Schöpfungsglauben erklären und erkennt in Präsidentenmonumenten und Baseball-Ruhmeshallen die Mythomanie der Amerikaner, deren überbordender Zukunftsglaube nur artifizielle, selbst geschaffene Vergangenheitsrelikte zulässt. Lévy beschreibt ein Land, in dem Riesenkirchen wie Banken aussehen, Banken wie Kirchen, Priester wie Rechtsanwälte und Rechtsanwälte wie Bodyguards. Wie Tocqueville besucht er Gefängnisse und vermutet angesichts der vielen Kleinkriminellen, dass hier die Ärmsten der Armen unsichtbar gemacht werden sollen. Im Gespräch mit neokonservativen Franzosenfressern wie Richard Perle oder Bill Kristol gesteht Lévy seine Kapitulation, findet aber auch wenig Gefallen an demokratischen Intellektuellen, die auf die Folter- und Gefängnisskandale von Guantánamo bis Abu Ghraib nur windelweich reagiert hätten.
Das erklärt die zweite, spezifisch amerikanische Zornesfront gegen Lévy: Die Neocons fühlen sich nicht genügend geschmeichelt, die Demokraten sind enttäuscht über die unterlassene Hilfeleistung des French doctor gegen die fundamentalistische Rechte. In der Tat neigt Lévy kaum dazu, die Hände zu beißen, die ihn füttern. So sind seine theoretischen Schlussfolgerungen im letzten Drittel des Buches eine seltsame Mixtur aus Anklage und Verteidigung. Er konstatiert die Fettleibigkeit (obésité) der sozialen und materiellen Verhältnisse sowie eine neue Apartheid durch die Zersplitterung des öffentlichen und politischen Raumes.
Tocquevilles noch vom französischen Monarchie-Ideal inspirierte Warnung vor der Demokratie als einer »Diktatur der Mehrheit« wird bei Lévy zur Gefahr einer »Diktatur der Minderheiten«, bei der jede ethnische und soziale Gruppe auf ihre privaten Gründungsmythen und Sonderrechte pocht. Die Risiken von affirmative action und Political Correctness kann wohl nur ein Franzose so intensiv empfinden, der in jedem Multikulturalismus und Gruppenprivileg einen Angriff auf das republikanische Assimilationsideal der Égalité sieht – wenngleich dieses auch in Frankreich längst erschüttert ist.
Bei aller Kritik am Fundamentalismus und Messianismus der »dümmsten Rechten der Welt« bleibt Lévy bedingungsloser Amerika-Liebhaber, der das angefeindete Land entdämonisieren will. Amerika sei weiterhin eine materialistische und pragmatische Nation, die ihre Außenpolitik neuerdings aber aus Gedanken von Thukydides bis Leo Strauss beziehe und einen Krieg mit Plato und Aristoteles begründe: »Sie mögen nur ihre Ölinteressen im Hinterkopf haben, aber sie reden wenigstens von Demokratie.« Weil niemand weiß, ob das eine gute oder schlechte Botschaft ist, darf Lévy sich nicht wundern, wenn in solchen Fällen vorsorglich der Bote zuerst geprügelt wird.
American VertigoPolitisches BuchAuf Englisch bei Random House; 310 S., 26,– $Bernard-Henri LévyBuchauf Französisch bei GrasseGrassetauf Französisch bei20,90495




Mancher mag denken, es hiesse, den Bock zum Gaertner zu machen, wenn man einen linksintellektuellen Extremisten wie Levy auf eine Luxusreise durch die USA schickt. Ein zweiter voyageur en Amerique wie Alexis de Tocqueville ist er freilich kaum, doch setzt er sich durchaus ernsthaft mit der 1831 vorgenommenen Reise seines beruehmten Vorgaengers auseinander. Der amerikanischen Toleranz, die damals den in Europa verfolgten extremen religioesen Sekten eine neue Heimat bot, stellt er seine heutige franzoesische Intoleranz fuer eben dieselben Sekten gegenueber. Doch weiss er dabei wohl zu sichten und zu differenzieren, und setzt diese extremen kleinen Sekten keineswegs dem "typischen Amerikaner" gleich, wie viele Europaeer dies tun. Ob ausgerechnet er der geeignete Mann war, die Vereinigten Staaten zu "entdaemonisieren", sei dem Leser ueberlassen. Dem ungeachtet verbleibt eine unterhaltsame, freilich nicht immer vorurteilsfreie Reise eines intellektuellen, selbststilisierten "Amerikaliebhabers" wider Willen. Auf jeden Fall ein Buch, das man selbst lesen sollte, anstatt bloss darueber zu reden.
...für diesen starken Literaturtip (und guten Artikel).
Es sind ja die Ambivalenzen und Kontraste, die das Leben interessant machen, und wenn ein französischer Soziologe oder Sozialphilosoph (whatever) auf diese Art Amerika erkundet, dann hat das fast schon etwas erotisches.
Jedenfalls ist diese Unternehmung Lévys sehr innovativ, schon lange nicht mehr dagewesen, und der Vergleich zu Tocqueville daher durchaus naheliegend.
Man darf gespannt sein.
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