Landtagswahlen Ein Chef, der sich nicht traut

Eigentlich will der SPD-Vorsitzende Matthias Platzeck Veränderung. Doch öffentlich tritt er bislang auf die Bremse. Mit den Landtagswahlen an diesem Sonntag endet seine Schonfrist

Der Mann im Kleinbus zwischen Trier und Bolanden klingt wie ein mutiger Reformer. Draußen rauscht geschichtsträchtige deutsche Landschaft vorbei, die Nibelungenstadt Worms ist nicht weit. Er sagt: »Die Partei hat gelernt, dass die Antworten aus den siebziger Jahren nicht mehr tragfähig sind.« Oder: »Es gibt ja leider keine Europa-Euphorie, aber wir müssen sie erzeugen. Es ist doch nicht so, als ob unser Problem bulgarische Klempner sind. Unsere Herausforderungen liegen in China und Indien.« Auf die Frage, ob es so etwas wie eine gemeinsame, einheitliche Wirklichkeit der Deutschen überhaupt noch gibt, sagt er, dass er in seinem politischen Leben nie Homogenität erlebt habe, nur Veränderung, Umbruch, und das in höchstem Tempo. Vor acht Jahren habe es in seinem Land 120000 Bergbaukumpel gegeben, heute seien es noch 10000. Die Wirklichkeit, sagt er, sei verdammt schnell geworden, aber die Politik sei nicht gerade ein Echtzeitbetrieb. Der Mann klingt selbstbewusst und gelassen, wie einer, den nicht mehr viel erschrecken kann. Er klingt wie einer, der zu groß ist für ein kleines Bundesland, einer, dessen Sätze nicht in einen Kleinbus passen.

Dann steigt der Mann aus, er betritt die Werner-Bolanden-Halle im rheinland-pfälzischen Bolanden, einer 3000-Einwohner-Gemeinde, und irgendwo auf diesen zehn Metern zwischen Bus und Halle muss etwas mit ihm passiert sein. Er steht jetzt auf der Bühne und sagt: »›Mit Mut und Menschlichkeit‹ lautet das Motto des Koalitionsvertrags. Das isses. Das isses, was wir brauchen.« Er redet über Bildungspolitik und sagt: »Wir hatten früher Recht, wir haben heute Recht, und wir werden in Zukunft Recht haben.« Er sagt: »Wir wollen den Sozialstaat ausbauen, aber vor allem wollen wir ihn verteidigen – schlimm, dass man so was heutzutage wieder sagen muss.« Während die Zuschauer im Saal applaudieren, kann man zusehen, wie Matthias Platzeck entschleunigt, wie er im Zeitmodus der Parteipolitik ankommt. Man kann ihn beim Schrumpfen beobachten. Der Vorsitzende der größten deutschen Volkspartei wirkt jetzt nicht mehr mutig, sondern wie einer, der sich sehr vorsichtig auf dünnem Eis voranrobbt.

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Platzeck in Bergkamen: »Um elf Uhr haben wir Schnaps getrunken«

Die politische Prüfung für Angela Merkel komme erst noch, nach den Landtagswahlen, sagt Platzeck bei seinen Auftritten in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt. Mindestens ebenso wie auf Merkel trifft der Satz auch auf ihn selbst zu. Formal ist Platzeck gut hundert Tage im Amt, aber die These, dass er Vorsitzender der deutschen Sozialdemokratie ist, muss er noch belegen. Seit er im vergangenen November mit fast hundert Prozent zum Nachfolger von Franz Müntefering gewählt wurde, hat Matthias Platzeck sich in allerlei Debatten zu Wort gemeldet, zur Familienpolitik, zum Iran-Konflikt, zur Rente, selten bekam das diffuse Bild des allzeit gut gelaunten Hoffnungsträgers dabei Konturen. Es ist, als ob es zwei Platzecks gäbe – den eigentlichen und den öffentlichen. Der eigentliche Platzeck redet gern Klartext, er findet, dass in Deutschland viel zu lange viel zu viel falsch gelaufen ist, weil zu viele Politiker sich zu lange zu wenig getraut haben. Der öffentliche Platzeck predigt eine Politik der kleinen Schritte, er redet viel über Vertrauen, aber bisher hat er sich nicht viel getraut.

Landtagswahlen gelten in der Politik als zulässige Entschuldigung dafür, dass man einstweilen nicht so deutlich werden kann, wie man will. Deshalb haben die SPD und die Öffentlichkeit bisher geduldig auf Matthias Platzeck gewartet. Nach dem 26. März gibt es keine Ausrede mehr.

Die Ostdeutsche Angela Merkel haben sie ihre Fremdheit oft spüren lassen, damals, als sie noch nicht Parteivorsitzende, geschweige denn Kanzlerin war. Er habe bisher kein Fremdeln feststellen können, sagt Platzeck. Warte mal ab, bis du nach Bergkamen kommst, haben sie ihm am Anfang in Berlin gesagt. Platzeck kam nach Bergkamen und fühlte sich wohl. »Um elf haben wir Schnaps getrunken, um zwölf haben wir gesungen«, sagt er. Ja, aber warte mal, bis du nach Vilshofen kommst, haben sie ihm nach Bergkamen gesagt. Platzeck kam nach Vilshofen – »ich wollte am liebsten gar nicht mehr weg«, sagt er. Vielleicht, meint der Potsdamer, habe er bisher die Keiner-von-uns-Debatte nicht ertragen müssen, weil er sich immer klar als Ostdeutscher bekannt habe. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass er bisher keine Besitzstände außerhalb von Brandenburg angetastet hat.

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