Pharma Die Einsicht des Pillenmachers

Nach dem Skandal um bestochene Mediziner will Ratiopharm nun zum leuchtenden Beispiel für die Pharmaindustrie werden

Schmiergeld für Ärzte, großzügige Rabatte für Apotheker – im Herbst vergangenen Jahres machten die Praktiken des Pharmakonzerns Ratiopharm reihenweise Schlagzeilen. Das Unternehmen aus Ulm ist Pionier und Marktführer für preiswerte Nachahmermedikamente in Deutschland und einer der vier weltgrößten Produzenten dieser so genannten Generika. Der Skandal erschütterte die schwäbische Firma, deren Inhaberfamilie Merckle bis dahin stets darauf geachtet hatte, öffentlich im Hintergrund zu bleiben.

Rund 1,5 Milliarden Euro setzt Ratiopharm im Jahr um, unter anderem mit dem Schmerzmittel ASS und dem Rheumamittel Diclofenac. Doch der befürchtete Einbruch für die rund 800 Produkte des Hauses blieb nach den kritischen Medienberichten aus, wie Firmenchef Philipp Daniel Merckle sagt: »Unser Stammgeschäft läuft ganz normal weiter.« Trotzdem schmerzt den 39-jährigen Pharmafabrikanten die Rufschädigung, welche der Arzneimittelhersteller sowohl bei den eigenen Mitarbeitern als auch in der gesamten Branche spürt. Um das »aufgetretene Unbehagen« und »die Unsicherheit« auszuräumen, strebt Merckle jetzt eine »eine ehrliche, klare und saubere Linie an« – und will Zeichen für die gesamte Pharmaindustrie setzen.

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Der Skandal traf den Sohn des Unternehmensgründers Adolf Merckle auch persönlich ziemlich überraschend. Hatte der doch eben in jenem Jahr den bisherigen familienfremden Leiter des Pharmageschäftes abgelöst – und geglaubt, ein wohlgeordnetes Geschäft zu übernehmen. Er musste schnell handeln.

Als Erstes habe er bei Ratiopharm »die im Graubereich zu unserem Nachteil auslegbaren Vertriebspraktiken definitiv abgestellt«. Bei diesen »Einzelfällen« (Merckle) gehe es um Beträge für etwa 100 bis 200 Ärzte, welche im Austausch für Daten aus deren Praxis regelmäßig an die Weißkittel geflossen seien. Der Anstoß für solche Zahlungen sei damals von »schwarzen Schafen« aus der Ärzteschaft ausgegangen, fand der neue Firmenlenker heraus. Ein Scheck, der schon vor längerer Zeit ausgestellt worden war, sei erst vor einigen Wochen von einem Arzt als »Nachläufer eingelöst worden«. Nun versichert der neue Firmenlenker ausdrücklich, dass das Unternehmen Abstand von den umstrittenen Methoden zur Absatzförderung genommen habe: »Eine Vergütung der Mediziner nach Umsatzgröße gibt es nicht mehr.« Personelle Konsequenzen an der Spitze der Familienfirma hält Merckle heute freilich nicht mehr für notwendig.

Sein Führungsstil ist neu für Ratiopharm – und die Unternehmerfamilie Merckle. Das Oberhaupt der Milliardärsfamilie, Adolf Merckle, Philipps Vater, gilt als patriarchalisch autoritär regierender Unternehmer, der für seine Öffentlichkeitsscheu bekannt ist. Neben dem Arzneimittelgeschäft hat der Senior sich unter anderem massiv im Baustoffsektor (HeidelbergCement), Fahrzeugbau (Kässbohrer) und im Pharmagroßhandel (Phoenix) engagiert – und sprang dabei mit rivalisierenden Anteilseignern nicht immer sehr zimperlich um.

Philipp Daniel Merckle hingegen lässt sich wie seine Mutter Ruth von der christlichen Ethik inspirieren. Deshalb möchte der Juniorchef nun auch nicht einfach geschmeidig zur Tagesordnung übergehen, sondern einen »Neustart« einleiten. In diesem Zusammenhang spricht er von einem »Umdenkungsprozess« und lädt die Belegschaft ungewöhnlich direkt ein, sich ihm anzuvertrauen: »Kommen Sie bitte mit Kritik an der Sauberkeit unseres Vorgehens, mit neuen Ideen für die Kundenbindung… und auch mit ihrem formulierten Unbehagen, worin immer es begründet liegt.« Das sind vollständig neue Töne für die schwäbischen Schaffer, denen diese Art der Mitbestimmung bisher fremd ist.

Die Politik der neuen Offenheit gilt nicht nur nach innen. Um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen, möchte sich der Unternehmer »dem Thema stellen« und eine »offene Diskussionskultur« pflegen. Ist er dafür auch bereit, auf Umsatz zu verzichten? Natürlich wolle er mit seinem Unternehmen wachsen, antwortet er, um doch nachzuschieben: »Das kann aber kurzfristig bedeuten, dass ich bereit bin, Umsatzeinbußen hinzunehmen.« Doch dies werte er nicht als Opfer, sondern als Angebot der Zukunft für eine gute Partnerschaft mit Ärzten und Apothekern.

So wendet sich Merckle bewusst an alle am Pharmageschäft beteiligten Kräfte. Denn die Angriffe der Medien gelten seiner Ansicht nach nicht nur Ratiopharm allein, sondern sie stellen das ganze Gewerbe an den Pranger. Deshalb strebt er über das Fachliche hinaus eine »Gesprächsebene mit der Öffentlichkeit« an, auf der endlich für klare Verhältnisse im Markt gesorgt werden müsse. »Uns interessiert auch die Meinung der anderen«, wirbt der Pillenproduzent um reformbereite Mitstreiter. »Wir wollen doch niemanden zum Missbrauch verführen, sondern uns an die Vorschriften halten«, gelobt Merckle. Doch die Gesetzestreue droht offenbar im Dschungel der Paragrafen und Verordnungen verloren zu gehen. Mit den undurchsichtigen Verhältnissen will der Überzeugungstäter Merckle nun aufräumen.

Für sein erklärtes Ziel, eine »neue Kultur zu schaffen«, installierte er deshalb einen »grünen Tisch« als Diskussionsplattform bei Ratiopharm. Diese Ulmer Runde soll erstmals am 29. März zusammenkommen und dann im Abstand von jeweils sechs Wochen regelmäßig über »systembedingte Schwächen im Pharmabereich« diskutieren. Eingeladen sind Politiker und Unternehmensfremde.

Merckle junior denkt dabei nicht nur an die eigene Firma, sondern darüber hinaus. Er möchte mit diesem permanenten Gesprächskreis am Ende »konkrete Änderungen und Forderungen beschlussfertig machen«, um »für unsere eigene Zukunft veränderte Vorgehensweisen zu entwickeln« – ein grüner Tisch zu Risiken und Nebenwirkungen der eigenen Zunft also. Auf diese Weise ist für Philipp Merckle der Weg, der zur Transparenz im Pharmageschäft führen soll, auch ein Stück weit das Ziel. »Wir brauchen eine Aufklärung der Öffentlichkeit durch wirkliches Nachdenken«, appelliert der Jungunternehmer an seine Branche wie an Politiker. Ein solcher Prozess, so stellt sich der idealistische Unternehmer vor, könne letztendlich viel dazu beitragen, schrittweise das allgemeine gesellschaftliche Misstrauen gegen Filz und Kumpanei im Gesundheitswesen abzubauen.

 
Leser-Kommentare
  1. im Artikel war sicher gemeint nichtnur das misstrauen der Öffentlichkeit abzubauen, sondern den Filz und die Kumpanei der Abzocker im Gesundheitswesen abzubauen zugunsten der Patienten und der Arbeitsplätze, die durch die überhöhten Ausgaben verlorengegangen sind, zugunsten der Villa in der Toskana oder einer Weltreise oder einer oder mehrerer erotischer Brasilianerinnen.

    Regelkreise für Dekadenz sind sehr erbarmungslos.

    Der Ratiopharm-Skandal war sicher ein Grund für Schering lieber mit Bayer weiterzumachen.

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  • Quelle DIE ZEIT 23.03.2006 Nr.13
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  • Schlagworte Ratiopharm | Phoenix | HeidelbergCement
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