Damaskus

Freiheit und Demokratie sind im Nahen Osten mittlerweile keine Raritäten mehr. Die Iraker haben im vorigen Dezember gewählt, die Palästinenser im Januar. Und die Türken sind in Auflehnung gegen den Durchmarsch von US-Soldaten nach Bagdad schon 2003 zur echten parlamentarischen Demokratie gereift. So viel steht drei Jahre nach Beginn des Irak-Krieges fest. Doch in Syrien, wo wir uns gerade befinden, beherrscht eine Diktatur das Volk, eine Partei den Staat und die finster dreinblickende Polizei jede Straßenecke. Warum Ebtissam und Emad ausgerechnet hierher geflüchtet sind, bedarf also der Erklärung. Sie sind Iraker, und sie haben ihre just errungene demokratische Freiheit gegen Bedrückung und Gängelei getauscht.

Die Frage "Warum ausgerechnet Syrien?" ist umso dringlicher, als die beiden keine Einzelfälle sind. Rund eine halbe Million Iraker haben seit Beginn des Irak-Kriegs in Syrien Schutz gesucht, viele von ihnen sind Christen. Ebtissam und Emad fanden Zuflucht im Kloster Abraham-der-Freund-Gottes im Damaszener Stadtteil Dscheremana. Nach der Abendmesse treffen sie sich mit anderen Irakern im Vestibül des Gotteshauses. Was hat sie hierher verschlagen?

Der Alkoholladen der Freunde ging in Flammen auf

"Dass wir im Irak nicht mehr sicher sind", sagt Ebtissam, die 52-jährige Christin im schlichten schwarzen Kostüm. Ihre Schreckenszeit begann 2004 mit dem Brand der Kirchen im Irak. Ebtissam saß mit ihren Kindern im Gottesdienst im Bagdader Stadtteil Doura, als ein Brandsatz im Kirchenschiff explodierte. Einen Monat später wurde ihr Schwager vor seinem Haus beschossen, weil er für die Amerikaner arbeitete. Eine Straße weiter ging der Alkoholladen von Freunden in Flammen auf. In der Schule wurden Ebtissams Söhne als Hunde beschimpft. Sie mussten am islamischen Religionsunterricht teilnehmen. Ebtissam verschleierte sich sorgsam, um nicht auf der Straße attackiert zu werden. "Ein Schock für uns, weil es unter Saddam Hussein egal war, ob du Christ warst oder Muslim."

Eines Abends im Juni 2004 stand ein vermummter Sturmtrupp im Wohnzimmer. Die bewaffneten Männer verlangten nach Geld, nach Schmuck, sie schlugen auf ihren Mann ein, bis er vor den weinenden Kindern zusammenbrach. Die Männer wollten mehr Geld, innerhalb von drei Tagen. Für Ebtissam und Emad hieß das Flucht, so schnell wie möglich. Sie klaubten ihre Habe zusammen, machten die Kinder reisefertig und nahmen ein Taxi – fort aus Bagdad, fort aus dem Irak, nach Westen, nach Syrien. In der Nacht kamen sie in Damaskus an, stiegen vor der Kirche aus. "Schon am nächsten Tag zogen wir in eine freie Wohnung ein", sagt Ebtissam.

Syrien ist ein Land mit rund zehn Prozent Christen, Damaskus eine Stadt voller Kirchen. In der Altstadt um das Bab Tuma, das Thomas-Tor, stehen griechisch-orthodoxe, griechisch-katholische, maronitische, syrisch-orthodoxe und armenische Kirchen dicht beieinander. Dazwischen gestreut Restaurants, Alkoholläden, Friseure, Bademodengeschäfte. Nicht weit von der östlichen Stadtmauer liegt das Haus des Ananias, der vor bald zwei Jahrtausenden den erblindeten Saulus heilte, wonach dieser als Apostel Paulus berühmt wurde. Damaskus – ein Wallfahrtsort der Christen. Auch das Tor, über das Paulus flüchtete, gibt es noch, nur kommt heute niemand mehr durch: Eine griechisch-orthodoxe Kapelle wurde in den Bogen hineingebaut.