Toleranz Willkommen im Club

Die Türken sind ziemlich konservativ. Doch Umfragen in anderen Ländern zeigen: Man befindet sich damit im europäischen Rahmen

Die DVD mit Szenen schwuler Pärchen, die Hollands Einwanderungsministerin Rita Verdonk benutzen will, um die demokratische Toleranz Einbürgerungswilliger zu testen, würde in der Türkei wenig Beifall finden: 60 Prozent aller Türken hätten nämlich etwas dagegen, wenn nebenan ein Homosexueller einzöge. Auch Nacktbadeszenen könnten sich eignen, in Anatolien Abscheu zu erregen – wo sich jeder zweite Türke durch freizügig gekleidete Frauen gestört fühlt.

Das ist jedenfalls zwei repräsentativen Untersuchungen zu entnehmen, die in der Türkei zu heftigem Nachdenken geführt haben. Thema beider Befragungen waren Demokratie, Religion, Frauenrechte und gesellschaftliche Teilhabe. Das Istanbuler Politikforschungsinstitut Ari erprobte einen entsprechenden Fragenkatalog der dritten European Values Study, der schon in 32 europäischen Ländern angewendet worden war, nun erstmals auch an Türken. Eine zweite Erhebung, von der Istanbuler Bosporus-Universität in Auftrag gegeben, ging speziell der Frage religiös-konservativer Einstellungen nach.

Anzeige

Das eindeutige Bild einer islamisch-reaktionären, intoleranten Gesellschaft ergibt sich aus den Umfragen nicht. Allerdings lassen sich viele Angaben ohnehin schwer auf einen Nenner bringen: Man misstraut nichtmuslimischen Religionsgemeinschaften (jeder Zweite möchte keine jüdischen Nachbarn), verteidigt aber mit großer Mehrheit (76 Prozent) das Recht nichttürkischer Minderheiten, ihre Sprache und Kultur zu pflegen.

Widersprüchliches auch zur Rolle der Frau. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau wird von fast 90 Prozent der Befragten bejaht. Dass es aber die Aufgabe der Frau sei, dem Manne zu Hause zu dienen, finden fast drei Viertel. Und jeder vierte Türke hält, »falls erforderlich«, körperliche Gewalt gegen die Ehefrau für gerechtfertigt. Fast 80 Prozent meinen, dass Frauen in wirtschaftlichen Notzeiten zugunsten der Männer auf ihren Arbeitsplatz verzichten sollten – aber eine Mehrheit findet es gut, wenn die Frau zur Haushaltskasse beiträgt.

Wir gehen intoleranten Zeiten entgegen! titelte die liberale türkische Tageszeitung Milliyet erschrocken. Doch der europäische Vergleich der Daten hält Trost bereit: In manch anderen EU-Bürgerköpfen geht es haarsträubender zu. So finden über 90 Prozent der Letten, dass es aller Frauen wahrer Wunsch sei, lieber daheim Kinder großzuziehen, als zu arbeiten. Und die Ungarn konkurrieren mit den Türken um den ersten Platz in Intoleranz: 90 Prozent möchten mit Vorbestraften nichts zu tun haben, 44 Prozent hegen Vorurteile gegen Juden.

Und wie halten es die Türken mit der Demokratie? Es sei die beste aller Regierungsformen, da sind sie mit den EU-Bürgern auf Linie. Aber, bedauert man in Köln und Konya gleichermaßen, die Demokratie ist zur Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung ungeeignet, zumal ihr manchmal die nötige Entschlusskraft fehlt. Teilweiser Gleichklang auch bei der Frage nach der Rolle der Religion in der Politik: Popen und Muftis sollten sich da heraushalten. Die Frage allerdings, ob glaubensfeste Politiker wie Ministerpräsident Erdog˘an von Vorteil seien, bejahen doppelt so viele Türken wie Durchschnittseuropäer. Ähnlich denken nur die erzkatholischen Malteser.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service