Wer Gerald Knaus auf den Fersen bleiben will, darf nicht träge sein. Eben noch wäre der junge Kosmopolit im adretten Anzug bei einem Briefing in Washington anzutreffen gewesen, aber wenig später sitzt er schon wieder, deutlich legerer gekleidet, in einem Teehaus in Zentralanatolien. Dazwischen war noch irgendwas in Brüssel, Berlin oder Skopje, ein Vortrag über die Zukunftsfragen eines Vielvölkerstaats auf dem Balkan wahrscheinlich. Und dann hat Papa Knaus ja auch noch seinen Kindern versprochen, mit ihnen schwimmen zu gehen.

Bei etwas übler Absicht könnte er das Vorbild für die Karikatur eines zerstreuten Wissenschaftlers abgeben: Wie er da mit zerknittertem Sakko und lose gebundenen Schuhbändern gerade ein paar Kilo Papier aus dem Kofferraum des Taxis wuchtet, in der einen Hand die Bonboniere für die Nachbarin, in der anderen Hand das permanent quäkende Mobiltelefon. Doch Gerald Knaus ist weder zerstreut noch ein klassischer Wissenschaftler – noch gibt er Anlass, böswillig sein zu wollen.

"Ich rede zu viel", gibt er zu. Das tut er tatsächlich. Doch ebenso schnell, wie ihm das Eingeständnis entschlüpft, hat er sich geistig behände schon dem nächsten Thema zugewandt. Mit seinen Expertisen fegt er quer durch ein grenzenloses Europa – einen Kontinent, den er mit einer "Denkfabrik der neuen Art" erschließen will. Dazu hat er an einem Ort, der heute noch ein Außenposten ist, sein Hauptquartier aufgeschlagen: in der Türkei.

Rumeli Hisari, wo der 36-Jährige mit Frau und drei kleinen Töchtern lebt, war vor wenigen Jahren noch ein Dorf. Heute ist es ein Vorort von Istanbul, malerisch über dem Bosporus gelegen. Der Weg führt über steile Stufen den Berg hinauf, was den Familieneinkauf nicht einfacher macht. Zum Trost bietet sich hier ein Panoramablick über die Meerenge, von der herauf träge die Schiffssirenen tuten. Und der Bäcker mit den Sesamkringeln geht, wie vor hundert Jahren, mit seiner Ware von Tür zu Tür.

Hier heroben, ganz am Rand der europäischen Kontinentalmasse, sitzt Gerald Knaus immer dann, wenn er nicht gerade anderswo unabkömmlich ist, und dann werkt er an Europa. Er ist Mitgründer der kleinen, aber international renommierten Denkfabrik European Stability Initiative (ESI). Die Mission des Think-Tanks könnte, unzulässig verkürzt, ungefähr so umschrieben werden: das sich ständig vergrößernde Europa suchen, erforschen, und Politikern dabei helfen, sich darin zurechtzufinden.

Knaus selbst müsste, unzulässig verkürzt, wohl am besten als ein Rollenmodell für all jene beschrieben werden, die sich vor diesem neuen und unbekannten Europa nicht fürchten.