Sie nannten sich die "Sarajevo-Generation junger Europäer", und ähnlich anmaßend wie dieser Titel war auch ihr Anspruch. Denn außer der Idee, durch Expertisen die Welt zu verändern, gab es nichts kein Geld, keine Subventionszusagen.
Doch kaum waren ihre ersten Analysen ein Bericht über Montenegro und eine Studie namens Power Structures in Bosnia im Internet erschienen, kam ein Anruf aus Washington. Wenig später saßen die Autoren bereits bei einem Briefing mit den Beratern des damaligen US-Vizepräsidenten Al Gore. "Die Amerikaner haben da viel weniger Berührungsängste", erinnert sich Knaus. "Status ist ihnen egal, solange man etwas zu sagen hat." Nicht nur in den USA wurde sein Rat geschätzt. Ende 2003 spielte der Vordenker beim EU-Beitrittsantrag von Makedonien eine Beraterrolle: "Da wurde ich von Präsident Trajkovski mit einem Auto in Thessaloniki abgeholt, und in einem Lokal in Veles gingen wir noch einmal alle Argumente durch, die er Kanzler Schröder vortragen sollte", erzählt Knaus."Am Ende umarmte mich Trajkovski und versicherte: Wir werden den Antrag stellen."
Mittlerweile ist die ESI von Sarajevo nach Berlin und jüngst weiter nach Istanbul übersiedelt, hat zwölf Mitarbeiter und ein Monatsbudget von 45000 Euro. Das Geld kommt von Regierungen und Stiftungen, aus Skandinavien, Irland, der Rockefeller Foundation, dem deutschen Marshall Fund, der Ersten Bank. Bloß zur österreichischen Politik hat das Institut praktisch "gar kein Verhältnis" obwohl die Hälfte der Mitarbeiter Österreicher sind und obwohl der Balkan immer ganz oben auf der offiziellen außenpolitischen Agenda Österreichs stand. Das mag daran liegen, dass die ESI ein sehr unösterreichisches Produkt ist keine Partei, keine etablierte Seilschaft war an ihrem Erfolg beteiligt, was für einen Staat, dessen Machtelite es gewohnt ist, über das Wohl und Wehe von Initiativen zu entscheiden, schwer zu ertragen sein mag.
Noch dazu, da Knaus und sein Institut einen blinden Fleck ausleuchten. Immer wieder beklagen Politologen und Soziologen, wie selten sich Politik und Medien für ihre Expertise interessierten. Das ist tatsächlich so, doch es hat gute Gründe. Forschung zu den drängenden aktuellen Fragen des südosteuropäischen Raumes wird an Österreichs Universitäten kaum geleistet. Die besten Analysen über die Balkan-Kriege stammen von amerikanischen Journalisten. "Ich verstehe das eigentlich nicht", sagt Knaus. "Irgendwie scheint es der deutschsprachigen Wissenschaft wichtig zu sein, sich nicht mit Praxis zu beflecken."
"Esoterik" nennt Knaus diese Haltung, und sie ist ihm fremd. Wer ihn und seine Kollegen bei der Recherche beobachtet, muss gutes Schuhwerk besitzen: um Interviews und Gespräche auf der Straße zu führen, um Fabrikhallen zu inspizieren, Felder, Ställe und Wasserwerke, um Maschinen, Menschen, Straßenkilometer und Häuser zu zählen, um Tee zu trinken. Nicht dass diese jungen Forscher eine Abneigung gegen Theorie hätten. Doch jede These sei nur etwas wert, sagt Knaus, solange sie beitrage, die Wirklichkeit besser zu verstehen.
Gerald Knaus steht auf dem Hügel über dem Bosporus, bald ist es Zeit, die Töchter aus dem Kindergarten abzuholen. Sie besuchen kein Eliteinstitut für Ausländer, sondern den normalen türkischen Kindergarten in der Nachbarschaft. Wieso auch nicht? Fließend türkisch zu sprechen wird ihnen nützen, wenn die Türkei dereinst ein wichtiger Teil der Europäischen Union geworden ist.