Petra M. lebt die Zukunft der deutschen Klinikärzte. Die 29-jährige angehende Internistin arbeitet als Assistenzärztin bei einer privaten Klinikkette in Berlin – und fürchtet Repressalien, sollte ihr Name in der Zeitung stehen. Sie arbeitet in einem Modellversuch im Drei-Schichten-Betrieb: acht Stunden morgens, acht abends oder acht nachts. So kommt sie auf eine 40-Stunden-Woche – sieht man von den ein bis zwei Stunden ab, die sie jeden Tag länger bleibt, um die Kassenbürokratie abzuwickeln. Dafür bekommt sie rund 3000 Euro brutto pro Monat. Ein Arzt steht am 16.03.2006 im Universitätsklinikum in Bonn in einem leeren Flur vor einem Operationssaal. In mehreren Universitätskliniken sind hunderte Ärzte in einen unbefristeten Streik getreten. BILD

Eigentlich hat Petra M. damit erreicht, was die seit Mitte März streikenden Klinikärzte immer wollten: geregelte Arbeitszeiten und ein Ende der Endlosdienste. Dumm nur, dass ihr dadurch auch weit weniger Gehalt bleibt. Denn als Schichtarbeiterin kann sie keine Zusatzdienste mehr schieben, für die sie früher ordentlich Zulagen eingestrichen hat. Abgesehen davon ist sie jetzt sogar häufiger in der Klinik als ihre Kollegen im Bereitschaftsdienst – die bleiben zwar schon mal 24 bis 30 Stunden am Stück, gehen aber auch länger nach Hause.

»Ich verdiene nur minimal mehr als eine Krankenschwester«, klagt Petra M. »Das Gehalt hat auch etwas mit Wertschätzung zu tun.«

Mehr Wertschätzung fordern auch die anderen Berufsanfänger, die derzeit bundesweit per Arbeitskampf versuchen, ihr Grundgehalt aufzubessern: 30 Prozent Tarifzulage stehen auf der Wunschliste. Was auf den ersten Blick unerhört klingt, ist in etwa das, was heute faktisch über Bereitschaftsdienste hereinkommt. Der Hintergrund: Zum 1. Januar 2007 drohen allen jungen Klinikärzten ähnliche Arbeitsbedingungen wie Petra M., greifen doch spätestens dann die neuen Arbeitsschutzbestimmungen der EU. Mit einem geregelten Schichtbetrieb gehen aber auch viele Zusatzverdienste verloren.

Die aber sind für junge Ärzte meist sehr wichtig. Der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) zufolge, dem Spitzenverband aller Krankenhausträger, verdient ein 31-jähriger lediger Assistenzarzt heute nach Tarif 43000 Euro. Mit Bereitschaftsdiensten kommt er auf 55000 Euro. Ein 45-jähriger Oberarzt mit Familie und zwei Kindern erhält 68500 Euro Grundgehalt; Rufbereitschaft und die Beteiligung am Topf der Einnahmen von Privatpatienten erhöhen es auf 92000 Euro. Die echten Großverdiener sind die Chefärzte: Zwar liegt ihr Grundgehalt kaum höher als das der Oberärzte – dafür fließen aber 200000 Euro von Privatpatienten zu. »Und dieser Wert ist noch konservativ gerechnet«, sagt ein DKG-Sprecher. »Bei Kardiologen und Chirurgen bleibt oft auch eine Million Euro hängen.« Zwischen dem Chef und seinen Mitarbeitern klafft also eine erhebliche Einkommenslücke.

»Die Lohnspreizung entspringt nicht dem Leistungsprinzip, sondern spiegelt allein das äußerst starke Hierarchiegefälle im Krankenhaus wider«, kritisiert Boris Augurzky, Gesundheitsökonom am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen. Auch Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Ärzteverbands Marburger Bund, sieht Millionengehälter in seiner Zunft mit Skepsis. Dass neben Assistenzärzten auch die Chefärzte 30 Prozent mehr Grundeinkommen erhalten sollen, ist für ihn aber selbstverständlich.

Nicht nur Ökonomen wie Augurzky lassen solche Forderungen kopfschüttelnd zurück. Auch die Arbeitgeber verspüren wenig Lust, die Gehälter an der Spitze anzuheben: »Oberärzte und leitende Ärzte verdienen nach wie vor hervorragend«, sagt Ulrich Konstantin Rieger, Geschäftsführer der Tarifgemeinschaft deutscher Länder, die die Verhandlungen mit den Uniklinikärzten führt. »Wie soll die Politik da vor den Bürgern eigentlich solche Gehaltssprünge rechtfertigen?«

Lässt man den Chefs die Privilegien und stockt auch noch die Grundgehälter aller Klinikärzte auf, fehlen nach Berechnungen des RWI und der Kölner Unternehmensberatung Admed bundesweit rund drei Milliarden Euro. Die Kliniken haben aber schon heute kaum noch Geld. Der Untersuchung zufolge würde jede dritte in die Schuldenfalle rutschen. Als Ausweg bliebe den Kommunen nur der Verkauf an private Träger – oder die Schließung. Die Alternative: Die Patienten zahlen. Um das Grundeinkommen aller Krankenhausärzte um 30 Prozent aufzustocken, so die Studie, müsste jeder Arbeitnehmer einen 0,3 Prozentpunkte höheren Krankenkassenbeitrag zahlen. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) sprach am Montag gar von zehn Milliarden Euro und einem Prozentpunkt – das aber unter großzügiger Berücksichtigung aller Ärzte, also auch der niedergelassenen.