Bundeswehr Esel, Fahrräder und andere Bomben
Die Gefahr für deutsche Soldaten in Afghanistan wächst. Gleichzeitig bekommen sie neue Probleme: Mohnanbau und Warlords
Kabul, Kundus
Lustlos schiebt der Bundeswehrsoldat die Gabel unter die Spaghetti bolognese. Die Arme hat er um den Teller gelegt wie ein Warndreieck. Kein Gesprächsbedarf, signalisiert die Körpersprache. Es braucht eine besonders naive Frage, damit er dem Journalisten schließlich doch den Kopf zudreht.
»Nein«, sagt er. Natürlich könne man nicht mal abends raus aus dem Lager. Sich Kabul ansehen, ein Bier trinken? Das sonnengerötete Gesicht verzieht sich. »Ohne klaren dienstlichen Auftrag würde ich niemals das Camp verlassen. Nicht freiwillig.«
Aber warum nicht? Es wirkt so ruhig da draußen.
Der Soldat legt die Gabel beiseite.
»In Deutschland bekommt ihr doch nur zehn Prozent dessen mit, was hier in Afghanistan passiert. Ist vielleicht auch gut so.«
Immerhin bekommen die Deutschen mit, dass der Oberste Gerichtshof Afghanistans dem zum Christentum übergetretenen ehemaligen Muslim Abdul Rahman die Todesstrafe androhte. Für eine solch menschenverachtende Rechtsordnung schickt Deutschland Soldaten und Millionen Euro an den Hindukusch?, empört sich da manch einer. Riskieren Deutsche etwa dafür ihr Leben?
»Europa wird sich an Bodybags gewöhnen müssen«
Der Auftrag der Soldaten ist freilich ein ganz anderer: Sie sollen Afghanistan einen Weg in die Gemeinschaft demokratischer, rechtsstaatlicher Länder ebnen. Und dafür werden sie, Rahman-Diskussion hin oder her, künftig nicht weniger, sondern mehr Risiken eingehen müssen. Laut Nato-Plan übernimmt die Bundeswehr in den kommenden Monaten die faktische Kontrolle über ein Viertel des Landes. Mehrere hundert Soldaten werden dafür zusätzlich an den Hindukusch geschickt – und ihre Mission verspricht nicht leichter, sondern schwieriger zu werden. Denn die USA verlieren allmählich die Lust, die Drecksarbeit des Kampfes gegen die Taliban allein zu machen.
Kabul, Hauptstadt, Grenzstadt. Nördlich der Millionenkapitale herrscht mit 9000 Soldaten die Nato-geführte Isaf-Stabilisierungstruppe und um sie herum weitgehend Frieden. Südlich von ihr herrscht mit 19000 Soldaten die US-geführte Operation Enduring Freedom und um sie herum weitgehend Krieg. Im Norden, noch gröber gesagt, leistet Europa Entwicklungshilfe, im Süden jagt Amerika Terroristen. Doch mit dieser Arbeitsteilung dürfte es bald vorbei sein. Die Stabilisierungsmission Isaf weitet im Lauf dieses Jahres ihr Mandatsgebiet in den Südwesten aus. Ihre Truppen werden um bis zu 6000 Mann aufgestockt, während die Amerikaner 2500 abziehen wollen. Die Bundeswehr erhält das Kommando über den gesamten Nordsektor, eine Fläche halb so groß wie Italien. Dafür hat der Bundestag die Obergrenze des Kontingents von 2250 auf 3000 Soldaten angehoben. Unbehagen bereitet manch einem Bundeswehrangehörigen das Kleingedruckte im Parlamentsbeschluss vom vergangenen September. Sollten »Unterstützungsmaßnahmen zur Erfüllung des Isaf-Gesamtauftrags unabweisbar sein«, steht da, könnte die Bundeswehr auch in anderen Landesteilen eingesetzt werden. Sprich: Aus den Aufbauhelfern könnten Kombattanten werden.
Diese Sogwirkung fürchtet nicht nur der Soldat in der Kantine. Schon jetzt, sagt er, hätten er und seine Kameraden Angst, zusammen mit amerikanischen GIs in Kabul auf Streife zu gehen. »Die Bevölkerung mag die Amerikaner nicht«, bestätigt ein portugiesischer Offizier während einer Patrouillenfahrt durch die Stadt, »sie werden am häufigsten angegriffen.« Am Straßenrand strecken Kinder dem Jeep erhobene Daumen entgegen. »Gegen die Amerikaner werfen sie Steine.«
220 Soldaten haben die USA seit der Invasion im Oktober 2001 in Afghanistan verloren. Das klingt im Vergleich zum Irak nach einer kleinen Zahl, ist es aber nicht. Im Irak starben 2300 US-Soldaten, aber dort stehen auch insgesamt 130000 Soldaten. Damit ist das Risiko für Soldaten am Südhang des Hindukuschs statistisch nicht wesentlich kleiner. Das mag ein Grund dafür sein, warum amerikanische Nato-Diplomaten die schleichende Verschmelzung der Aufträge lieber als »Synergie« beschreiben. Die Bundeswehr müsse auch zu »robusteren Missionen« im Süden Afghanistans bereit sein, fordert ein ranghoher US-Vertreter im Brüsseler Hauptquartier. »Machen wir uns nichts vor«, sagt ein anderer, »aus der Isaf wird eine Kampftruppe. Europa wird sich an Bodybags gewöhnen müssen.«
Doch selbst wenn sich die Bundeswehr amerikanischer Begehrlichkeiten erwehren kann – die Terroristen wird sie sich kaum vom Leib halten können. Auch in ihrem angestammten Mandatsgebiet im Norden wird das Klima rauer. Noch wohnen die Soldaten des Provincial Reconstruction Team (PRT) in Kundus im »gemütlichsten Feldlager, das die Bundeswehr zu bieten hat«, wie einer von ihnen verschmitzt bemerkt. Zwischen den Wohncontainern sprießen Mandelbäumchen, Holzstege führen durch verwinkelte Gässchen in den Biergarten »Lummerland«. Mit dem landestypischen Mudschahedin-Schal um den Hals und der Gelassenheit von Dauercampern auf dem Gesicht verströmt manch ein Offizier hier eher das Flair einer Friedensfachkraft als den Ruch des Kämpfers.
- Datum 30.03.2006 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 30.03.2006 Nr.14
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Sorry Herr Bittner, so sehr ich ihre anschaulichen Kommentare schaetze, diesmal zaeumen sie das Pferd von hinten auf!
Nachdem nun einmal die afghanische Verfassung verabschiedet wurde, in der ausdruecklich steht, dass Afghanistan islamisch und die Gesetze nicht im Gegensatz zum Islam stehen duerfen, hat die Bundeswehr in Afghanistan nichts mehr zu suchen!
Mir ist kein islamischer Staat bekannt, in dem eine Ordnung herrscht, die dem nahe kaeme, was man Demokratie nennen duerfte!
Und sie glauben ernsthaft, dass unsere Bundeswehr ausgerechnet in Afghanistan, in dem der Premier nur als Buergermeister von Kabul verspottet wird, der sich durch mehrere Staffeln schwer bewaffneter Sicherheitsmaenner schuetzen lassen muss, um nicht in baelde ein Loch zuviel im Kopf zu haben, ausgerechnet im Land der "warlords", der Clans, des Heroinanbaus, des Schmuggels, der unwegsamen Gebirge, da soll unsere Bundeswehr mithelfen, eine Demokratie aufzubauen!
Demokratie in Afghanistan koennte darueberhinaus sehr schnell in Konflikt geraten mit der afghanischen Verfassung!
Und damit sind selbst die wohlgeschulten und disziplinierten Bundeswehrsoldaten bei weitem ueberfordert!
Erst muss die afghanische Verfassung geaendert werden!
Dann vielleicht, aber nicht so!
Wer sich freiwillig in den per definitionem unendlichen Antiterrorkrieg oder den "War on drugs" einbinden lässt, der nimmt dabei Schaden. Bisher werden die Europäer, insbesondere wir Deutsche, in Afghanistan noch als die Leute verstanden, die es ehrlich meinen. Sollte die Bundeswehr auch nur dem Anschein nach in den Krieg gegen Terror und Drogen hineingezogen werden, dann verliert die Aufbauarbeit jeden Sinn, dann werden die Soldaten zum Kriegsgegner. Dafür gibt es keine Geschäftsgrundlage.
Wie muss man sich die Situation vorstellen. Die Clans, die vom Drogenhandel und Anbau leben, werden sich kaum ohne Gegenwehr ihre einzig profitable Lebensgrundlage nehmen lassen. Warlords gibt es sowohl auf Kazais Seite als auch auf Seiten anderer Mächte. Die richten sich nach dem jeweils besten Angebot, wie z.B. der notorische "General" Dostum.
Ehrlich gesagt, mir ist wurst, ob Kazai oder ein anderer dem grossen Rat vorsitzt und mir ist auch wurst, ob dort ein ideales
demokratisches System installiert werden kann, solange die
Afghanen erkennen, mit welchen aktiven Schritten sie
mehr Lebensqualität und Lebenschancen für sich verwirklichen.
Ob Amerikaner und Briten dort noch allzu viel dazu beitragen, wage ich zu bezweifen. - Da geht es um zu viele andere Gesichtspunkte (Stützpunkte, Strategie, "Drogenkrieg").
Weil das so ist, führen die Konfliktparteien einen höchst schmutzigen Abnutzungskampf mit einem Haufen Kollateralschäden.
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