Kino Automaten statt Granaten

»Basic Instinct 2« oder vom Niedergang der Hollywood-Blondine

Die Oscar-Gewinnerin Reese Witherspoon organisiert ihre Ehe so umsichtig wie ihre Millionen-Dollar-Karriere. Mit Cameron Diaz könnte man nach dem Strandlauf bestimmt gut ein paar Dosen Bier kippen. Kirsten Dunst zeigt sich auf dem roten Teppich auch schon mal ungeföhnt, und Gwyneth Paltrow ist zufrieden mit den paar Pfund, die sie nach ihrer ersten Schwangerschaft zugelegt hat. Sie sind so normal, dass es beinahe wehtut, die Blondinen des zeitgenössischen Kinos – und morgen sowieso schon von gestern oder ins brünette Lager gewechselt. Als ob sie nicht wüssten, dass mit einer sehr hellen Haarfarbe eine große Verantwortung einhergeht.

Wahrscheinlich waren Hollywoods Blondinen früher nicht echter als heute – aber sie nahmen ihren Job ernst. Wasserstoffperoxid heißt die Substanz, die den Haaren diese irisierende Leuchtkraft verleiht, »ätzend« und »brandfördernd«. Wie die Kino-Diven, die sich damit, nicht nur für diese Saison, sondern für ein Leinwandleben, eine Aura gaben. Jean Harlows Haare standen um ihren Kopf wie ein Heiligenschein, aber mit ihren Kurven und dem losen Mundwerk wurde sie zur blonde bombshell, zur blonden Granate. Blondinen konnten abgebrüht sein wie Mae West, geheimnisvoll und autark wie Marlene Dietrich, schicksalhaft erotisch wie Lana Turner . Es gab eine Zeit, in der Hollywoods große Blondinen überallhin kamen, bloß nicht in den Himmel. Eine Zeit, in der sie nicht nur bevorzugt, sondern ernst genommen wurden. Jedenfalls hätte keiner Blondinen-Witze erzählt über Mae West. Sie war es, die Witze über andere machte.

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Doch irgendwann in den fünfziger Jahren, mit Kim Novaks Eiskrem-Look, mit der soignierten Grace Kelly, bei der man nie so genau wusste, ob da wirklich etwas »brodelte«, vor allem aber mit den »Busenwundern« im Gefolge von Jayne Mansfield, begann der Abstieg eines Erfolgsmodells. Das neue Hollywood-Kino war von Brünetten geprägt; die Farbe Blond geriet in Verruf. Nicht so wie in den Zwanzigern, nicht als Farbe des Verruchten, der Verführung. Sondern als Farbe der Dummheit. Sie wurde fortan dem übersexten, unterkomplexen, ewigen Nebenbuhlerinnen angehängt, dem bimbo, dem Baywatch-Babe.

In den Achtzigern, immerhin, gab es Versuche, der Blondine wieder Feuer unterm wohlgeformten Hintern zu machen. Da waren, auf der guten Seite, Kim Basinger und Michelle Pfeiffer, die zwar nur aschblond daherkam, aber wusste, wie man sich auf einem Klavier räkelte. Und natürlich Sharon Stone. Auf jeden Fall die Einzige, die mit einem Verhalten durchkam, das für die Heroinen der klassischen Hollywood-Ära typisch war. In Paul Verhoevens Basic Instinct, einem Film, der heftig gehasst wurde, aber als Pop-Monument überlebt hat, verkörperte sie die letzte, jawohl: phallische Blondine. Das Besondere an dieser Figur, einer Krimischreiberin namens Catherine Tramell, war nicht nur ihre erotische Anziehungskraft. Sie fiel aus der Rolle, weil sie sich alles nahm wie ein Mann: Tramell war prominent, reich und promisk, sie trank, kokste, rauchte – auch in der Nichtraucherzone – und fuhr ihren Sportwagen schneller, als Michael Douglas den Zündschlüssel drehen konnte.

Man konnte dieser Catherine Tramell schon damals die Anstrengung ansehen, die es brauchte, den Cocktail namens »Blondes Gift« anzurühren – gerade in der notorischen Szene des Originals, in der sie uns einen eigentlich doch mehr geahnten Blick auf ihre Scham werfen ließ. Erst recht hat die Kampagne, mit der nun das Sequel von Michael Caton-Jones ins Kino gebracht wird, etwas Bemühtes: mit all den Aufnahmen, die ein babyglattes Gesicht, eine künstlich verlängerte Haarfülle und einen übermenschlich fit gehaltenen Body in Szene setzen. Stones neue Catherine Tramell wirkt fast automatenhaft – darauf programmiert, die Beine im perfekten Winkel auf der Couch zu platzieren, den Brustansatz in die Kamera zu hieven, zu lächeln, ohne ein Fältchen zu erzeugen. Kurz: Sie ist so damit beschäftigt, gut auszusehen, dass sie nicht dazu kommt, böse zu sein. Tramell hat ihre Autonomie verloren – die Dinge scheinen ihr jetzt eher zuzustoßen. Ihr Psychiater mutmaßt, sie schwanke zwischen »gottähnlicher Allmacht« und dem »Gefühl, überhaupt nicht mehr zu existieren«. Vielleicht liegt hier das Problem der Blondine: Sie ist im Verschwinden begriffen, ihre Erscheinung löst sich auf im Rauschen der Moden und Stile. Blondsein ist bloß eine Image-Option unter anderen. So wie der Eigensinn und die Allüren der fatalen Blonden von jeder einigermaßen informierten zeitgenössischen Frau als »Zicken-Faktor« ins eigene Persönlichkeitsprofil integriert wurden. Man könnte im Zusammenhang mit dem Bild der Hollywood-Blondine sogar von einer Art »repressiven Entsublimierung« sprechen. Was jede darf, macht keinen mehr heiß.

 
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