Mein fiktiver Freund F. lebt im Dunkeln. Die Jalousien seiner Wohnung sind Tag und Nacht geschlossen. Auf dem Boden des Arbeitszimmers stapeln sich Pizzakartons. Der Schreibtisch verschwindet unter Coladosen und halb leeren Chipstüten. Irgendwo am rechten Rand befindet sich ein leeres, krümelfreies Quadrat, in dem die optische Maus hin und her wandert. Am frühen Nachmittag steht F. auf und nimmt in Begleitung einer Tasse Pulverkaffee vor dem Bildschirm Platz. Dort verharrt er in gekrümmter Haltung, von wenigen Ausflügen ins Bad oder zum Kühlschrank unterbrochen, bis er in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages mit geröteten Augen auf sein zerwühltes Lager sinkt. Mein Freund F. ist ein Neandertaler des Informationszeitalters.

Die Hälfte seiner Zeit verbringt F. in einer Welt, in der die Menschen weitgehend staatsfrei zusammenleben. Dort gibt es keine Hierarchien, kaum Gesetze, keine Polizei. Die Menschen interessieren sich nicht für Äußerlichkeiten. Gesellschaftlicher Status oder Kleidermoden sind ihnen fremd. Was zählt, sind geistige und handwerkliche Fähigkeiten sowie die Bereitschaft, an einer gemeinsamen Sache mitzuarbeiten. Notwendige Arbeitsteilung wird nicht mit Hilfe eines Geldsystems organisiert, sondern nach dem Tauschprinzip. Die Angehörigen dieser Gesellschaft tragen keine Baströckchen oder Perlenketten. Sie tragen Kopfhörer und Kassengestell. Ihr Land befindet sich auch nicht auf einem Atoll im Südpazifik, sondern mitten im Herzen des Turbokapitalismus. Am Nabel des technischen Fortschritts. An den Schaltstellen der hoch zivilisierten, postindustriellen, globalisierten Welt. Und trotzdem so weit weg, dass es von Generationsethnologen und Zeitgeistforschern selten betreten wird.

Genau genommen handelt es sich weniger um ein Land als um ein Selbstverständnis. Seine Anhänger nennen es »Open Source«. Wenn sich mein Freund F. mit dem Schreibtischstuhl herumdreht, um über dieses Thema zu sprechen, entfaltet sich eine zu hundert Prozent religionsfreie Weltanschauung, von deren Reichweite die transzendental obdachlose Gesellschaft jenseits der geschlossenen Jalousien nicht einmal zu träumen wagt.

Das oberste Gebot der Open-Source-Idee sieht auf den ersten Blick weniger wie eine ethische Überzeugung als eine technische Richtlinie aus: Der Quellcode (source code), also der von Menschen lesbare, in einer Programmiersprache verfasste Text eines Computerprogramms, darf nicht geheim gehalten werden; er muss jedem Interessierten offen stehen. Um zu erklären, was Software-Lizenzen mit Gesellschaftsordnung zu tun haben, beginnt F. nicht anders als die Bibel am Ausgangspunkt der Ereignisse, soll heißen: im Paradies.

Als die ersten Bäume im Garten Eden gepflanzt wurden, war Freund F. noch nicht einmal geplant, geschweige denn geboren. In den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts begannen Computerbesessene in den USA, an einer technischen Revolution zu arbeiten. Am Massachusetts Institute of Technology (MIT) entwickelten die beteiligten Experten neben Programmen für Großrechner eine neue Identifikation, die unter dem Dach des Begriffs »Hacker« ein terminologisches Zuhause fand. Bevor der Ausdruck unter die Räder des Alles-ist-schrecklich-Diskurses geriet, bezeichnete er keineswegs einen Computerkriminellen, der die Sicherheitssysteme privater Unternehmen oder öffentlicher Einrichtungen knackt. Gemeint war vielmehr ein Programmierer, der sich beim Umgang mit den gewissermaßen im Minutentakt auftauchenden Problemen einer bestimmten Methode bedient.

Und die funktioniert so: Ein Hacker definiert ein technisches Ziel, das mit Hilfe eines noch zu schreibenden Programms erreicht werden soll. Er gibt das Ziel und die entstandenen Schwierigkeiten gemeinsam mit einem ersten Lösungsansatz allgemein bekannt. Die Angesprochenen erhalten sämtliche Informationen, die zum Lösungsversuch geführt haben, und somit das Recht, die erstmalig verbreitete Version des Programms zu benutzen, zu testen und weiterzuentwickeln. Mit diesem Recht geht die ungeschriebene Verpflichtung einher, den Quellcode der ursprünglichen Lösung sowie alle darauf basierenden Verbesserungsvorschläge ebenfalls frei zugänglich zu machen. Auf diese Weise wird Schritt für Schritt und unter Ausnutzung einer Ressource, die sich als kollektive Kreativität bezeichnen ließe, ein optimiertes Resultat erreicht. F. bekommt rote Backen, wenn er nur daran denkt.

Neuartig daran ist nicht das Arbeitsverfahren selbst. Das Prinzip offener Quellen und freien Gedankenaustauschs regiert von jeher das akademische Leben. Die zeitliche und intellektuelle Begrenztheit jedes Einzelnen macht Zusammenarbeit mit anderen zu einer zwingenden Voraussetzung des wissenschaftlichen Fortschritts. Grund für rote Backen bietet eine kleine, aber feine Besonderheit: In der Welt der Universitäten und Forschungsinstitute ist das Ideen-Sharing für gewöhnlich so lange frei, wie es sich im präökonomischen Stadium des reinen Erkenntnisstrebens bewegt.

Das Programmieren von Software hingegen ist weniger Wissenschaft als Technik. Es geht nicht um Erkenntnis, sondern um die Entwicklung von Erzeugnissen, die sich – quod erat demonstrandum! – durchaus für die marktwirtschaftliche Verwertung eignen. Aus den »optimierten Resultaten«, die mit Hilfe der Open-Source-Methode gewonnen wurden (und werden), ist nicht nur eine Epochenwende, sondern auch ein milliardenschwerer Wirtschaftszweig hervorgegangen. Anders gesagt: Auf der Spielwiese der Hacker geht es eigentlich um Geld. Um verdammt viel Geld. Ökonomische Verwertbarkeit aber verlangt nicht »Offenheit«, sondern genau das Gegenteil: Sie bedarf der Verknappung von Ressourcen. Was allgemein zugänglich ist, besitzt keinen monetären Gegenwert. Trotzdem wurden der Personal Computer, das Internet, die ersten Betriebssysteme, Webbrowser und Computerspiele nicht in schalldichten Kammern von wenigen, zur Geheimhaltung verpflichteten Spezialisten erfunden. Sie entstanden unter den Händen von Hackern, das heißt: aus offener Kooperation.

Freund F. kennt drei Gründe für dieses Phänomen. Eins: In einem hierarchisch strukturierten und kontrollierten Arbeitsverfahren wären die umwälzenden Entwicklungen gar nicht zustande gekommen – oder jedenfalls nicht in so kurzer Zeit. Zwei: Die Computerindustrie unterschätzte die potenzielle Marktfähigkeit von Software. Als Stellvertreter eines flächendeckenden Irrtums fragte der Vorstandsvorsitzende von Digital Equipment Corporation noch im Jahr 1977: »Warum sollte irgendjemand einen Computer zu Hause haben wollen?« Diese Fehleinschätzung überließ das Feld für einen langen Zeitraum den freischaffenden Enthusiasten.

Drei: F. zeigt auf seine schlecht sitzende Hose, die fehlende Frisur und das ganze, unaufgeräumte Zimmer, in dem es verdächtig nach Randgruppe riecht. Die vielleicht wichtigste Ursache für das Funktionieren der Open-Source-Gemeinde besteht in der Existenz von Typen wie ihm.

Denn F. interessiert sich nicht für Geld. Dieser harmlosen Aussage wohnt ein so hoher Skandalwert inne, dass F. gleich prophylaktisch mit der Entkräftung eines Vorurteils beginnt: Er ist keineswegs im Hauptberuf Sohn, im Nebenberuf Student und in der Freizeit arbeitslos. Als Requisiten eines gesellschaftsfähigen Lebens kann er feste Freundin, Kinderwunsch und Steuererklärung vorweisen. Mit Programmieren verdient er, was er zum Leben braucht. Er könnte jedoch noch viel mehr verdienen, wenn er nicht einen Großteil seiner Zeit in Projekte investieren würde, für die er kein Geld bekommt. Zum Beispiel in die Entwicklung von Kword, einem freien Textverarbeitungsprogramm für die Benutzeroberfläche KDE. Seine Mitstreiter, mit denen er täglich im Internet kommuniziert, sind von Beruf Systemadministratoren, Informatiker oder Grafiker, manche auch Lehrer, Werbetexter, Schüler oder Studenten. Auf die Frage, was sie dazu treibt, bis zu sechs Stunden täglich einer unbezahlten Beschäftigung zu widmen, antworten sie: fun and world domination in sight. Der unverzichtbare Smiley hinter dieser Äußerung ist deutlich zu hören. Was andere »Arbeit« nennen, ist für den Hacker eine Mischung aus Vergnügen und guter Sache. Er hat Spaß am Knobeln, an gelingender Kommunikation und gegenseitiger Bestätigung. Und er geht davon aus, dass Gerechtigkeit in einer Wissensgesellschaft den freien (also: kostenlosen) Zugang zu Informationen verlangt. Deshalb wird die künstliche Verknappung von leicht reproduzierbaren Informationen abgelehnt. Monopole wie Microsoft, die durch die Geheimhaltung von Quellcodes ein Vermögen verdienen, stellen ein Feindbild dar. Die Ausbreitung des konkurrierenden freien Betriebssystems Linux wird als gemeinsamer Erfolg gefeiert.

Die Konsequenzen dieser Einstellung sind von erheblicher Reichweite. Der Hacker kündigt einem Dogma die Gefolgschaft, das im Gewand eines harmlosen Sprichworts als heimliche Königin unsere Gesellschaft beherrscht: Zeit ist Geld. Das herkömmliche Verständnis von Arbeit sieht vor, dass ein Mensch seine Zeit an Interessierte verkauft, indem er seine Dienste anbietet oder ein Produkt herstellt. Dafür bekommt er Geld, das er wiederum in Güter investieren kann, die eine Verkörperung der Arbeitszeit anderer Menschen darstellen. Und so fort.

Notwendige Schubkraft erhält der Kreislauf durch den bewussten oder unbewussten Glauben, bezahlte Arbeit sei mehr als notwendiges Übel – nämlich eine Art heiliger Bürgerpflicht. In seinem Aufsatz Die protestantische Ethik und der »Geist« des Kapitalismus führt der Soziologe Max Weber diese Mentalität auf eine protestantische Auffassung zurück, nach der diesseitiger ökonomischer Erfolg als sicheres Zeichen für Gottes Gnade gelten darf. Wer so denkt, arbeitet nicht nur für Brötchen, sondern auch für Seelenheil und damit für einen Platz inmitten derer, die alles richtig machen. Zwar zählt heutzutage wohl niemand mehr Gottes Liebe am Inhalt seines Geldbeutels ab. Häufig jedoch überleben die alltäglichen Fernwirkungen religiöser Lehren ihren eigenen Ursprung. Fünfhundert Jahre nach der Reformation spielt man hierzulande nicht Tennis, sondern »arbeitet« an seiner Rückhand. Und wer seinen Job verliert, fürchtet nicht nur finanzielle Probleme, sondern soziale Degradierung und Isolation, kurz: den Verlust einer ganzen Existenz.

Indem mein Freund F. bei seiner Tätigkeit das Lustprinzip über das Erwerbsprinzip stellt, betreibt er die Re-Individualisierung seiner wichtigsten, nicht erneuerbaren Ressource: Lebenszeit. Das hieraus resultierende Selbstverständnis ist nicht computergebunden. Zwar wecken Computer offensichtlich auf magische Weise den Spieltrieb im Menschen. Dennoch kann auch Hacker sein, wer kaum in der Lage ist, einen Monitor von einer Mikrowelle zu unterscheiden.

Vordenker der Open-Source-Bewegung wie Linus Torvald, geistiger Vater von Linux, wie der finnische Philosoph Pekka Himanen und der amerikanische Soziologe Manuel Castells subsumieren unter dem Hacker-Begriff einen Menschentypus, der Geld zusehends durch andere Kommunikationsmittel ersetzt und seinen Handlungen »Unterhaltung« als höchstes Ziel voranstellt – wobei Unterhaltung in diesem Sinn weniger mit PlayStation2 als mit dem Komponieren von Klaviersonaten oder dem Entwickeln quantenphysikalischer Theorien zu tun hat. Der Hacker ist in einem Umfeld glücklich (und effektiv!), in dem hierarchische und soziale Kontrollmechanismen von individuell-selbstregulativen Organisationsformen abgelöst werden.

Dass die Dynamik der Open-Source-Methode nicht nur in der Software-Welt wirkt, lässt sich an Phänomenen wie der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia beobachten. An ihr arbeiten Tausende von Menschen aus allen Lebensbereichen, durch nichts verbunden als durch einen Internet-Zugang und den Wunsch, gemeinsam die größte Wissenssammlung der Welt zu erschaffen. Sie ignorieren die Tatsache, dass es die Wikipedia nach unserem gängigen Menschenbild gar nicht geben dürfte. Spätestens seit den Lehren von Thomas Hobbes gehen wir davon aus, dass homo homini lupus est und dass dieser raffgierige und zerstörungswütige Wolf im Menschenpelz kontrollfreie Räume dazu nutzt, um den Krieg aller gegen alle vom Zaun zu brechen.

Mit einer kleinen Hand voll Wiki-Skandalen, die in den letzten Monaten das öffentliche Interesse weckten, scheinen sich die Medien um eine Bestätigung dieser These zu bemühen. Ein paar spaßig gemeinte Falscheinträge in einem Lexikon, das jedem Interessierten offenen Zugang bietet, keine Online-Polizei kennt und allein im deutschen Raum inzwischen fast 400000 Kapitel umfasst, können jedoch kaum darüber hinwegtäuschen, dass die auf Goodwill, Selbstreinigung und autonome Regulierung setzende Wikipedia vor allem eins tut: Sie funktioniert.

Bevor mein Freund F. die Kopfhörer wieder aufsetzt und sich dem Bildschirm zuwendet, lässt er sich zu einer Prognose hinreißen. Der Erfolg von Open-Source-Produkten und ihren Entwicklern wird die dazugehörige Arbeitsmethode Schritt für Schritt in wirtschaftliche Unternehmen hineintragen. Irgendwann wird die Welt begreifen, dass sie nicht von Gerechtigkeit faseln und gleichzeitig Information als den einzigen unerschöpflichen Rohstoff unserer Zeit nach dem Eisberg-Prinzip verteilen kann: Die kleine Spitze hält den großen Rest unter Wasser.

Eine Gesellschaft aus Individualisten wird freie Zeiteinteilung, Selbstorganisation und Vertrauen in den Kooperationswillen ihrer Mitglieder zu ihren Grundpfeilern erheben müssen, wenn sie sich und ihr Wirtschaftssystem im Gleichgewicht halten will. Sie wird lernen, das bislang kaum erforschte Potenzial zu nutzen, welches in der Open-Source-Methode und ihren Anhängern liegt. In Endlichkeit, Amen.

Während ich F.’s gekrümmten Rücken betrachte, esse ich die letzte Chipstüte leer. So also sieht ein Bewohner der Insel der Seligen aus. Höchstwahrscheinlich werden Typen wie F. die Welt nicht in einen Paradiesgarten verwandeln. Aber jedenfalls haben Menschenbilder und gesellschaftliche Visionen die Angewohnheit, die Bühne des Geschehens in seltsamen Gewändern und von unerwarteter Seite zu betreten. Allein das ist schon ein Grund für rote Backen. Und für ein bisschen mehr Menschenliebe.

Die Schriftstellerin Juli Zeh, geboren 1974, wurde bekannt durch ihre Romane »Adler und Engel« und »Spieltrieb«. Letzterer wird derzeit als Schauspiel in Hamburg aufgeführt