Open Source Es werde LinuxSeite 3/3
Dass die Dynamik der Open-Source-Methode nicht nur in der Software-Welt wirkt, lässt sich an Phänomenen wie der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia beobachten. An ihr arbeiten Tausende von Menschen aus allen Lebensbereichen, durch nichts verbunden als durch einen Internet-Zugang und den Wunsch, gemeinsam die größte Wissenssammlung der Welt zu erschaffen. Sie ignorieren die Tatsache, dass es die Wikipedia nach unserem gängigen Menschenbild gar nicht geben dürfte. Spätestens seit den Lehren von Thomas Hobbes gehen wir davon aus, dass homo homini lupus est und dass dieser raffgierige und zerstörungswütige Wolf im Menschenpelz kontrollfreie Räume dazu nutzt, um den Krieg aller gegen alle vom Zaun zu brechen.
Mit einer kleinen Hand voll Wiki-Skandalen, die in den letzten Monaten das öffentliche Interesse weckten, scheinen sich die Medien um eine Bestätigung dieser These zu bemühen. Ein paar spaßig gemeinte Falscheinträge in einem Lexikon, das jedem Interessierten offenen Zugang bietet, keine Online-Polizei kennt und allein im deutschen Raum inzwischen fast 400000 Kapitel umfasst, können jedoch kaum darüber hinwegtäuschen, dass die auf Goodwill, Selbstreinigung und autonome Regulierung setzende Wikipedia vor allem eins tut: Sie funktioniert.
Bevor mein Freund F. die Kopfhörer wieder aufsetzt und sich dem Bildschirm zuwendet, lässt er sich zu einer Prognose hinreißen. Der Erfolg von Open-Source-Produkten und ihren Entwicklern wird die dazugehörige Arbeitsmethode Schritt für Schritt in wirtschaftliche Unternehmen hineintragen. Irgendwann wird die Welt begreifen, dass sie nicht von Gerechtigkeit faseln und gleichzeitig Information als den einzigen unerschöpflichen Rohstoff unserer Zeit nach dem Eisberg-Prinzip verteilen kann: Die kleine Spitze hält den großen Rest unter Wasser.
Eine Gesellschaft aus Individualisten wird freie Zeiteinteilung, Selbstorganisation und Vertrauen in den Kooperationswillen ihrer Mitglieder zu ihren Grundpfeilern erheben müssen, wenn sie sich und ihr Wirtschaftssystem im Gleichgewicht halten will. Sie wird lernen, das bislang kaum erforschte Potenzial zu nutzen, welches in der Open-Source-Methode und ihren Anhängern liegt. In Endlichkeit, Amen.
Während ich F.’s gekrümmten Rücken betrachte, esse ich die letzte Chipstüte leer. So also sieht ein Bewohner der Insel der Seligen aus. Höchstwahrscheinlich werden Typen wie F. die Welt nicht in einen Paradiesgarten verwandeln. Aber jedenfalls haben Menschenbilder und gesellschaftliche Visionen die Angewohnheit, die Bühne des Geschehens in seltsamen Gewändern und von unerwarteter Seite zu betreten. Allein das ist schon ein Grund für rote Backen. Und für ein bisschen mehr Menschenliebe.
Die Schriftstellerin Juli Zeh, geboren 1974, wurde bekannt durch ihre Romane »Adler und Engel« und »Spieltrieb«. Letzterer wird derzeit als Schauspiel in Hamburg aufgeführt
- Datum 14.04.2009 - 12:28 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 30.03.2006 Nr.14
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Dankeschön, hab diesen Artikel gern gelesen, spricht auch mir in vielen Punkten aus der Seele :) Franz
Ken Olsen bestritt Zeit seines leider recht kurzen Lebens das er besagtes Zitat so von sich gegeben haben soll.
"I'm quoted all the time as saying (early during the PC revolution) that there was no reason to have a computer in the home. What I said, I said very carefully and knew exactly what I was saying because I had prepared it. I said, 'I don't think we want our personal lives run by computer.' If you steal something from the refrigerator at midnight, you don't want it entered into the computer."
Sie sollten lieber nochmal über die Hintergründe der Aussage recherchieren.
zu Deinen Fragen: Ja es gibt mittlerweile erste Entscheidungen gegen Unternehmen, die Open Source in Ihre Produkte (Router, Software etc.) genutzt haben ohne sich an die GPL zu halten. Freie Software wurde dort zu geschlossener Software (Closed Source) gemacht. Dank Reverse Engineering (hacking) konnte dieses einweandfrei belegt werden. Der Hersteller von Router musste meines Wissens einen Geldbetrag stiften und zudem seine Sourcen offen legen.
Der Artikel lässt den Eindruck entstehen, als sei die Entwicklung von Open Source Software eher ein privates Hobby von engagierten Enthusiasten. Ein beachtlicher Teil der Open Source wird aber von Unternehmen getragen. Zum Beispiel weil es einfach billiger ist, ein Open Source Programm an die eigenen Bedürfnisse anzupassen als das ganze Programm von Grund auf neu zu entwickeln. Oder weil man anders der Übermacht von Microsoft nichts entgegenzustellen hat (z.B. IBM mit dem Eclipse Projekt www.eclipse.org).
Nett, mal einen Beitrag über die andere Jugend zu lesen. Die, die es auch noch gibt neben derjenigen, von der vor Tagen an gleiches Stelle die Rede war. Die Jungend, meine ich, die sich im Hamsterrad der Wirtschaft sämtliche Beine ausreißt um sich anschließend zu wundern, dass die Wirtschaft sie dafür nicht genau so innig liebt und genau so allumfassend vesorgt, wie ihre liebevollen Eltern es einst getan haben.
Lustprinzip versus Erwerbsprinzip: es lebe die Re-Individualisierung der Lebenszeit! Diese Art Spieltrieb wünsche ich uns allen. Und zwar auch jenseits der Bits und Bites. Schade nur, dass Freund F. ein imaginärer Welcher ist. Zwar kann auch ich eine Mikrowelle kaum von einem Bildschirm unterscheiden, aber von dem Typen hätte ich dann doch gern die E-Mail-Adresse. Schon, um zu erfragen, ob auch er die Open-Sorce-Mentalität für ansteckend hält.
"Mit dem Recht, die erstmalig verbreitete Version des Programms zu benutzen, zu testen und weiterzuentwickeln. geht die ungeschriebene Verpflichtung einher, den Quellcode der ursprünglichen Lösung sowie alle darauf basierenden Verbesserungsvorschläge ebenfalls frei zugänglich zu machen."
Diese Verpflichtung ist keinesweg "ungeschrieben", sondern sie ist ein Teil der GNU General Public License und kann dort nachgelesen werden. http://www.gnu.de/gpl-ger...
"Sie müssen dafür sorgen, daß jede von Ihnen verbreitete oder veröffentlichte Arbeit, die ganz oder teilweise von dem Programm oder Teilen davon abgeleitet ist, Dritten gegenüber als Ganzes unter den Bedingungen dieser Lizenz ohne Lizenzgebühren zur Verfügung gestellt wird."
And now to somethhing completely different:
Seien wir doch mal ehrlich: Wärs nicht mittlerweile an der Zeit für ein Zeit-wiki? ;) Es würde mich freuen, dabei Starthilfe und leisten zu dürfen.
Das Los Angeles Times Wikitorial Desaster soll sich gewiss nicht wiederholen. Also muss man das anders machen. Grobgehauene Gedanken zu einer Vorgehensweise schrieb ich damals auf http://www.eu.socialtext.... nieder.
Ein guter Artikel. Insbesondere, weil er in einem nicht fachbezogenen Medium veroeffentlicht ist.
Leider handelt der Artikel nicht von Open Source sondern viel eher von Freier Software. Sogar die Entstehungsgeschichte liest sich wie die Biographie von Richard Stallman.
Open Source bezieht sich primaer auf die Philosophie, dass viele Augen mehr sehen - wenn der Quellcode von Software frei verfuegbar ist, und jeder ihn einsehen kann, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass Fehler entdeckt und korrigiert werden gleich viel hoeher. So ungefaehr arbeitet auch Wikipedia.
Freie Software hingegen nimmt direkt bezug auf den Begriff der Freiheit (frei != kostenlos). Wenn Software fuer jedermann zugaenglich und veraenderbar ist, dann kann dem Anwender nicht diktiert werden, wie er sie zu verwenden hat, da er sie seinen eigenen Beduerfnissen anpassen kann (koennte, lassen kann).
Die Utopie, die der imaginaere Freund F im Artikel zeichnet, ist also eher eine Ableitung der Philosophie der Freien Software als die der Open Source.
Mir faellt in letzter Zeit immer wieder auf, dass zwar Mainstream-Medien ueber Open Source bzw. Freie Software berichten, aber einige der Fakten leider nicht gut recherchiert scheinen, was mich insbesondere deswegen betruebt, weil sie mittels Google und auch Wikipedia sehr leicht zu finden waeren.
Am deutlichsten - auch wenn das nicht jedermann so sehen mag - faellt mir das daran auf, dass in diesem Artikel Linus Torvalds als Vordenker der Open Source Bewegung genannt wird. Nett ist das sicherlich, und praktisch auch, da Torvalds ja nun inzwischen den meisten ein Begriff sein duerfte. Falsch leider auch. Torvalds bemueht sich immer wieder festzustellen, dass er Techniker ist, und ihn die philosophische/politische Seite der Open Source wenig(er) interessiert.
Erfinder der Open Source Bewegung ist letztlich Eric S. Raymond, der mit dem Begriff "Open Source" zugleich ein Missverstaendnis des Begriffs "Freie Software" ausraeumen wollte, wie den Fokus der Philosophie uminterpretierte. Bis zu diesem Moment gab es nur "Freie Software" (wie von Stallman definiert), was leider, insbesondere von Investoren, als "Kostenlose Software" bzw. "Freeware" aufgefasst wurde. Dabei steht Freie Software fuer "Free as in speech, not as in beer".
Letztlich finde ich sollte man Stallman auch zumindest den noetigen Respekt zollen, um ihm nicht mit verschwommenen Begriffen sein Lebenswerk zu stehlen.
Wenn ich mich recht entsinne meinte auch Weber, dass sich die religiösen Fernwirkungen (die protestantische Ethik/der Geist des Kapitalismus) schon seinerzeit überlebt und verselbständigt hatten. Ausschließlich in der Phase der Entstehung der Arbeitsethik sei das Streben nach Seelenheil wichtig gewesen.
Die Gleichsetzung von Reformation und Entstehung der protestantischen Ethik in Webers Sinne ist gewagt, da Weber nicht im lutherischen Protestantismus sondern in anderen ganz bestimmten protestantischen Sekten findet, was er als protestantische Ethik bezeichnet.
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