KLASSIK Eine Geige kann gefährlich sein

Carolin Widmann spielt Modernes für Violine solo

In 450 Jahren hat die Geige ihre Gestalt nicht verändert, aber quer durch die Epochen so viele Dimensionen des Ausdrucks erschlossen, dass jüngere Instrumente vom Flügel bis zum Synthesizer limitiert wirken neben ihr. Schon immer hat sie die Komponisten herausgefordert, Grenzen zu überschreiten, bis den Interpreten fast die Finger brechen. Bis heute. An die Solomusik der Moderne jedoch wagen sich nicht viele Geiger. Im Gegensatz zu Carolin Widmann: Sie hat der Avantgarde gleich eine ganze CD gewidmet, verknüpft mit zwei Solosonaten von Eugène Ysaÿe.

Das ist auch sinnvoll, weil mit Ysaÿes Sonaten 1923 die Moderne der Sologeige beginnt. Es sind kühne Montagen virtuoser Versatzstücke, Spiele mit Zitaten und Formen. Die Genietat dieser Einspielung gilt aber nicht Ysaÿe, den die Solistin erstaunlich pauschalromantisch spielt, eher forciert als differenziert. Sie scheint sich da zu erholen von den atemberaubenden Welten, in die Salvatore Sciarrino sie und uns mit seinen 6 Capricci von 1976 führt. Berühmt wurde der Italiener vom Jahrgang 1947 erst später, durch seine Opern. Wer aber diese Geigenstücke hört, findet vieles von seinen so zerbrechlichen wie körperhaften Klängen nicht nur vorweggenommen, sondern schon ins Extrem getrieben.

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Anfangs kokettiert er noch ein wenig mit den virtuosen Vorläufern im Land der Hochgeigerei. Ketten gebrochener Akkorde, wie man sie von Bach über Paganini bis Ysaÿe findet, schimmern beschleunigt und halb geflüstert durch ein kurzes Vivace. Dann zerreißt das Gespinst wie Nebel überm Meer, und die Geige lässt lange, sanfte Wellen ans Ufer kommen. Gehauchte Klänge, mit Pausen durchatmet, gekräuselt durch Andeutungen von Trillern, funkelnd von Obertönen. Dabei ist das von Sciarrino wohl kaum als »Brandung« gemeint. Kein Programm, kein »Als-ob«. Die Klänge folgen einfach einer körperlichen Logik, die einen in dieser Musik sein lässt wie in einer Gegend. Dort kommt einem auch die Geige selbst schon erotisch nah, zwischen raschen Bogenreibungen entsteigen ihr vogelhafte Laute. Bei solcher Nähe wird es später geradezu lebensgefährlich. Splitter und Klingen schießen durch die Luft, Glissandi überkreuzen sich, jagen einander hoch zu menschenferner Ekstase. Nichts ist gegen das Instrument, sondern alles aus ihm heraus komponiert. Überschneidungs- und Wellenhalleffekte, an denen Elektroniker lange basteln müssten, kommen hier mit Holz, Saiten und Pferdehaaren und dank Widmanns überragender Spieltechnik zustande. »Schöne Töne« im gängigen Sinn gibt es kaum. Aber wo aus silbrigem Gewimmel froschzungenschnell eine blaugrüne Ranke hervorstoßen kann, braucht man sie auch nicht. Kein Ton, den man nicht zugleich auch vor Augen hätte – Sciarrinos Klangwelt ist von einzigartiger Plastizität. Mit den 22 Minuten dieser Capricci erreicht die Geige wieder eine neue Dimension, wie einst bei Biber, Bach, Paganini, Bartók. Die Solostücke von Pierre Boulez (1992) und Jörg Widmann (2003) müssen sich daneben zwar nicht verstecken. Doch so gut sie gebaut sind – die Geige bleibt da nur Instrument.

Reflections 1 – Werke für Violine solo von Eugene Ysaÿe, Pierre Boulez, Salvatore Sciarrino und Jörg Widmann,;Telos tls 116/Vertrieb Klassik Center KasselBuchCarolin Widmann (Geige(Geige)Carolin Widmann
 
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    • Quelle DIE ZEIT 30.03.2006 Nr.14
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    • Schlagworte Klassik | Pierre Boulez | Musik
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