KULTURSTREIT Emphatiker und Gnostiker
Über eine Spaltung im deutschen Literaturbetrieb – und wozu sie gut ist.
Der Literaturbetrieb, einem Gemeinplatz zufolge immer noch ein Ort empfindsamer Seelen, pflegt Sitten wie in einem Boxstall. So wie neulich im Literarischen Colloquium Berlin: »Du bist doch ein richtiges Arschloch! Einen Autor mit seinem neuen Buch fertig zu machen! Drei gegen einen. Hinterhältig und feige. Ich will darüber nicht diskutieren! Mit dir nicht!«
Was, in Gottes Namen, war passiert? In Berlin wurde das Buch Lichtjahre – Eine kurze Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute von Volker Weidermann vorgestellt, dem Literaturredakteur der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung . Es wurde daraus gelesen, und es wurde kritisiert, wie es dieses Deutschlandfunk-Forum namens Studio LCB seit 16 Jahren vorsieht. Die Literaturgeschichte von Weidermann ist subjektiv, orientiert sich an den Biografien der 135 vorgestellten Autoren und erzählt nach den Kriterien Lebendigkeit, Lebensnähe, Leidenschaft und Lässigkeit. Aber leider geht es nur am Rande um Literatur, das heißt um Texte, um Machart, Form, Sprache und Dramaturgie. Man kann das so machen, aber der Preis ist hoch, und er ist sichtbar.
Die Diskussionsteilnehmer Ulrich Greiner von der ZEIT und der Kritiker Christoph Bartmann kamen nicht umhin, das auch zu bemerken. Ich selbst, der später Beschimpfte, auch nicht, obwohl meine Moderatorenrolle Zurückhaltung gebot. So kam es, dass Weidermann drei höflichen und durchaus lobenden, aber eben auch sehr kritischen Lesern gegenübersaß. Er trug es mit Fassung. Andere nahmen es weniger lässig und zeigten die unschöne Seite der dauerbegeisterten Literaturemphase: die erregte Beschimpfung. Namentlich ein literarischer Autor, aus einer älter gewordenen Halbstarkengruppe hervortretend: Maxim Biller meinte lautstark, nicht darüber reden zu wollen (mit einem Arschloch). Doch das eben, lieber Erregungskünstler, geht nun gerade nicht.
Die einen suchen das wahre Leben, die anderen die wahre Literatur
Die Emphatiker des Literaturbetriebs, die Leidenschaftssimulanten und Lebensbeschwörer ertragen es nicht länger, dass immer noch einige darauf bestehen, dass Literatur zuallererst das sprachliche Kunstwerk meint, ein klug gedachtes, bewusst gemachtes, ein formal hoch organisiertes Gebilde, dessen Wirkung, und sei sie rauschhaft, von sprachökonomischen und dramaturgischen Prinzipien abhängt. Und dass sich der Lustgewinn in spätmodern abgeklärten Zeiten der Erkenntnis dieser Prinzipien verdankt. Dass wir im Wissen genießen, durch die Erkenntnis und mit analytischen Mitteln.
Das ist eigentlich so selbstverständlich, dass selbst der Fußballfan zustimmen kann. Ohne taktisches Verständnis kein Spaß am Spiel. Doch ausgerechnet bei einem so abstrakten Vergnügen wie der mühseligen Übertragung einer unansehnlichen Zeichenballung auf weißen Seiten in Lust- und Leid-Empfindung soll das anders sein? Hier schreibt sich das Herz, der Wille, die Not, die Liebe ganz unmittelbar? Lebenserfahrung übersetzt sich in Schrift, um lebenserfahrene Leser zu stimulieren, noch mehr wirkliches Leben zu erfahren?
Wenn man die literarische Landschaft zurzeit verstehen will, ist eine Zweiteilung hilfreich: die Unterscheidung zwischen Emphatikern und Gnostikern. Die Emphatiker sind die mit dem unbedingten Hunger nach Leben und Liebe; Gnostiker sind die, denen ohne Begreifen dessen, was sie ergreift, auch keine Lust kommt; die sich sorgen, falschen Selbstbildern, kollektiven Stimmungen, Moden und Ideologien aufzusitzen. Die Emphatiker haben den Autor im Blick, sie bewerten Haltungen, Zugehörigkeiten, organisieren sie geschickt und genießen im Übrigen die Lebenskämpfe in Alltag und Politik; die Gnostiker sehen erst einmal Texte und dann frühere Texte und diese auch noch in größeren Kontexten. Sie sind zwei Absätze in der Zeitung oder drei Kapitel im Roman lang spröde. Das kann den Emphatiker nervös machen. Ja, wann macht es denn endlich klick? Wann rasten die Systeme Lebenswelt und Literatur denn endlich ein? Wann passiert endlich was?
- Datum 30.03.2006 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 30.03.2006 Nr.14
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Vorweg, das was im Programm von DLF und DLR, sowie in den Feuilletons überregionaler Zeitungen für die Literatur, speziell auch für die deutsche Literatur geleistet wird, ist immer noch einmalig und von hoher Qualität.
Aber, wie schon die Artikelüberschrift erkennen lässt, ist die versuchte Aufteilung von Literaten und ihren jeweiligen Für - und Widersprechern in gerade mal zwei Gruppen sehr grob und von der Begrifflichkeit auch noch sehr antik.
Die Frage ist jedoch, ob in den "schnellen Medien", Presse, Funk, Fernsehen und Web solche Einteilungen überhaupt gelingen können. - Ich glaube nicht daran.
Was fällt aber einem geübten Feuilletonleser und langjährigen
Radiohörer an Formen und Inhalten des literarischen Feuilletons auf?
1. Selbst in der ZEIT neigen die Rezensenten und, wenn sie Überblicksartikel liefern, die Redakteure, dazu, sehr viele ästhetische und moralische Urteile aneinander zu reihen und Vergleiche anzustellen, für die sie anschaulichen Belege, z.B. Zitate, meist schuldig bleiben. - Das setzt dann Kennerschaft bei den Lesern je schon voraus oder ist eine subtile Form der Überheblichkeit.
2. Die Medien sind zunehmend kommunizierende Röhren. Also wird die jeweilige Rezension häufig zur Reaktion auf schon bestehende Kommentare. Ergebnis ist, man liefert kein Bild
der besprochenen Literatur, sondern eher eine Reflexion zu den
bestehenden Meinungen über das Werk, den Autor.
Das mag intermedial, auf journalistischer Ebene, interessant sein, dem Leser hilft es kaum.
3. Man kann den Vorlieben und Urteilskriterien des "Literarischen Quartetts" viel nachsagen, aber auf die mediale Form der Buchvorstellung bei Elke Heidenreich sank diese Runde nie herab. Die Literaturvorstellung im Fernsehen trägt nun biedermeierliche Züge, bei der die gepflegte Manie einer müssigen und musischen Lesetante und ihre erbraulichen Romane auf und unter dem Kopfkissen, leicht modernisiert, fröhliche Urstände feiert. - Das Prinzip dieser Buchvorstellung ist recht einfach: Vertraue der Empfehlung einer medial vertrauenswürdig auftretenden Person und ihren "Freunden". Mehr braucht es nicht.
4. Ganz bewusst habe ich den Begriff "Kritik" bisher nicht verwendet. Denn die zunehmende Abwesenheit dieser aufklärerischen Kategorie ist auch im Feuilleton spürbar.
Wägen und Vergleichen braucht, auch rein drucktechnisch, mehr Platz und kostet viel Zeit beim Schreiben. Zudem endet
die aufklärnde Übung oft in einem "trockenen" Text, dem irgendwie das medial inszenierbare emtotionale Element verloren gegangen ist.
5. Noch vor Wochen klagte ein nicht gerade kleines Häufchen von Intellektuellen ein mediales "Recht auf Beleidigung" ein. - Ich persönlich denke, ein solches Recht kann es nicht geben, weil es uns alle zu "Teufelchen" degradierte, die auf solche Niedertracht bewusst abzielen. - In der Öffentlichkeit ist dies jedoch eine zunehmend wichtigere Form Aufmerksamkeit zu erzielen. Skandale und Aufregung über angebliches und tatsächliches Fehlverhalten sind einfacher zu gestalten, als langwierige Analysen.
6. Was nun das Buch von Herrn Weidermann angeht, so ist es ja vor allem ein kurzes, gemessen am Thema, ein zusammengestelltes, gemessen an der reichlichen Verwendung eigenen Altmaterials, ein, gelinde gesagt, einseitiges, gemessen an der Auslassung, bzw. Gewichtung von Autoren.
Aber Beleidigungen, Schmähungen und Beschimpfungen rechtfertigt es nicht, es sei denn, man achtet den Lärm um wenig, als überaus wichtig. - Für den Leser gäbe es allerdings Alternativen. Diese im Vergleich zum aktuellen Werk vorzustellen oder zu erwähnen, wäre eine verdienstvolle feuilletonistische Aufgabe.
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