KULTURSTREIT Emphatiker und GnostikerSeite 3/3
Apropos Köln: Man kann auch, wie Volker Breidecker kürzlich in der SZ, angesichts des Prominenten-Remmidemmis beim Massenereignis lit.Cologne einen medial-industriellen Komplex heraufbeschwören und so diesen literarischen Kulturstreit politökonomisch verorten. Man kann ihn in die Zwangsbeglückung durch Medienmächte einordnen und das ganze hier angedeutete Spiel an die gesellschaftspolitische Aufklärung weiterreichen. Doch erst einmal sollten wir den Konflikt auf unserem eigenen, dem literarischen Feld halten. Produktiv zerstörerisch sind wir doch hoffentlich selbst. Schließlich geht es um was! Um unsere literarische Herkunft sowieso, aber eben auch um die neue deutsche Literatur, die so viel Interesse findet wie lange nicht. Da lohnt die Aufregung – daher kommt sie auch. Und darin steckt die Frage nach der angemessenen Lektüre der Welt selbst.
- Datum 30.03.2006 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 30.03.2006 Nr.14
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Vorweg, das was im Programm von DLF und DLR, sowie in den Feuilletons überregionaler Zeitungen für die Literatur, speziell auch für die deutsche Literatur geleistet wird, ist immer noch einmalig und von hoher Qualität.
Aber, wie schon die Artikelüberschrift erkennen lässt, ist die versuchte Aufteilung von Literaten und ihren jeweiligen Für - und Widersprechern in gerade mal zwei Gruppen sehr grob und von der Begrifflichkeit auch noch sehr antik.
Die Frage ist jedoch, ob in den "schnellen Medien", Presse, Funk, Fernsehen und Web solche Einteilungen überhaupt gelingen können. - Ich glaube nicht daran.
Was fällt aber einem geübten Feuilletonleser und langjährigen
Radiohörer an Formen und Inhalten des literarischen Feuilletons auf?
1. Selbst in der ZEIT neigen die Rezensenten und, wenn sie Überblicksartikel liefern, die Redakteure, dazu, sehr viele ästhetische und moralische Urteile aneinander zu reihen und Vergleiche anzustellen, für die sie anschaulichen Belege, z.B. Zitate, meist schuldig bleiben. - Das setzt dann Kennerschaft bei den Lesern je schon voraus oder ist eine subtile Form der Überheblichkeit.
2. Die Medien sind zunehmend kommunizierende Röhren. Also wird die jeweilige Rezension häufig zur Reaktion auf schon bestehende Kommentare. Ergebnis ist, man liefert kein Bild
der besprochenen Literatur, sondern eher eine Reflexion zu den
bestehenden Meinungen über das Werk, den Autor.
Das mag intermedial, auf journalistischer Ebene, interessant sein, dem Leser hilft es kaum.
3. Man kann den Vorlieben und Urteilskriterien des "Literarischen Quartetts" viel nachsagen, aber auf die mediale Form der Buchvorstellung bei Elke Heidenreich sank diese Runde nie herab. Die Literaturvorstellung im Fernsehen trägt nun biedermeierliche Züge, bei der die gepflegte Manie einer müssigen und musischen Lesetante und ihre erbraulichen Romane auf und unter dem Kopfkissen, leicht modernisiert, fröhliche Urstände feiert. - Das Prinzip dieser Buchvorstellung ist recht einfach: Vertraue der Empfehlung einer medial vertrauenswürdig auftretenden Person und ihren "Freunden". Mehr braucht es nicht.
4. Ganz bewusst habe ich den Begriff "Kritik" bisher nicht verwendet. Denn die zunehmende Abwesenheit dieser aufklärerischen Kategorie ist auch im Feuilleton spürbar.
Wägen und Vergleichen braucht, auch rein drucktechnisch, mehr Platz und kostet viel Zeit beim Schreiben. Zudem endet
die aufklärnde Übung oft in einem "trockenen" Text, dem irgendwie das medial inszenierbare emtotionale Element verloren gegangen ist.
5. Noch vor Wochen klagte ein nicht gerade kleines Häufchen von Intellektuellen ein mediales "Recht auf Beleidigung" ein. - Ich persönlich denke, ein solches Recht kann es nicht geben, weil es uns alle zu "Teufelchen" degradierte, die auf solche Niedertracht bewusst abzielen. - In der Öffentlichkeit ist dies jedoch eine zunehmend wichtigere Form Aufmerksamkeit zu erzielen. Skandale und Aufregung über angebliches und tatsächliches Fehlverhalten sind einfacher zu gestalten, als langwierige Analysen.
6. Was nun das Buch von Herrn Weidermann angeht, so ist es ja vor allem ein kurzes, gemessen am Thema, ein zusammengestelltes, gemessen an der reichlichen Verwendung eigenen Altmaterials, ein, gelinde gesagt, einseitiges, gemessen an der Auslassung, bzw. Gewichtung von Autoren.
Aber Beleidigungen, Schmähungen und Beschimpfungen rechtfertigt es nicht, es sei denn, man achtet den Lärm um wenig, als überaus wichtig. - Für den Leser gäbe es allerdings Alternativen. Diese im Vergleich zum aktuellen Werk vorzustellen oder zu erwähnen, wäre eine verdienstvolle feuilletonistische Aufgabe.
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