Finanzen Angriff der Zwitter
Fonds investieren das Geld der Sparer neuerdings in Zertifikate – ihre größte Konkurrenz. Das soll den drastischen Abfluss von Anlegergeldern stoppen
Das Produkt, das die Fondsgesellschaft DWS im vergangenen Sommer präsentierte, markierte für die Frankfurter den Einstieg in ein neues Geschäft. Der Fonds DWS Europa Diskont investiert das Geld seiner Anleger nicht in Aktien oder Anleihen wie herkömmliche Fonds. Stattdessen kauft er Discountzertifikate. Dabei handelt es sich um Papiere, deren Preis sich an der Entwicklung bestimmter Aktien oder Indizes orientiert – und mit denen man selbst dann Geld verdienen kann, wenn die Märkte vor sich hin dümpeln.
Entsprechend euphorisch fiel die Wortwahl in den Werbeprospekten für den neuen Fonds der Deutsche-Bank-Tochter aus. Anleger könnten mit dem Produkt »auch in seitwärts laufenden Märkten die Performanceaussichten verbessern«, textete die DWS vollmundig. Und setzte noch eins drauf: »Klingt wie im Märchen.« Die Anleger ließen sich nicht lange bitten. Bis heute investierten sie rund 140 Millionen Euro in den neuen Fonds.
Angesichts dieses Erfolgs legte DWS ein halbes Jahr später einen weiteren Zertifikatefonds nach. Seit Januar verkaufen die Frankfurter auch Anteile des Fonds DWS Bonuszertifikate. Wie der Name schon sagt, investiert dieser Fonds in Bonuszertifikate. Wer sie besitzt, bekommt einen Bonus ausgezahlt, wenn während der Laufzeit bestimmte Ereignisse eintreffen – und sich zum Beispiel der Kurs einer Aktie in einem festgelegten Korridor bewegt. Auch mit dieser Strategie können Anleger in Börsenphasen profitieren, in denen die Kurse weder stark steigen noch fallen.
Mit ihren Zwitter-Fonds hat DWS als erster großer Anbieter eine neue Produktklasse in die Fondsbranche eingeführt. In den vergangenen Jahren hatten nur wenige kleine Anbieter wie Nordinvest und HSBC Trinkaus & Burkhardt Fonds im Angebot, die in Zertifikate investieren. Der Vorstoß der Deutsche-Bank-Tochter hat nun aber die anderen großen Spieler im Fondsgeschäft in Zugzwang gebracht: Dit, der Anbieter von Allianz und Dresdner Bank, hat gleich mehrere Produkte in Vorbereitung. Und auch die Commerzbank-Tochter Cominvest will schon bald in dem neuen Marktsegment mitmischen. Hatte die Fondsbranche die in den vergangenen Jahren neu entstandene Konkurrenz noch heftig bekämpft, so versucht sie nun, an ihrem Erfolg teilzuhaben.
Aus mehr als 40.000 Zertifikaten können die Fonds auswählen
Mit den neuen Fonds wollen die Anbieter die Nachfrage ankurbeln. Denn Zertifikatefonds passen besonders gut zur derzeitigen Situation an den Börsen. Sie bieten Anlegern die Chance auf eine höhere Rendite als so genannte Garantiefonds, für die die Branche in den vergangenen Jahren geworben hat. Zugleich versprechen sie eine Absicherung gegen Kursverluste. Denn die Zertifikate sind zwar an die Wertentwicklung von Aktien, Anleihen oder bestimmten Märkten gekoppelt, können aber durch besondere Konstruktionen vor Verlusten schützen und besonders hohe Gewinne erwirtschaften. Die Zahl an Zertifikaten ist in den vergangenen Jahren explosionsartig auf 40.000 gestiegen, das Angebot für Kleinanleger kaum mehr zu überschauen.
Deshalb sollen nun Fondsspezialisten für Anleger nach besonders aussichtsreichen Papieren suchen. Doch ob die neuen Fonds die Versprechen tatsächlich erfüllen können, ist ungewiss. Schließlich fehlt es an Erfahrungswerten. Selbst Experten wagen keine Prognose: »Die Produktvariante ist noch zu jung, um eine Aussage darüber zu treffen, welchen Nutzen sie für Anleger haben wird«, sagt Christian Michel, Fondsanalyst bei Feri Trust. Er beobachtet seit kurzer Zeit mehrere Fonds, die in Discountzertifikate investieren. Die älteren Produkte haben zuletzt ein Plus von 13,1 Prozent pro Jahr erwirtschaftet – eine Aussage für die Zukunft lässt diese Zahl freilich nicht zu.
- Datum 30.03.2006 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 30.03.2006 Nr.14
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