WortschöpfungenRüpelrentner, Stellmichein, Bundesglucke

Der Computerlinguist Lothar Lemnitzer sieht der Sprache beim Wachsen zu. Er fischt die schönsten neuen Wörter aus dem Internet von Kai Michel

Was gestern hip war, kann heute schon sein. Wer sichergehen will, dass er spricht, wie im Moment gesprochen wird, besuche die »Wortwarte« im Internet. Von Pixelerotik bis Rüpelrentner hat sie die neuesten Wörter im Angebot.

Lothar Lemnitzer, Computerlinguist an der Universität Tübingen, trägt auf seiner Site wortwarte.de die ultimativen Sprachkreationen zusammen. Als Trendscout dient ihm eine Analysesoftware, die täglich die Online-Ausgaben deutschsprachiger Zeitungen durchforstet. Bundesglucke (Angela Merkels Kosename) und Doppelfaustsattelbremse (Schmankerl der Ingenieurskunst) gehören zu den bisherigen Highlights des Jahres 2006.

Anzeige

Das ist kein Klamauk: Computerlinguisten wie Lemnitzer wollen dem Computer Lesen und Sprechen beibringen. Dazu paukt der Rechner Vokabeln. Doch Deutsch hat seine Tücken: »Es lassen sich leicht neue Wortbildungen fabrizieren«, sagt Lemnitzer. Und Monster schaffen wie Frequenzbereichszuweisungsplanverordnung. Die stehen in keinem Wörterbuch und überfordern den Computer. Um herauszufinden, wie man dessen Wortschatz aktualisiert, startete Lemnitzer die Wortwarte. Seither sieht er der Sprache beim Wachsen zu.

Zunächst muss er aussortieren. Im Fangnetz seiner Software, die jedes Wort mit einem Referenzlexikon vergleicht, bleiben auch Eigennamen und Tippfehler hängen. Anschließend stellt er 20 bis 40 Neulinge ins Netz – täglich. 20000 Neologismen umfasst die Sammlung. »Neue Dinge erfordern neue Benennungen«, sagt Lemnitzer. Wird plötzlich per Internet telefoniert, braucht es dafür einen Begriff: »Skypen« (nach der Software Skype) ist der eine Kandidat, »voipen« (von »Voice over IP«) der andere. Wer das Rennen macht, ist noch nicht entschieden.

Manche wortschöpferische Tätigkeit »überschreitet die Grenze zur Poesie«: Stellmichein oder semitalentiert haben eine begrenzte Reichweite, sind aber der letzte Schrei. »Die meisten Neuschöpfungen sind zunächst provisorisch und mit Unsicherheiten behaftet«, erklärt Lemnitzer. »Heißt es das E-Mail oder die E-Mail? Recycelst du deinen Kunststoff, oder recyclest du ihn?« Irgendwann setzt sich eine Version durch. Mailen, rüberfaxen und downgeloadet sagt man heute ganz selbstverständlich.

Oft geht ein Wort auf Kosten des traditionellen Begriffs in das Vokabular der Sprechergemeinschaft über: »›Kids‹ bedrängt das deutsche ›Kinder‹«, sagt Lemnitzer. »Meine Suchmaschine liefert mir 770000 deutsche Seiten zum Stichwort ›Kinder‹ und schon 86000 deutsche Seiten zu ›Kids‹.« Viele Wörter verschwinden ganz – Walkman zum Beispiel oder Bandsalat.

Trotz »simsen«, »byten« und »bloggen« droht unserer Sprache keine Überfremdung: Anglizismen gibt es laut Lemnitzer nicht signifikant mehr als in den letzten 50 Jahren. Macht die Bürokratur mit Vollbeampelung, Multi-Minoritäten-Gesellschaft und Bescheidrückübermittlung Deutsch zur Gaga-Sprache? Der Düsseldorfer Linguist Rudi Keller nimmt uns die Angst vor der Worthülsen-Diarrhöe: »Das wird schnell schal.« Obwohl seit mehr als 2000 Jahren über den angeblichen Sprachverfall gejammert werde, gebe es keinen einzigen Fall einer ruinierten Sprache. »Neuerungen kommen uns meist barbarisch vor«, sagt er, »aber wenn sie gang und gäbe sind, belächeln wir ihre Vorgänger.«

Zur Startseite
 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Schlagworte Angela Merkel | Computer | Kunststoff | Software | Suchmaschine | Universität Tübingen
    Service