In einem Eiscafé in der Innenstadt von Giengen an der Brenz sitzt der Metallarbeiter Steffen Wagner und spricht von Gerechtigkeit. Es ist vier Uhr am Nachmittag, der Schichtarbeiter Wagner hat Feierabend. Eigentlich hat er einen guten Job. Wagner ist Instandhalter bei Bosch-Siemens Hausgeräte. In Giengen, nördlich von Ulm, bauen sie Kühl- und Gefrierschränke. Wagner ist jetzt 33. Er hat sich ein Motorrad gekauft, er ist oft nach Tirol zum Snowboarden gefahren. Inklusive aller Schichtzulagen verdient er 3300 Euro im Monat. Gutes Geld. Aber es wird immer weniger. Abstieg: Der deutsche Durchschnittsverdiener bekommt heute weniger Gehalt als 1998

Vor sechs Jahren verdiente Wagner auch schon 3300 Euro. Seitdem ist der Strom teurer geworden, das Benzin, das Essen, eigentlich alles. Immer weniger kann sich Wagner von seinem Lohn kaufen, obwohl er sogar eineinhalb Stunden pro Woche mehr arbeitet als früher.

Weniger Geld für mehr Arbeit. »Das soll gerecht sein?«, fragt Steffen Wagner.

Im Hermann-Josef-Abs-Saal im Turm der Deutschen Bank in Frankfurt am Main sitzt Josef Ackermann und spricht von Erfolg. Es ist zehn Uhr am Vormittag, am 2. Februar 2006, und der Manager Ackermann hat einen der wichtigsten Termine des Jahres: Bilanzpressekonferenz. Ein paar hundert Journalisten, Fotografen, Techniker, Kameraleute schauen ihm ins Gesicht. Ackermann legt die neuesten Zahlen über die Deutsche Bank vor. Rekordzahlen. Im Jahr 2005 hat die Bank 6,4 Milliarden Euro Gewinn gemacht.

Vergangene Woche legte die Deutsche Bank die neuesten Zahlen über Josef Ackermann vor. Rekordzahlen. Im Jahr 2005 hat Ackermann monatlich 990.000 Euro verdient. Er ist Deutschlands bestbezahlter Konzernchef.

Nach Berechnung der Unternehmensberatung Kienbaum bekommen die Vorstände der 30 größten deutschen Unternehmen heute mehr als doppelt so viel wie noch 1998 – im Schnitt fast 200.000 Euro im Monat. Ein normaler Vollzeit-Arbeitnehmer dagegen verdient, inflationsbereinigt, heute weniger als 1998, im Schnitt 2448 Euro im Monat (siehe Grafik auf der nächsten Seite).

Nie zuvor klafften die Löhne und Gehälter in Deutschland so weit auseinander. Seit Jahren wächst der Abstand, und jahrelang wuchs er geräuschlos. Doch jetzt scheinen die Arbeitnehmer genug zu haben. Einer der größten Tarifkonflikte der Geschichte hat die Republik erfasst. Betroffen sind fünf Millionen Beschäftigte aus mehr als einem Dutzend Branchen. Die Ärzte gehen schon seit Monaten immer wieder auf die Straße. Müllmänner, Verwaltungsangestellte und Krankenschwestern streiken seit acht Wochen – so lange wie nie zuvor. Und in dieser Woche haben auch Elektriker und Schlosser mit Warnstreiks begonnen. Der Marburger Bund, die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, die IG Metall – alle rufen sie zum Arbeitskampf. Die Ärzte wollen dreißig Prozent mehr Geld. Die Metaller mindestens fünf. Die Müllwerker und Sachbearbeiter sind schon froh, wenn sie nicht weniger bekommen als bisher.

Im ganzen Land tobt ein Kampf um Geld. Um die Stellung in der Gesellschaft. Ein Kampf, der für nie gekannte Ungleichheit unter den Arbeitnehmern sorgen wird. Obwohl es doch ihnen allen nur um eines geht: um Lohngerechtigkeit. Aber was ist das heute eigentlich: der gerechte Lohn?

Walter Barth kennt viele schöne Wörter für sein Gehalt. Er sagt zum Beispiel: »Schweinegeld«. Oder: »Ein unheimliches Geld«. Manchmal auch: »Bombenkohle«. Er könnte auch einfach nur sagen: »Wir haben immer gut verdient.«

Walter Barth ist 64 Jahre alt. Fast 40 Jahre lang war er bei Bosch in Giengen. Wenn Steffen Wagner die deutsche Gegenwart verkörpert, dann steht Barth für die Vergangenheit. Er sagt: »Wir hatten eine schöne Zeit.« Das sagen auch die anderen Bosch-Rentner, die jeden Tag auf Barths Fernsehschirm erscheinen. Nach dem Abendbrot machen sie Videokonferenz. Dann erzählen die Alten sich von früher. Von den Grillhähnchen und den Bierkästen zum Beispiel. Die ließ der Chef immer vom Wirt der Bühler Höhe ins Werk liefern, wenn er wieder einmal besonders zufrieden war.

Statt Hähnchen gab es manchmal auch 50-Mark-Scheine, einmal sogar einen Fünfhunderter. Die kamen dazu – zu den Samstagszulagen und den Sonntagszulagen und den Schichtzulagen. Walter Barths Haus wuchs und wuchs. Zuerst setzte er ein Stockwerk drauf, dann ein neues Dach. Dann baute er an, dann noch einmal. Das Haus war am Anfang klein und grau. Jetzt ist es groß und gelb. »Nicht eine Sekunde habe ich um meinen Arbeitsplatz gefürchtet, im ganzen Leben nicht«, sagt Barth. Er wurde Gruppenleiter, Meister, technischer Sachbearbeiter, Büromensch, Betriebsrat. Seit fünf Jahren ist er Rentner.

Walter Barth war Teil der Aufstiegsgesellschaft.

Mit diesem Wort beschrieben Sozialforscher jahrzehntelang die Bundesrepublik. Es war eine Gesellschaft, in der zwar nicht jeder gleich viel hatte, in der die sozialen Unterschiede aber überschaubar blieben und jeder wusste, dass er in fünf Jahren mehr haben würde als heute. Eine Gesellschaft, die sich zwar als Marktwirtschaft verstand, in der jedoch der einzelne Arbeitnehmer vom Auf und Ab des Marktes meist wenig zu spüren bekam. Der Lohn stieg, egal, wie hoch die Rendite bei Bosch, Ford oder Siemens war. Der Flächentarifvertrag sorgte dafür, dass alle Arbeitnehmer einer Branche von Jahr zu Jahr mehr Geld bekamen.

Ein Lohn ist gerecht, wenn er dafür sorgt, dass alle vom Wirtschaftswachstum profitieren, auch die einfachen Arbeiter. So dachte man damals. Zwar wurde hin und wieder heftig gestreikt. Aber da ging es um kürzere Arbeitszeiten oder darum, ob die Lohnerhöhung fünf, sechs oder sieben Prozent betragen sollte – dass es jedes Jahr mehr Geld gab, stand außer Frage. Das ist vorbei.