Arbeitskampf Was ist ein gerechter Lohn?Seite 4/4
Die Löhne driften auseinander. Die alte Regel, wonach es allen in Deutschland immer besser geht, gilt nicht mehr. Die einen steigen auf, die anderen ab. Die Republik teilt sich.
Die Folge ist nicht, dass sich alle gemeinsam gegen den Markt stellen. Sondern jeder versucht, für sich das Beste herauszuholen. Vor allem jene, die von sich glauben, dass sie zu den Marktgewinnern zählen. Vor fünf Jahren zum Beispiel forderte die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di 3,5 Prozent mehr Lohn für die Beschäftigten der deutschen Fluggesellschaften. Den Piloten schien das zu wenig, sie forderten das Zehnfache. Schließlich lag ihr Marktwert weit höher als der von Stewardessen und Bodenpersonal. Im Land mangelte es an Flugkapitänen.
Die Gewerkschaft beklagte den Mangel an Solidarität, den Piloten aber war ihr Marktwert wichtiger. Sie kündigten ver.di die Gefolgschaft und lassen ihre Tarifverträge seitdem von der Berufsvereinigung Cockpit aushandeln, die nur für die Piloten zuständig ist.
Das gleiche Phänomen zeigt sich heute bei den Ärzten. Die ver.di-Forderung, die auch für Krankenpfleger und Sekretärinnen gilt, erscheint ihnen zu niedrig. Deshalb führt jetzt der Marburger Bund die Verhandlungen exklusiv für die Mediziner. Dabei berufen sie sich gern auf den internationalen Wettbewerb: Ihre Kollegen im Ausland verdienten deutlich mehr. »Die Globalisierung wirkt inzwischen in beide Richtungen«, sagt der Essener Betriebswirtschaftsprofessor Werner Nienhüser. Der billige chinesische Arbeiter setzt die deutschen Metaller unter Druck, der teure englische Arzt die deutschen Klinikchefs.
Je mehr unterschiedliche Arbeitgeber - und Arbeitnehmer-Gruppen aber die Kraftprobe mit ihrem Gegenüber suchen, desto härter werden die Tarifkonflikte. »Wenn man die Dezentralisierung der Lohnverhandlungen vorantreibt, gibt es mehr und längere Streiks«, sagt Wolfgang Streeck, Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. Kleine Gruppen brauchten ihre Interessen dann nicht mehr in großen Verbandsstrukturen abzustimmen, sondern könnten von vornherein auf Konfrontation setzen. Bald, fürchtet Streeck, hätte man Verhältnisse wie in Italien: »Wenn dort etwa die Busfahrer in Florenz streiken, weiß kein Mensch, warum, keine Zeitung berichtet mehr über die Hintergründe der vielen Arbeitskämpfe.« Eine öffentliche Auseinandersetzung über Lohngerechtigkeit findet dann gar nicht mehr statt. Es zählt nur noch die individuelle Durchsetzungsmacht.
Noch beginnen in Deutschland viele Arbeitnehmer erst, sich als Berufsgruppe mit besonderen Eigeninteressen zu begreifen. So wie derzeit die Ärzte. Oder wie vielleicht bald die Ärzte an Unikliniken, die nicht mehr mit den Ärzten in normalen Krankenhäusern gleichgestellt werden wollen. Kersten Borchert etwa ist Internist an der Uniklinik in Hannover. Der 30-jährige Assistenzarzt verdient 3400 Euro brutto im Monat. Genauso viel wie die Kollegen an den kommunalen Krankenhäusern. Das stört ihn. Schließlich forsche er nebenher, sei besser qualifiziert. Außerdem: »Wir haben hier besonders kranke Patienten, wir leisten eine Supramaximalversorgung.«
Deshalb beruft er sich jetzt auf die Marktgesetze, deshalb verlangen er und seine Kollegen spezielle Leistungskomponenten bei der Bezahlung von Ärzten an Unikliniken.
Wenn es um den Lohn geht, steckt eben in fast jedem ein kleiner Ackermann.
Mitarbeit: Robert von Heusinger , Ulrike Meyer-Timpe
- Datum 30.03.2006 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 30.03.2006 Nr.14
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Wenn man schon beim Vergleich von Gehältern ist, sollte man das Bruttojahresgehalt verwenden. Da ist nämlich alles eingerechnet, egal ob einer 12 oder 13 oder 14 Monatsgehälter und Urlaubsgeld oder nicht bekommt.
Komplizierter wird es, wenn man Einkommen von Beamten mit einbeziehen will, dann muß man Beispiele auf Nettobasis vergleichen: Uniabsolvent Single ohne Kinder, 20 Jahre berufstätig, verheiratet mit 2 Kindern.
...sitzt bei den Unternehmen der Deutschland AG:
Vom Fließbandarbeiter bis zum Konzernchef konnten sie in der Vergangenheit immer alles durchdrücken, a bisserl mehr für alle halt.
Handwerk, Mittelstand, sonstwie Beschäftigte? Egal.
Solidarität für die Privilegierte, halt.
Welche FH Abgänger sind den in dem Artikel gemeint ?
Das ist absoluter Blödsinn.
5900 Euro ist mindestens ein Abteilungsleiter Gehalt.
Und selbst für die 5900 muß man als Ingenieur mit Führungsaufgaben schon in die Schweiz gehen um das zu bekommen. Den FH Absolventen möchte ich sehen, der ohne Berufs und Führungserfahrung als Ingenieur direkt in einen solchen Posten wechselt, wenn es denn einen solchen überhaupt gibt.
Die 4000 (x13) bekommt ein Berufsanfänger selbst in der IT Branche fast nicht. Da muß er schon sehr, sehr lange suchen oder während der UNI Zeit ein Netzwerk aufgebaut haben.
Wer bringt solche Träumereien in den Umlauf ??
Wer eine Gesellschaft will, in der es wenigstens halbwegs Gerechtigkeit gibt - und nur eine solche kann auf die Dauer Bestand haben! - der sollte nicht nur auf ein Grundeinkommen, sondern vor allem auf ein Höchsteinkommen schauen. Gerade vom Standpunkt der Leistung aus ist ein Einkommen über eine bestimmte Höhe hinaus eindeutig nicht die Belohnung von Leistung sondern Diebstahl an der Gemeinschaft. Der Markt ist eben nicht leistungsgerecht sondern in seinem Wesen gierig und ohne jegliche Empathie. Er zerstört wenn er ohne Beschränkungen dahinwuchern kann notwendig jede gesellschaftliche Gemeinschaft.
Höchsteinkommen ist eine wirklich diksussionswürdige und wie mir scheint auch realisierbare Antwort. Es müsste einen Gesellschaftsvertrag geben, und bei jeder Wahl sollte auch die Relation von Grund- zu Höchsteinkommen zur Abstimmung kommen. Land für Land - schließlich weltweit. So kann sich ein Weg aus dem Dilemma von Markt und sozialer Gerechtigkeit doch noch finden lassen.
Die Frage nach dem gerechten Lohn wird - schlicht und ergreifend - mit dem letzten Satz beantwortet: Es gibt ihn nicht, da in fast jedem ein kleiner Ackermann steckt. Was als Lohn gerecht empfunden wird, unterliegt immer einer subjektiven Bewertung: Selbst ist man immer unterbezahlt, während die anderen überbezahlt sind. Auch die Philosophen haben in 3.000 Jahren keine brauchbare Antwort darauf gefunden, die Sozialisten erst recht nicht.
Also sollte man sich an die Fakten halten. Jammern und Wehklagen hilft den Betroffenen nicht weiter. Und betroffen sind nicht nur die Haushalte mit sinkenden Reallöhnen, sondern vor allem die Arbeitslosen - sowohl die gegenwärtigen als auch die zukünftigen, denn die hohen Arbeitskosten (Lohn plus Sozialabgaben) sind die Ursache für die Massenarbeitslosigkeit. Es ist das Kleine Einmaleins der Marktwirtschaft: Eine Erhöhung der Tariflöhne über das Marktniveau hinaus (sog. Umverteilungskomponente) ist für die Gewerkschaften ein legitimer Erfolg und ein Nachweis ihrer Existenzberechtigung, führt aber nicht nur zu weiterem Stellenabbau, sondern senkt im Endergebnis die Reallöhne, da die Arbeitslosigkeit auch über die Sozialabgaben und Steuern der Beschäftigten finanziert wird - eine sich selbst beschleunigende Abwärtsspirale. Lohnerhöhungen mit der guten Ertragssituation der Unternehmen zu begründen, führt nicht weiter, da die großen Unternehmen nur noch zu 20 - 30% in Deutschland engagiert sind und daher den Spielregeln des Weltmarktes unterworfen sind, die die Rendite vorgeben. Fazit: Das Tarifkartell kann zwar die gerechten Bruttolöhne festsetzen, die Nettolöhne aber bestimmt der Markt - mit dem Kollateralschaden der Massenarbeitslosigkeit. Ob es einem gefällt oder nicht - dies ist die Realität.
Um weiterhin im Strukturkonservativismus zu verharren, wird die Legende verbreitet, Deutschland sei chancenlos in der Konkurrenz mit Billiglohnländern. Das ist es eben nicht, denn Produktivität und Qualität der Arbeit sind für die Standortentscheidungen ebenso wichtig. Unter diesen Aspekten beträgt der Lohnabstand zu vergleichbaren Industrieländern 10-15% (ifo-Institut), mit dessen Überwindung der Arbeitsplatzabbau gestoppt, und die Arbeitslosigkeit abgebaut werden könnte. Dabei könnten Lohnkürzungen vermieden werden, wenn statt dessen die Arbeitszeit entsprechend verlängert werden würde: Mit der Rückkehr zur 40-Stunden-Woche könnte bereits ein erheblicher Teil des Problems gelöst werden. Das Gegenargument, eine Arbeitszeitverlängerung vernichte Arbeitsplätze, ist eine schlichte Milchmädchenrechnung und charakterisiert das dahinter stehende Wirtschaftsverständnis. Eine sozialistische Arbeitskolonne würde den Arbeitsbedarf in Abhängigkeit der Arbeitszeit berechnen und umso weniger Arbeiter anfordern, je länger die Arbeitszeit ist. Für ein marktwirtschaftliches Unternehmen ist dagegen entscheidend, ob die Kosten je Arbeitsstunde über den Marktpreis, also durch die Kunden, finanziert werden: Sinkende Stundenlohnkosten erhöhen demzufolge die Nachfrage nach Arbeit. Dies ist die Logik der Marktwirtschaft - wem dies nicht gefällt, der muss sie abschaffen.
Fazit: Wir sind der Illusion des Sozialstaates erlegen, die sozialistische Utopie mit der Marktwirtschaft zu realisieren. Der Staat als Garant der Sozialen Gerechtigkeit ist angesichts der Massenarbeitslosigkeit, die Millionen von Existenzen vernichtet hat, an diesem Widerspruch gescheitert. Arbeitslosigkeit ist kein Phänomen der Globalisierung, da sie bereits seit 1968 (bei damals 174.500 Arbeitslosen = 0,8%) kontinuierlich ansteigt. Die Globalisierung hat das Problem allerdings verstärkt, indem der Weltmarkt jetzt den Takt vorgibt. Die Deindustrialisierung ist bereits weit fortgeschritten, deutsche Unternehmen investieren zu 80% im Ausland. Dem können wir uns weder durch revolutionäre Phantasien der Linken, noch durch Ignorieren - wie es die Große Koalition macht - entziehen. Dass Marktwirtschaft Wohlstand, Sozialismus aber Armut schafft, haben wir inzwischen leider vergessen: Wirtschaftswunder und DDR sind Geschichte. Was bleibt, ist eine einzige Alternative: Weiter so im Wolkenkuckucksheim - begleitet von feuilletonistischen Defätisten (Stilvoll verarmen) - bis der Sozialstaat nichts mehr zu verteilen hat, und wir das Licht ausdrehen können. Oder wir stellen uns dem Standort-Wettbewerb - ohne Jammern und Wehklagen. Davor aber sei gewarnt: Dies erfordert Selbstbewusstsein, Leistungsbereitschaft und Verantwortung - und es wäre das Ende des Kuschelsozialismus.
Die Zeiten ändern sich, Meinungen auch. Als die Ärtzte gut verdienten, sauste die ganze Gesellschaft an sie vorbei. Die 2 klassengesellschaft in den Artzpraxen ist auch eine Sache für sich.Die Ärtzte verdienen immer noch gut, ich kenne keinen Artzt, der auf seinen jährlichen üppigen Urlaub verzichtet, weil sein Einkommen nicht ausreicht.Daß jeder für sich kämpft, ist leider auch eine Tatsache, was nicht gleich bedeuten soll, daß das richtig ist.
Es ist interessant, wie der Autor die Entsolidarisierung der Ärzte brandmarkt. Dabei verschweigt er vornehm, dass die Ärzte all die Jahre von ÖTV/Verdi vertreten wurden, und diese Gewerkschaft somit Arbeitsbedingungen geduldet und damit ermöglicht hat, die sie bei ihrer Stammklientel nie und nimmer akzeptieren würde. Da fragt sich schon, wer bei der Entsolidarisierung den ersten Stein geworfen hat.
Wo bleibt ein zeitgemäßes Fazit des Artikels? Die Entwicklung der letzten Dekade, mit Abnahme der wirtschaftlichen Teilhabe einer breiten gering- und mittelqualifiztierten Gesellschaftsschicht zu kritisieren, findet sicherlich breite (auch meine) Zustimmung. Sich von den Marktgesetzen zu distanzieren und die Einforderung des Marktpreises als unsolidarisches Verhalten Einzelner darzustellen, bedeutet implizit doch, man könne, unter der Prämisse, dass in einer globalisierten Welt alle Deutschen(was ist das?)nur schön solidarisch miteinander sind, sich gegen den veränderten Markt stellen, und ihn selbst für soziale Zwecke zu instrumentalisieren.
Das ist töricht und gefährlich - weil sich entweder nichts an der Abwärtsspirale ändern wird (die Arbeitgeberseite gewinnt) und es zu sozial motivierten Ausständen wie in Frankreich kommt, oder es wird sich ändern (die Gewerkschaften gewinnen), dann gehen die high potentials und das Kapital aus dem Land und es bleibt nichts zum Verteilen übrig.
Es wird Zeit über neue marktkonforme und dennoch sozial gerechte Mechanismen ja nicht nur nachzudenken, sondern sie auch umzusetzen! Dazu gehören, anders als hier fokussiert, vor allem steuerliche und sozialversicherungsbezogene Elemente: Geringere Belastung des Faktors Arbeit, höhere Verbrauchssteuern und Kapitalgewinnbesteuerung als Gegenfinanzierung, Qualifikations- und Bildungsoffensive (da muss übrigens auch bildbares Potential=Nachwuchs da sein) bei Kombi/Mindestlohn zur Alimentation nicht marktfähiger Qualifikationen, Abkopplung der Sozialversicherungen(RV!) vom Faktor Arbeit und Ausdehnung auf Kapitaleinkünfte, rigorose Erbschaftssteuern - auch bei betrieblichen Vermögen (was spricht gegen stille Teilhaberschaft der Finanzbehörden?) usw.
Auch wenn sich über einzelne Punkte vortrefflich streiten lässt, so denke ich dass mit jedem Bischen, um das sich die Gewerkschaften notgedrungen aus der Sicherung der sozialen Ausgeglichenheit verabschieden müssen, der Staat an sozialer Verpflichtung gewinnt. Der Markt ist hier der antagonistische Gegenpol, den es um des sozialen Frieden willens im Zaum zu halten gilt - wer auf ihn hofft, hofft vergebens!
Die Änderungen, die hier nötig wären, sind keine kleinen Schritte! Wenn man hier nichts (oder wenig) erreicht, solange es eine Zweidrittelmehrheit der Regierungsparteien in beiden Häusern gibt, sehe ich Schwarz für unser schönes Land.
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