Vor ein paar Jahren, als das Goethe-Institut einige seiner Einrichtungen im europäischen Ausland schloss oder zu schließen drohte, löste dies einen Sturm der Empörung aus. Der Unmut damals hatte Gründe, denn die Schließungen waren im Wesentlichen Ad-hoc-Maßnahmen, um Kürzungen der Etatmittel aufzufangen. Die betroffenen Standorte waren teils unklug ausgewählt und wurden einer perplexen Öffentlichkeit gegenüber auch kaum begründet.

Um mit der bitteren Wahrheit gleich herauszurücken: Für die größte deutsche Organisation, die auswärtige Kulturarbeit betreibt, ist die finanzielle Lage seitdem nicht besser geworden, trotz Einsparungen hier und da. Eher noch schlechter. Dabei werden kulturelle Selbstdarstellung und interkulturelle Arbeit immer wichtiger in einer Welt, die sich nach »Kulturen« und Märkten neu sortiert. Aus dem laufenden Betrieb heraus, so die Lehre der letzten Jahre, wird das Goethe-Institut nicht jene Mittel erwirtschaften können, die es benötigt, um seines Dauerdefizits Herr zu werden.

Es geht nicht nur ums Sparen, der Auftritt soll wirksamer werden

Der Unterschied zu damals ist folgender: Inzwischen gibt es Vorüberlegungen für eine umfassende Goethe-Reform, und zwar eine, die nicht nur einen neuen Finanzrahmen absteckt, sondern im besten Fall auch das gesamte System bundesdeutscher Kulturarbeit im Ausland der veränderten Weltlage anpasst. Das klingt nach einem großen Werk. Bei einer Institution, die im Jahr fast 160 Millionen Euro vom Auswärtigen Amt überwiesen bekommt, jahrzehntelang vor sich hin wucherte, eine veritable Bürokratie produzierte, aber bis heute kein zentrales Controlling-System besitzt, die großartige Arbeit vor Ort leistet, sich aber auch in kostspielige Kleinstaktivitäten verzettelt, wird das wohl auch ein Herkules-Werk werden.

Vermutlich ergibt sich nur jetzt unter der Großen Koalition in Berlin die Gelegenheit, das kulturelle Engagement der Bundesrepublik im Ausland noch einmal neu zu konzipieren. Und zwar so, dass eine aus den Erfordernissen der praktischen Arbeit entwickelte sinnvolle Reform nicht mit einer betrieblichen Reorganisation in Konflikt gerät. Das ist die Chance des Goethe-Instituts, es ist seine letzte vor dem Einrücken der Sanierer.

Vielleicht ist auch jetzt erst der Zeitpunkt gekommen, an dem Konsens darüber besteht, dass die weltpolitische Nachkriegsordnung der Vergangenheit angehört, endgültig. Das Goethe-Institut sollte in dieser Ordnung nach 1949 Vertrauen stiften, vor allem unter den alten Kriegsgegnern, andere, bessere Seiten der deutschen Gesellschaft dokumentieren. Das ist jedoch kaum noch nötig, denn trotz Rückschlägen und Erweiterungsakrobatik wächst Europa aus eigener Kraft zusammen. Trotzdem sind noch immer 50 Prozent aller Mittel des Goethe-Instituts in Europa gebunden. Das ist ein Anachronismus. In Italien ist Deutschland mit sieben, in China mit anderthalb Instituten vertreten.

Was den europäischen Raum anlangt, wird man das hässliche Wort »Schließung« künftig vermutlich noch hören. Es gibt inzwischen aber keinen Grund mehr, mit reflexhaftem Lamento darauf zu reagieren. Denn wenn tatsächlich ein politischer Kern in der auswärtigen Kulturpolitik steckt, wird man die vorpolitische Kulturpräsenz der Bundesrepublik vernünftigerweise nach dorthin verlagern, wo Vertrauensbildung nötig und erwünscht ist. Das heißt: Die Institute im Nahen und Mittleren Osten sowie in Asien wird man üppiger ausstatten, die europäischen Institute hingegen werden sich einer Evaluation stellen müssen. Aber Reduzieren muss ja nicht notwendigerweise Schließen bedeuten.

Ein paar Zahlen können die Lage illustrieren. 111,28 Millionen Euro erhielt Goethe 2005 vom Außenamt als Betriebsmittelzuschuss, also für Gehälter, Gebäude, Computer, Verwaltung und so weiter. 46 Millionen kamen als Projektmittel hinzu. Von diesem Geld werden die Kulturprogramme aufgelegt. Bereits in diesem Jahr fällt der Gesamthaushalt um fast fünf Millionen Euro niedriger aus. Aus dem Sprachbetrieb erzielt Goethe Einnahmen etwa in Höhe von 35 Millionen. Doch diese Einnahmen sind kaum zu kalkulieren, 2005 zum Beispiel entsprachen sie keineswegs den Erwartungen. Im kommenden Jahr gibt es wenig Grund, auf Entlastung vom Bund zu hoffen, denn der Bundeshaushalt 2007 wird den Maastrich-Kriterien genügen müssen. Schon für dieses Jahr klaffte bei Goethe eine Deckungslücke in Höhe von 11,8 Millionen. Davon gleicht das Institut durch Sparanstrengungen sieben Millionen aus. Bleibt ein echtes Defizit von 4,7 Millionen.

Stolze Immobilien vor Ort sind noch kein Programm

Um diesen Fehlbetrag werden ausgerechnet die Projektmittel gekürzt. Goethe ist auf dem Weg zu einer Organisation, die zwar Gehälter zahlt, aber kaum noch Kulturarbeit macht. Das Institut in New York verfügt über eine Immobilie, die mehr als zwanzig Millionen Euro wert ist. Für Programme stehen in New York ganze 30000 Euro zur Verfügung. Absurd. Das jährliche Defizit wird eher an- denn abschwellen. Es ist strukturell, es resultiert aus Mieten, Honoraren, Transportkosten, vor allem den Tarifverträgen des öffentlichen Dienstes. Das sind Faktoren, die kaum beeinflussbar sind. Im Jahr 2010 wird dieses strukturelle Defizit, wenn niemand eingreift, auf etwa dreißig Millionen Euro angewachsen sein.

Um dem Goethe-Institut ein besseres Wirtschaften zu ermöglichen, stellt das Auswärtige Amt regionenweise von starrer Kameralistik auf Budgetierung um. Statt jede Ausgabe abrechnen zu müssen, steht dann ein Festbetrag zur Verfügung, mit dem eigenverantwortlich gearbeitet wird. Die Bereiche Nordamerika sowie Mittel- und Osteuropa können so bereits flexibler wirtschaften, und in zwei Jahren könnte es das gesamte Goethe-Institut: eine kleine Revolution. Das funktioniert aber nur, wenn zuvor klare finanzielle und inhaltliche Ziele mit dem Auswärtigen Amt vereinbart wurden. Mittlerorganisation und Ministerium rücken näher aneinander.

Der unkündbare Goethe-Generalist im Ausland, der als Diplomat, Szene-Scout, Zirkusdirektor, Kunstkenner und Oberbibliothekar arbeitet, gehört wohl der Vergangenheit an. Spezialisten mit Zeitverträgen werden das Bild künftig stärker prägen. Und warum nicht, Ressourcen sollen ja punktgenauer und kurzfristiger eingesetzt werden. Die Struktur der auswärtigen Kulturarbeit insgesamt wird reagibler. Die Ressourcen gehören dorthin, wo auswärtige Kulturarbeit nötig ist. Konfliktlinien ändern sich in der Welt schnell, aber es sollte dem Goethe-Institut möglich sein, sich innerhalb von drei bis vier Jahren auf neue geografische und kulturelle Schwerpunkte einzustellen.

Nicht überall muss Goethe mit einem eigenen »Drei-Sparten-Haus« vertreten sein, mit Kultur, Bibliothek und Sprachkursen. Das kulturelle Angebot muss auch nicht immer das Gütesiegel »Deutsche Kulturnation« tragen, viel wichtiger sind in Zukunft Kooperationen mit der lokalen Kulturszene. Und wieso soll sich die obligate Künstlerlandverschickung immer nur aus der heiligen Familie der Hochkultur rekrutieren? Man könnte ja auch stärker auf die Bedürfnisse des ausländischen Publikums hören, und wenn das erfolgreich ist, würde sogar für das Goethe-Institut etwas dabei herausspringen. Auch kommerziellere Kooperationen sind immerhin denkbar.

Ohnehin wird Goethe im Konzert mit dem British Council oder dem Maison Française von außen eher als »europäisch« wahrgenommen, wenn nicht als »westlich«. Und wo es tatsächlich als deutsche Einrichtung in einem Land einen politischen Freiraum oder eine Gegenöffentlichkeit garantiert, wie es in den vergangenen 30 Jahren nicht selten der Fall war, sei es in Ostmitteleuropa, in einigen Staaten Afrikas, in Indien oder Thailand, da wird man das Drei-Sparten-Ensemble selbstverständlich unangetastet lassen. Ebenso wie in den Flaggschiffen São Paulo, Delhi, Singapur, Peking oder Kairo. Ziel ist ja, auch dort, wo es die Außenpolitik schwer hat, den Gesprächsfaden fortzuführen, derzeit beispielsweise in Teheran.

Bildschirme können die Auslandskenner nicht ersetzen

Die strukturellen Probleme des Goethe-Instituts sind nicht neu. Immer wieder hatte es Versuche gegeben, seine Arbeit zu modernisieren. Eine Zeit lang hatte der etwas mechanische Gedanke Konjunktur, Menschen durch Bildschirme zu ersetzen und Kulturarbeit als Internet-Auftritt vonstatten gehen zu lassen. Glücklicherweise ist man von dieser Idee wieder abgekommen. Es wäre fatal, die jetzige Generation von Institutsleitern im Ausland zu einem personalpolitischen »Problem« zu erklären. Wenn die auswärtige Kulturarbeit neu ausgerichtet wird, ist diese Generation unverzichtbar. Denn sie ist es, die neue, bisher nicht bei Goethe tätige Mitarbeiter – Künstler, Veranstalter, Scouts – mit ihrer Arbeit vertraut macht. Die Institutsleiter werden den Strukturwandel mit tragen, und sie davon zu überzeugen, dass dies richtig sei, ist Aufgabe ihres Generalsekretärs Hans-Georg Knopp.

Auf den Prüfstand gehört vielmehr das Ausbildungsprogramm, das sich Goethe leistet, um den eigenen Nachwuchs zu sichern. Innerhalb einer beweglicheren Organisation ist personalpolitische Autarkie ebenfalls anachronistisch. Wichtiger wäre, Sachverstand von außen für die auswärtige Kulturarbeit zu begeistern, auf Kenntnisse und Talente zurückgreifen zu können, die in die Routinen des Instituts keinen Eingang mehr finden.

Bisher ist dieses Reformtableau nur Konzept. Im Mai sollen erste praktische Schritte zur Umsetzung beschlossen werden. In einer Zeit, in der politische Konflikte wieder kulturell gedeutet werden, wird dem Goethe-Institut Gewicht zuwachsen. Denn Kulturarbeit wird im Gegenzug auch politischer verstanden werden. Wenn es etwas mehr Netzwerk als Amt ist, erhöht sich der Steuerungsbedarf. Und deswegen gehört es im Grunde mittelfristig auch in die Nähe seines Auftraggebers nach Berlin. Kooperationen mit dem Berliner Haus der Kulturen wären ohnehin sinnvoll. Der geistige Austausch mit der Hauptstadt würde Goethe gut tun.